LONDON (IT BOLTWISE) – Die mexikanische UNAM setzt für die Zulassung erstmals auf eine KI-gestützte Überwachung bei Online-Tests. Tausende Ergebnisse wurden dennoch annulliert, weil auffällig viele perfekte Punktzahlen und andere extreme Verteilungen gemeldet wurden. Betroffene warten nun auf die Entscheidung, ob sie zum Semesterstart am 10. August zugelassen werden. Gleichzeitig eskaliert die Debatte politisch, während eine zweite Kontrollprüfung für einen großen Teil der Kandidatinnen und Kandidaten geplant ist.

UNAM-KI-Überwachung im Zulassungsstresstest: Betrugsverdacht nach perfekten Noten
UNAM-KI-Überwachung im Zulassungsstresstest: Betrugsverdacht nach perfekten Noten (Foto: IT BOLTWISE)
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Beim ersten Online-Zulassungstest der UNAM sollte Künstliche Intelligenz den Ausschlag geben: Das System versprach die Erfassung von auffälligem Verhalten, damit menschliche Prüfer Verstöße gezielt bewerten können. Genau dieses Versprechen trifft nun auf einen massiven Vertrauensbruch, denn die Universität hat die Einschreibung ausgesetzt, während sie einen Betrugsvorwurf in Zusammenhang mit mutmaßlich verbreitetem Cheating untersucht. Im Zentrum steht die Frage, wie sich ein Testformat mit rund 150.000 Teilnehmenden so derart verfehlen konnte, dass Ergebnisse mit nahezu perfekten Punktzahlen auffällig stark gehäuft auftraten.

Der Einzelfall Daniel Fernando García Velázquez zeigt dabei, wie hart die Folgen in der Praxis sind. Er musste viermal anreisen, bevor er im Juni mit 94 von 120 Punkten sein Ziel im Studiengang Kommunikation und Journalismus an der Escuela Nacional de Estudios Superiores „Aragón“ erreichte. Für die ersten drei Versuche galt laut UNAM: Der Test muss vor Ort absolviert werden. Beim vierten Versuch wurde derselbe Prozess erstmals online durchgeführt, und trotzdem bleibt Velázquez in der Schwebe: Wegen der laufenden Untersuchung darf er möglicherweise nicht zum Semester am 10. August zugelassen werden, obwohl er nach dem Ergebnis selbst nicht zu den verdächtigen Fällen zählt.

UNAM erklärte, sie habe rund 3.000 Prüfungen annullieren müssen – etwa 2 % der insgesamt rund 150.000 Tests. Die Begründung lautet auf „Verhaltensweisen, die nicht mit dem Call for Applications und den universitären Regelwerken übereinstimmen“. Der eigentliche Alarm für viele Betroffene kam später: Die Verteilung der Resultate zeigte nach den Angaben im Bericht überdurchschnittlich viele perfekte Punktzahlen; außerdem stiegen auch die Zahlen jener, die gar keine oder nur ein bis zwei korrekte Antworten erzielten. In der Folge wird in dem Kontext diskutiert, ob KI-gestützte Werkzeuge beim Lösen halfen oder ob Fragen im Vorfeld beschafft wurden – zusätzlich nährt die Existenz viraler Erklärvideos auf sozialen Plattformen den Verdacht, dass das Proctoring-Setup gezielt umgangen werden konnte.

Die politischen Dimensionen sind inzwischen real. Präsidentin Claudia Sheinbaum, selbst UNAM-Absolventin in der Physik, forderte, die zuständigen Ermittlungsbehörden einzubeziehen, um Licht ins Dunkel zu bringen. Parallel äußern sich Studierende, die sich unfair behandelt fühlen, zunehmend skeptisch gegenüber dem KI-Überwachungssystem: Viele sehen darin die Ursache, nicht die menschliche Kontrolle. In einem Interview erklärte Alma Maldonado, Mitglied einer eingesetzten technischen Kommission: „It’s really shocking because of the number of students who got a perfect score on the exam, something we hadn’t seen before; the number has tripled compared to previous years, “ und sie ergänzte: „Also, the number of students who didn’t get any correct answers or only got one or two correct also went up, which raises a lot of suspicion.“ Solche Aussagen liefern keine Technikdiagnose im Detail, aber sie beschreiben sehr deutlich das Muster, das intern zur Eskalation führte.

Technisch betrachtet verschiebt sich damit die Diskussion von „KI kann Betrug verhindern“ hin zu „KI erkennt möglicherweise nur bestimmte Betrugsformen“. Das beauftragte Unternehmen, das die Prüfung abgewickelt hat, verteidigt sein Vorgehen und betont, Integrität hänge nicht allein von der Technologie ab. UNAM selbst hatte das System als Kombination gedacht: technologische Sicherheit plus akademische Sicherheit, damit KI-Daten in eine menschliche Bewertung übersetzt werden können. Dennoch berichten einzelne Kandidaten von realen Umgehungsansätzen; so beschreibt Daniel Flores Miranda, er habe von einem Bekannten ein Computerprogramm angeboten bekommen, das die Prüfung für ihn lösen sollte, zu einem Preis von 2.500 Pesos (etwa 150 US-Dollar). Selbst wenn einzelne Personen das Tool nicht genutzt haben, zeigt diese Art von Angebot, dass der Markt für „Prüfungstuning“ und Umgehungsservices existieren kann.

Wie es weitergeht, ist inzwischen konkreter, aber nicht für alle gleich: UNAM will nach Angaben des Berichts eine Kontrolle in Präsenz für alle Bewerberinnen und Bewerber durchführen, die in diesem Jahr oder in den vergangenen fünf Jahren eine ausreichende Punktzahl für den Einzug gehabt hätten. Damit sind rund 58.000 Personen betroffen. Die Termine und Orte der Nachprüfung wurden noch nicht veröffentlicht; die Empfehlung der Kommission lautet jedoch, den Vorgang „so bald wie möglich“ durchzuführen, um die Auswirkungen auf das laufende Semester gering zu halten. UNAMs Rektor Leonardo Lomelí stellt daneben auf ethisches Verhalten ab: „Plotting not only harms the institution, it harms society as a whole, it erodes the social fabric, it is a practice that we must eradicate.“ Das klingt nach einer Wertebotschaft, ist aber auch eine organisatorische Leitplanke – denn sie setzt den Ton für zukünftige Prüfungsdesigns.

Für Universitäten und Unternehmen, die Proctoring-Lösungen evaluieren, ist der Fall vor allem ein Lehrstück zur Robustheit von KI-gestützter Prüfungsüberwachung. Entscheidend ist weniger, ob ein System „KI“ im Namen trägt, sondern wie gut es gegen die reale Bandbreite an Umgehungstechniken abgesichert ist, wie klar die Entscheidungswege zwischen Techniksignalen und menschlicher Bewertung definiert sind und wie schnell eine Universität auf statistische Auffälligkeiten reagieren kann. Wenn eine Online-Prüfung zudem viele Tausende Teilnehmende auf wenige harte Schwellenwerte ausrichtet, werden Muster wie ein „Tripling“ perfekter Scores zu einem Systemproblem, das Vertrauen, Zulassung und Planung zugleich betrifft. Genau deshalb wird sich die Frage nach der Balance aus Zugänglichkeit und Sicherheit – also mehr Chancengleichheit versus prüfungsfeste Integrität – bei der nächsten Generation digitaler Hochschulprüfungen nicht aus dem Diskurs verabschieden.


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