LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Startup und die Heriot-Watt-Universität arbeiten daran, salzige Molke aus der Käseproduktion als Ressource zu nutzen. Das Projekt zeigt, wie die in der Molke enthaltenen Zucker in einem biobasierten Verfahren zu Bioethanol umgewandelt werden können. Damit sollen sich Entsorgungskosten senken und zugleich neue biobasierte Produkte ermöglichen lassen. Parallel prüfen die Beteiligten auch mobile Produktionseinheiten nahe am Entstehungsort der Nebenprodukte.

Salzige Molke als Rohstoff: Startup macht daraus Bioethanol
Salzige Molke als Rohstoff: Startup macht daraus Bioethanol (Foto: IT BOLTWISE)
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Salzige Molke ist in vielen Molkereien ein Nebenprodukt, das sich nicht einfach „wegorganisieren“ lässt. Die Kombination aus Milchzucker und hohem Salzgehalt macht die Entsorgung im Alltag aufwendig und teuer. Genau hier setzt ein gemeinsames Vorhaben von Take Root Bio und der Heriot-Watt-Universität an: Aus einem Material, dessen Entsorgung häufig schwierig und kostenintensiv ist, soll über einen biobasierten Prozess wieder verwertbarer Mehrwert entstehen. In der Logik des Projekts steht dabei nicht nur die Umwandlung eines Stoffes im Labor, sondern der Kreislaufgedanke, der Abfall vermeiden und Ressourcen möglichst lange im System halten soll.

Technisch betrachtet knüpft der Ansatz an die Frage an, welche Rolle Zuckerketten bei der Fermentation spielen können. Die Beteiligten untersuchten, wie sich die in der salzigen Molke enthaltenen Zucker über einen biobasierten Prozess so umwandeln lassen, dass am Ende Bioethanol entsteht. Dabei entsteht auch ein Nebenstrom, der potenziell zurückgewonnen und wiederverwendet werden könnte. Das ist für eine spätere Industrienutzung besonders relevant, weil gerade bei Stoffströmen mit hoher Salzlast und wechselnder Zusammensetzung die Prozessführung oft am „Nebenstrom“ entscheidet: Wie gut lässt sich der Prozess stabil betreiben, und welche Rückgewinnung lohnt sich nach dem eigentlichen Umwandlungsschritt?

Für die Marktrelevanz liefert die Größenordnung aus dem Vereinigten Königreich ein klares Signal. Laut Angaben im Projektkontext fallen dort jährlich rund 95.000 Tonnen Molke aus der Herstellung von Cheddar und ähnlichen Käsesorten an. Eine einzelne Molkerei kann wöchentlich Zehntausende Liter produzieren; entsprechend groß ist der Druck, nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Lösungen für den Umgang mit dem Nebenprodukt zu finden. Obwohl die Entwicklung zunächst auf Molkeabfälle zielt, folgt der Gedanke einem breiteren Muster: Take Root Bio bringt Erfahrungen aus dem Umfeld von „Biosphären-Engineering“ ein, in dem Ressourcen extrem effizient genutzt werden müssen. Diese Denke wird im Projekt auf die Realität industrieller Lebensmittelketten übertragen, in denen bisherige Entsorgungswege oft die stärksten Kostenblöcke darstellen.

Die Partnerschaft ist zugleich ein Beispiel dafür, wie industrielle Biotechnologie in der Praxis zwischen akademischer Prozesskompetenz und Netzwerkunterstützung entsteht. Take Root Bio arbeitete hierfür mit dem International Centre for Brewing and Distilling (ICBD) zusammen, unterstützt vom Industrial Biotechnology Innovation Centre (IBioIC), das die beteiligten Organisationen über sein Branchennetzwerk zusammengeführt hat. Heriot-Watt verfügt laut Projektbeschreibung seit 1903 über Spezialisierung in Brauerei und Brennerei und baut diese Expertise auf biobasierte Lösungen und Kreislaufwirtschaft aus. Inhaltlich ergänzen sich damit zwei Perspektiven: Startup-Umsetzung und Skalierbarkeit einerseits sowie akademische Expertise bei Fermentationsentwicklung und der Bewertung, wie sich Nebenprodukte aus der Lebensmittel- und Getränkeindustrie systematisch „upcyclen“ lassen.

Dass dabei nicht nur eine einzelne Stoffumwandlung im Fokus steht, zeigt auch die geplante Weiterentwicklung in Richtung Produktion in der Fläche. Die Projektbeteiligten prüfen, ob mobile Produktionseinheiten näher an den Produktionsstätten der Nebenprodukte eingesetzt werden könnten, um den Transportaufwand zu senken und die Skalierbarkeit zu verbessern. In der Industrie ist das ein entscheidender Hebel, weil Molke als Prozessmaterial typischerweise mit Logistik- und Qualitätsfragen verbunden ist: Zusammensetzung, Belastung und Zeitfenster verändern sich, sobald das Material die Anlage verlässt. Eine „near-source“-Produktion kann hier helfen, gleichzeitig aber entstehen neue Anforderungen an Technik und Betrieb, etwa bei Hygiene, Prozessüberwachung und der robusten Anpassung an Schwankungen.

Parallel wird aus dem Projekt heraus der Blick auf weitere Nebenströme ausgedehnt. Wie aus der Projektbeschreibung hervorgeht, wollen Take Root Bio und Heriot-Watt untersuchen, ob ähnliche Techniken auch auf andere Nebenprodukte aus der Lebensmittel- und Agrarindustrie übertragbar sind, darunter Abfälle aus der Obst- und Gemüseverarbeitung. Genau diese Übertragbarkeit ist für Entscheider in der Branche interessant: Wenn ein biobasiertes Verfahren nicht nur für einen einzelnen Stoff funktioniert, sondern sich als modulare Upcycling-Kette denken lässt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Investitionen über mehrere Produktionslinien rechnen. Für Unternehmen in Milchverarbeitung und darüber hinaus kann das ein Weg sein, Entsorgungsrisiken in eine planbarere Wertschöpfung zu verwandeln – allerdings erst, wenn Prozessstabilität, wirtschaftliche Skalierung und die Rückgewinnung aus Nebenströmen in der Praxis gleichermaßen überzeugen.


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