LONDON (IT BOLTWISE) – Der IfW-Ökonom Moritz Schularick kritisiert den Rüstungsschwerpunkt bei der Beschaffung und fordert mehr Tempo sowie einen zentralen Koordinator im Kanzleramt. Statt eines großen Teils der Mittel in Panzer, Fregatten und veraltete Technologien zu lenken, plädiert er für Investitionen in KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik. Er argumentiert, dass sich das Ziel sonst in der Nachproduktion nicht ausreichend schnell und in großer Menge erreichen lässt. Für die industrielle Umsetzung schlägt er vor, Produktionskapazitäten als „ganze Fabriken“ mit staatlichen Prämien vorzuhalten.

Die Debatte um die Ausrichtung der Bundeswehr-Beschaffung bekommt aus der Volkswirtschaft eine neue Stoßrichtung: Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), stellt nicht nur den Umfang der Mittel in den Mittelpunkt, sondern vor allem die Frage, wie sich die Zahlungsströme in echte Einsatz- und Produktionsfähigkeit übersetzen lassen. Im Kern kritisiert er, dass Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bei Rüstungsinvestitionen aus Schularicks Sicht falsche Akzente setzt: Ein zu großer Anteil der Milliarden landet demnach stärker bei klassischen Großplattformen als bei künftigen Fähigkeitsschwerpunkten. Dabei verweist Schularick auf das von der Bundesregierung geplante Investitionsvolumen von 700 Milliarden Euro bis 2030 zur Modernisierung der Bundeswehr und verbindet diese Größenordnung ausdrücklich mit dem Risiko, dass das Programm bei einer suboptimalen Mittelverwendung „weitgehend verpuffen“ könne.
Technisch betrachtet geht es bei der Kritik nicht um die Frage „ob“ beschafft wird, sondern „wie schnell“ und „wie planbar“ die Industrie im Krisenfall liefern kann. Schularick argumentiert, dass die klassischen Beschaffungslogiken oft auf kleine Stückzahlen, lange Vorlaufzeiten und stark spezialisierte Fertigung ausgelegt sind, etwa bei hochkomplexen, maßgefertigten Systemen. Seine Gegenposition lautet: Wo immer möglich, müsse man von Beginn an Fähigkeiten in den Vordergrund stellen, die sich über digitale Engineering-Prozesse, skalierbare Software- und Hardwarekomponenten sowie wiederholbare Produktionsketten effizienter ausrollen lassen. Er nennt in diesem Zusammenhang KI, Robotik, Drohnen sowie Satellitentechnik und verknüpft die Auswahl der Technologien mit einer realistischen Einsatzperspektive: Es fehle nicht an Kapital oder industrieller Expertise, aber an ausreichend Personal, das „in Panzer steigen“ und an die Front fahren könne.
Für die organisatorische Umsetzung fordert Schularick einen zentralen Koordinator für die militärische Beschaffung – mit politischer Macht und der Fähigkeit, Industrie, Start-ups und Ministerien zu bündeln. Er spricht dabei davon, dass ein einzelnes und „sehr langsames“ Ressort mit der komplexen Aufgabe überfordert sein könne, insbesondere im Zusammenspiel mit der Neuorganisation der deutschen und europäischen Verteidigungsstrategie. Interessant ist auch die konkrete Idee hinter dem Vorschlag: Der Koordinator solle Friktionen ausräumen, Prozesse zusammenführen und Beschaffung stärker auf ein Zielbild ausrichten, statt in Zuständigkeitsgrenzen zu zersplittern. Als potenzielle Rollenmodelle nennt Schularick etwa den früheren Telekom-Vorstandschef René Obermann oder den Ex-Airbus-Chef Tom Enders, wobei der technische Kern der Forderung in der Beschleunigung und Koordinierung der Wertschöpfung liegt.
Markt- und industriepolitisch nimmt Schularick den Produktionsbegriff besonders wörtlich. Er kritisiert die Vorstellung, man könne im Ernstfall lediglich dadurch gewinnen, dass man heute mehr Exemplare ordert. Stattdessen müssten Produktionskapazitäten aufgebaut oder gesichert werden, sodass sich die Ausbringungsmenge im Krisenfall rasch hochfahren lässt. Das Bild, das er dafür nutzt, ist bewusst drastisch: Man bestelle nicht mehr das einzelne Gerät, sondern „die ganze Fabrik“. Der Vergleich lautet dabei, dass eine passende Fabrik im Ernstfall nicht 200, sondern 2.000 Raketen pro Jahr produzieren könnte – eine Kernaussage, die auf den Unterschied zwischen Beschaffung in Stückzahlen und Beschaffung in Systemfähigkeit abzielt. Gerade weil sich solches Vorhalten für ein Unternehmen in Friedenszeiten häufig nicht rechnet, plädiert Schularick dafür, dass der Staat eine Prämie für die Bereitschaft zahlt, anstatt die Kapazität erst dann aufzubauen, wenn der Bedarf längst akut ist.
Diese Argumentation ordnet sich in einen breiteren Trend der vergangenen Jahre ein: Verteidigungsplanung wird zunehmend als Gleichung aus Technologien, Lieferketten und Personal betrachtet, nicht nur als Beschaffungsbudget. Während klassische Plattformprogramme zwar weiterhin wichtig bleiben, wächst der Fokus auf skalierbare Systeme – und damit auch auf Zulieferer-Ökosysteme, die mit modularen Komponenten, schnell iterierbaren Softwareständen und datengetriebenen Entwicklungsprozessen arbeiten können. In diesem Kontext ist Schularicks Forderung nach KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik auch als Signal an die Innovationslandschaft zu verstehen: Start-ups und mittelständische Zulieferer benötigen nicht nur Aufträge, sondern vor allem verlässliche Rahmenbedingungen, damit aus Pilotprojekten industrielle Fertigungsketten werden. Ebenso relevant ist sein Hinweis auf „wirtschaftliche Prozesse“: Wenn man früh nicht festlegt, wie Produktion, Qualitätssicherung und Nachlieferung gestaltet werden, können selbst gut finanzierte Programme in der Praxis an Engpässen scheitern.
Für Unternehmen und Investoren aus dem Technologiesektor ergibt sich daraus eine konkrete Erwartungshaltung an die Beschaffungsarchitektur: Wer KI- und Automatisierungsfähigkeiten in Hardware und Software anbietet, braucht Schnittstellen, Planbarkeit und eine klare Entscheidung, welche Fähigkeiten im Zielbild priorisiert werden. Der staatliche Part läge dann nicht nur in der Finanzierung einzelner Systeme, sondern in der Ausgestaltung von Kapazitätsverträgen, in denen Bereitschaft, Skalierung und Wiederanlaufzeiten verankert sind. Gleichzeitig hängt die Wirkung der 700 Milliarden Euro bis 2030 entscheidend davon ab, ob die Umsetzung organisatorisch beschleunigt wird – etwa durch einen zentralen Koordinator, der Zuständigkeiten zusammenführt und Beschaffungsentscheidungen stärker in eine konsistente Fähigkeits-Roadmap übersetzt. Schularicks Vorschlag zielt damit weniger auf „mehr Geld“, sondern auf eine Beschaffung, die sich vom Labor- oder Musterstadium in die schnelle Serienfähigkeit überführen lässt.
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