WIEN/LIMASSOL / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Wasserkrise trifft nicht am Wassermangel, sondern an der Entsalzungstechnik: Nur rund 0,3 Prozent der Süßwasserreserven gelten als Trinkwasser. DesertGreener aus Wien stellt dafür eine solar-autonome Meerwasser-Entsalzung in den Fokus – und koppelt sie an ein Geschäftsmodell ohne teuren Anlagenkauf. Kommunen sollen künftig nicht die Infrastruktur finanzieren, sondern nur den gelieferten Wasserbedarf über langfristige Abnahmeverträge. Das Unternehmen will außerdem bestehende Umkehrosmose-Anlagen entlasten, indem es die zurückgeführte Sole weiterverarbeitet.

Wenn in der öffentlichen Debatte von „genug Wasser“ die Rede ist, meint das fast immer den globalen Wasserhaushalt. Entsprechend hart ist die Realität der Zahlen: Meerwasser macht 97,5 Prozent aus, Süßwasser liegt bei rund 2,5 Prozent – und davon sind nur etwa 0,3 Prozent als Trinkwasser verfügbar. Genau an dieser Lücke setzt die vorliegende Initiative aus Österreich an: DesertGreener argumentiert, dass Entsalzung zwar grundsätzlich existiert, aber an zwei Engpässen scheitert. Zum einen belasten extreme Kosten, zum anderen verursachen die Verfahren einen hohen Energieverbrauch. Der Ansatz zielt deshalb nicht nur auf eine Technologieänderung, sondern auf eine wirtschaftliche Entkopplung zwischen Anlagenbau und Wasserlieferung.
Technisch betrachtet richtet sich der Blick auf das, was bei konventionellen Anlagen häufig als Nebenstrom zurückgeht: die Sole. Bei klassischer Umkehrosmose werden Medienberichte zufolge 50 bis 70 Prozent des angesaugten Meerwassers als Sole in den Meerraum zurückgeführt. DesertGreener beschreibt sein Verfahren als WME-Towers bzw. WME-MVC-Prozess, der aus Meerwasser solar-autonom Trinkwasser sowie Mineralien erzeugen soll – ohne fossile Brennstoffe. Für die Praxis ist dabei entscheidend, dass das System nicht zwingend als komplett neue „Insel“ geplant werden muss, sondern sich an bestehende Entsalzungsinfrastruktur anschließen lässt. Die Idee lautet: Statt zusätzlicher Liter Meerwasser ein zweites Nutzungsszenario für den Sole-Output zu erschließen und damit die Kapazität vorhandener Anlagen zu erhöhen.
Der zweite Hebel ist das Geschäftsmodell, das in der Branche bislang ein anderes Risiko-Profil erzeugt. Konventionelle Entsalzungs-Anlagen erfordern nach den Angaben im Text typischerweise drei bis fünf Kilowattstunden Strom pro Kubikmeter, zudem Investitionen in Millionenhöhe. Damit verschiebt sich die Entscheidungskraft meist zu größeren Akteuren, etwa zu Regionen mit finanzieller Stärke. Für kleinere Gemeinden wird die klassische Logik laut Vorlage schnell zu einer Frage der Verschuldung: Sie sollen die Anlage auf eigene Kosten anschaffen, das Investitionsrisiko tragen und laufende Betriebs- und Reparaturkosten schultern. DesertGreener dreht diese Verteilung um: Die Gemeinde kauft dem Modell zufolge keine Anlage, DesertGreener errichtet und betreibt die Anlage auf eigene Kosten, und die Gemeinde kauft lediglich das Wasser über eine Abnahmeverpflichtung von 30 Jahren zu einem festgelegten Mindesttarif. Entscheidend ist außerdem die Absicherung über eine Bankgarantie, die auf unverzichtbares Gemeindeeigentum gelegt werden kann, wobei die Auslösung an den tatsächlichen Wasserbezug gekoppelt bleibt.
In der Umsetzung soll das Ganze zunächst durch einen Pilotbetrieb überprüfbar werden. Der Text nennt als Testumgebung die PROTEAS Facility des Cyprus Institute auf Zypern, wo die DesertGreener-Meerwasser-Entsalzungs-Pilotanlage derzeit erprobt wird. Auffällig ist dabei die politische und kommunale Resonanz: Schon am ersten Tag seien mehrere Bürgermeister und Gemeinderäte zypriotischer Küstengemeinden zu Besichtigungen angereist. Solche Besuche sind nicht automatisch gleichbedeutend mit einem Milliardenauftrag, geben aber ein Indiz dafür, dass das neue „Wasser statt Anlagenkauf“-Narrativ die entscheidenden Einkaufs- und Haushaltsfragen adressiert. Gerade wenn die bisherige Hürde eine Jahrhundert-Investition gewesen ist, lässt sich die Umstellung auf einen Liefervertrag wesentlich leichter in kommunale Planungszyklen einordnen.
Für den Marktanspruch liefert der Text eine klare geografische Spannbreite. Rund 150 Staaten kämen demnach grundsätzlich für die Technologie infrage, darunter Mittelmeerküsten wie Spanien, Italien und Griechenland sowie Regionen in den USA, in Asien und in der Karibik. Der strategische Punkt dahinter ist weniger „Neubau überall“, sondern Skalierung über die vorhandene Entsalzungslandschaft. Zypern dient dabei als Rechenbeispiel: Für die fünf großen Anlagen auf der Insel wird ein Bedarf von etwa 750 Türmen (WME-Towers) genannt. Auf Wettbewerbsebene ist das relevant, weil Skalierung bei Entsalzung bislang oft mit dem Ausbau kompletter Anlagenparks gleichgesetzt wurde. Wenn ein modularer Ansatz die Rückgewinnung aus Sole in den Vordergrund rückt, verschiebt sich das Beschaffungsrisiko und damit potenziell auch der Wettbewerb um Betreiberverträge, Wartung und langfristige Wasserpreise. Zusätzlich unterstreicht der Text, dass die Produktionskapazitäten bereits vorbereitet werden und ab Herbst 2026 eine industrielle Serienfertigung starten soll.
Ein weiterer Aspekt, der für Entscheider in Kommunen und bei Versorgern praktisch ist, betrifft die Lieferlogik und die operative Verlässlichkeit. Ein 30-jähriger Abnahmevertrag wirkt auf den ersten Blick wie ein Instrument, um Planungssicherheit zu geben – und genau das verspricht DesertGreener: kein Anlagenkauf, keine Investitionskosten, kein Betriebsrisiko auf Seiten der Gemeinde, dafür Wasser zu planbaren Preisen. Technisch heißt das nicht automatisch, dass die Betreiberseite keinerlei Pflichten hat; aber die Verteilung von Kostenblöcken wird vorverhandelt. In der Breite kann das die Schwelle senken, mit der Projekte bisher an Finanzierung und Betriebssicherheit scheiterten. Für die kommenden Jahre bedeutet die angekündigte Serienfertigung zusätzlich, dass auch Lieferketten und Engineering-Ressourcen mitgezogen werden sollen – inklusive der Verfügbarkeit von Fertigungskapazitäten bei europäischen Zulieferern und Engineering-Unternehmen, wie sie im Text mit Blick auf die Autoindustrie adressiert wird.
Am Ende steht eine klare industriepolitische Hypothese: Entsalzung soll aus dem Status eines exklusiven Infrastrukturprojekts herauskommen und stärker wie ein wiederkehrender Versorgungsservice organisiert werden. Wenn die Technologie das Versprechen „solar-autonom ohne fossile Brennstoffe“ tatsächlich über die Pilotphase hinaus erfüllt, wird sie nicht nur an der Technik gemessen, sondern an der wirtschaftlichen Struktur des Angebots. Denn in der kommunalen Praxis entscheiden oft nicht die besten Laborwerte, sondern die Frage, wer das Risiko im Fall von Verzögerungen, Reparaturen oder schwankenden Energiepreisen trägt. Mit dem beschriebenen Modell wird genau diese Risikoverteilung zum zentralen Produktbestandteil – und die nächste messbare Etappe besteht darin, wie schnell aus Pilotstandorten belastbare Verträge und replizierbare Kapazitätsaufbauten werden.
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