LONDON (IT BOLTWISE) – Oracles Aktie hat sich im NASDAQ-Handel deutlich erholt, nachdem sie zuvor stark nachgegeben hatte. Der Softwarekonzern investiert weiter massiv in KI-Infrastruktur, finanziert den Ausbau jedoch überwiegend über Fremdkapital und langfristige Leasingverträge. Ratingagenturen signalisieren dafür seit Wochen erhöhte Risiken für die Bonität, während neue Partnerschaften mit Quantencomputing den Wachstumspfad zumindest technologisch stützen. Gleichzeitig bleibt das gemeinsame Energieprojekt zu Project Jupiter in New Mexico nach Ablehnungen durch Regulierer vorerst blockiert.

Oracles Aktie hat nach einem deutlichen Rücksetzer am Dienstag am Mittwoch spürbar zurück in die Spur gefunden: Im NASDAQ-Handel stieg das Papier zuletzt um 2,35 % auf 148,91 US-Dollar, nachdem es am Vortag um 3,69 % auf 145,48 US-Dollar gefallen war. Die technische Gegenbewegung allein erklärt die Erholung jedoch nicht, denn sie trifft auf eine Phase, in der Anleger den KI-Infrastrukturaufbau des Unternehmens zunehmend unter dem Blickwinkel der Finanzierungskosten und der Bilanzkennzahlen bewerten. Genau hier wird Oracle im Vergleich zu vielen anderen Cloud- und Hyperscale-Spielern zum Sonderfall.
Der Kern der aktuellen Nervosität liegt in der Art, wie der Ausbau finanziert wird: Während große Technologiekonzerne ihre Cloud-Investitionen häufig aus eigenen Kassenreserven stemmen, setzt Oracle laut der vorliegenden Analyse in einem größeren Umfang auf Fremdkapital und langfristige Leasingverträge. Die Zahlen untermauern das Bild: Oracles Verschuldung lag zuletzt bei rund 129,5 Milliarden US-Dollar, also etwa dem 4,3-Fachen des EBITDA. Dazu kommen rund 260 Milliarden US-Dollar an Rechenzentrums-Leasingverträgen, die bislang nicht als Schulden verbucht werden. Für Ratingagenturen und Kreditmärkte ist diese Kombination aus hoher Verschuldung und cashflow-belastenden Investitionszyklen ein Warnsignal.
Für die kurzfristige Planung ist besonders relevant, wie stark sich das Investitions- und Cashflow-Profil zuletzt verändert hat. Im Geschäftsjahr 2026 rutschte der freie Cashflow auf minus 23,7 Milliarden US-Dollar, während die Investitionsausgaben für Rechenzentren um 162 % auf 55,7 Milliarden US-Dollar stiegen. Für 2027 nennt Oracle zudem eine Netto-Investitionssumme von rund 70 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig zeigt das Unternehmen, dass es den Kapitalbedarf aktiv adressiert: Bereits 2026 nahm Oracle 43 Milliarden US-Dollar an neuen Schulden sowie 5 Milliarden US-Dollar über Eigenkapital auf; für 2027 sind weitere rund 40 Milliarden US-Dollar an kombinierter Finanzierung vorgesehen, inklusive eines Aktienprogramms über bis zu 20 Milliarden US-Dollar. In der Summe wirkt das wie ein laufender Kraftakt, der auch bei guter Auftragslage die Finanzierungskonditionen in den Vordergrund rückt.
Auf der Watchlist stehen zudem konkret die Bonitätseinstufungen: S&P Global Ratings stufte die Kreditwürdigkeit von Oracle Anfang Juli von BBB auf BBB- herab. Moody’s hatte bereits im Februar auf einen negativen Ausblick mit der Einstufung Baa2 verwiesen, unter anderem mit dem Hinweis, kein anderer Hyperscaler investiere im KI-Infrastrukturaufbau so stark in Relation zu Verschuldung und Cashflow. Dass die Wette auf KI nicht auf Vermutungen basiert, zeigt gleichzeitig der Auftragsbestand: Die Remaining Performance Obligations erreichten zuletzt 638 Milliarden US-Dollar, getragen unter anderem durch einen Fünfjahresvertrag mit OpenAI über rund 300 Milliarden US-Dollar, der 2027 beginnt. Allerdings ist ein Großteil dieses Bestands an die Perspektive eines einzigen Kunden gekoppelt, dessen finanzielle Stabilität außerhalb von Oracles direkter Kontrolle liegt.
Parallel zur Bilanzdebatte sorgt auch der strategische Technologiefokus für Schlagzeilen: Am Dienstag kündigten Oracle und der Quantencomputer-Spezialist Quantinuum eine mehrjährige Partnerschaft an. Der Quantencomputer Helios soll in einem US-Rechenzentrum von Oracle Cloud Infrastructure für hybride Quanten-KI-Anwendungen bereitgestellt werden. Helios wird dabei als 98-Qubit-System mit einer Zwei-Qubit-Gate-Fidelity von 99,921 % beschrieben, das bereits im November 2025 kommerziell gestartet sei und nach Angaben der Beteiligten weniger als 1 % der Leistungsaufnahme führender Supercomputer benötige. Der eigentliche kommerzielle Nutzen der Technologie zeichne sich aber laut den Beteiligten erst mittelfristig ab – was für den Aktienmarkt zumindest kurzfristig eher ein Optionswert als ein unmittelbarer Ergebnishebel sein dürfte.
Ein weiterer Belastungspunkt liegt in einem Projekt, das zeigt, wie eng KI-Expansion mit Energie- und Infrastrukturfragen verknüpft bleibt. Das gemeinsame Rechenzentrumsprojekt mit OpenAI, Project Jupiter, wurde regulatorisch gebremst: Die Aufsichtsbehörden von New Mexico lehnten die Genehmigung für die zugehörige Gaspipeline zum zweiten Mal ab. Als Begründung nannten sie Umweltbedenken sowie einen zu geringen Nutzen für den Bundesstaat. Damit bleibt die Geschwindigkeit des Ausbaus nicht nur eine Frage der Finanzierung, sondern auch der Genehmigungsfähigkeit der Energiezufuhr – und genau diese Kette aus Investition, Genehmigung und Cash-Umsetzung entscheidet häufig darüber, wie schnell sich strategische Kapazitäten in Umsätze und Margen übersetzen lassen.
Ob die Erholung vom Mittwoch in eine länger anhaltende Rally mündet, dürfte laut Marktlogik vor allem daran hängen, wie Kreditmärkte und Ratingpfad die nächste Finanzierungsrunde für den KI-Ausbau bewerten. Der nächste Zahlentermin ist vorläufig für Mitte September 2026 vorgesehen und dürfte frische Informationen zu Cashflow-Entwicklung, Investitionsplanung und dem Umgang mit den hohen Leasing- und Schuldenkomponenten liefern. Für Entscheider in IT- und Cloud-Umgebungen bleibt dabei ein praktischer Punkt: KI-Infrastruktur wird im nächsten Schritt nicht nur über Modellqualität entschieden, sondern ebenso über die Nachhaltigkeit der Kapitalstruktur und die Fähigkeit, Rechenzentren planbar an die Energieversorgung zu koppeln.
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