LONDON (IT BOLTWISE) – Die Zahl der Firmeninsolvenzen in Deutschland erreicht im ersten Halbjahr 2026 mit rund 12.900 Fällen den höchsten Stand seit 2013. Creditreform rechnet mit einer anhaltenden „Krisenzange“ aus schwacher Konjunktur sowie Belastungen durch Energie, Steuern und Regulierung. Der Höhepunkt der Pleitewelle soll erst gegen Ende 2026 erreicht werden, eine Trendwende frühestens 2027. Besonders betroffen seien zunehmend auch größere Unternehmen mit mehreren hundert Beschäftigten.

Insolvenzen in Deutschland: Creditreform erwartet Krise noch bis Ende 2026
Insolvenzen in Deutschland: Creditreform erwartet Krise noch bis Ende 2026 (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Insolvenzstatistik in Deutschland wird 2026 zunehmend zu einem Belastungstest für Planbarkeit in der Wirtschaft. Im ersten Halbjahr wurden laut den Angaben, die Creditreform in den Vordergrund stellt, rund 12.900 Unternehmensinsolvenzen gezählt – so viele Fälle wie seit 2013 nicht mehr. Entscheidend ist dabei nicht nur das Niveau, sondern die zeitliche Erwartung: Creditreform-Wirtschaftsforscher Ludwig Hantzsch ordnet die Entwicklung als „Krisenzange“ ein und macht deutlich, dass der eigentliche Höhepunkt der Pleitewelle noch bevorstehen dürfte. Eine Trendwende erwartet er demnach frühestens ab 2027, wobei Ende 2026 als wahrscheinlichere Phase des Maximalpunkts genannt wird. Für Entscheider in Unternehmen, Banken und Lieferketten klingt das vor allem nach einem längeren Durchhaltefenster – aber auch nach verstärktem Risiko-Management.

Hinter dem Begriff „Krisenzange“ steht eine doppelte Wirkung: Auf der einen Seite drücken laut Hantzsch Faktoren wie geopolitische Konflikte, US-Zölle und eine schwächere Nachfrage aus China. Auf der anderen Seite wirken binnenwirtschaftliche Lasten wie hohe Energiepreise, Steuern sowie eine umfangreiche Regulierung. Diese Kombination ist im Krisenverlauf besonders tückisch, weil sie mehrere Stellschrauben gleichzeitig verkürzt: Sinkende Auftragseingänge treffen auf höhere Fixkosten, und zusätzliche regulatorische Anforderungen erhöhen den Aufwand, während Liquidität ohnehin knapper wird. In der Praxis bedeutet das oft, dass Betriebe zwar operativ noch produzieren oder Leistungen erbringen, aber die Kostenstruktur die Finanzierung über den Markt zunehmend schwerer macht.

Die Zahlen liefern dafür einen konkreten Anker. Creditreform beschreibt, dass insgesamt rund 27 Prozent der Betriebe finanziell unter Druck stehen. Bei 7,5 Prozent reicht das operative Ergebnis nicht mehr aus, um Zinszahlungen zu decken – ein Signal dafür, dass es nicht nur um Umsatzschwäche geht, sondern um eine Deckungslücke im Cashflow-Profil. Für Gläubiger schätzt die Auswertung zur Jahresmitte eine Schadenssumme von 28,5 Milliarden Euro. Besonders relevant ist zudem der Hinweis, dass nicht mehr ausschließlich kleine Betriebe betroffen seien: Zunehmend geraten auch größere Unternehmen mit mehreren hundert Beschäftigten unter Druck. Damit verschiebt sich das Risiko von punktuellen Insolvenzen hin zu Fällen mit potenziell breiterem wirtschaftlichem Ripple-Effect, etwa über Lieferantenketten, Nachfragerelationen und regionale Arbeitsmärkte.

Technisch-ökonomisch lässt sich die Dynamik als Wechselspiel aus Finanzierungskosten, Absatzvolatilität und Anpassungsgeschwindigkeit verstehen. Wenn Energiepreise hoch bleiben und steuerliche bzw. regulatorische Lasten konstant oder steigend wirken, dann sinkt die real verfügbare Marge – selbst wenn Unternehmen ihre Preise nicht im gleichen Tempo erhöhen können. Gleichzeitig können Handelshemmnisse wie Zölle die Beschaffung und den Absatz ausbremsen, besonders für Firmen, die stark in internationale Wertschöpfung eingebunden sind. In solchen Phasen steigen typischerweise Ausfallrisiken gegenüber Lieferanten und Kunden, während Banken bei der Kreditvergabe stärker zwischen „kurzfristig überbrücken“ und „strukturell nicht mehr tragfähig“ trennen. Das erklärt, warum die Insolvenzwelle trotz punktueller Sanierungsversuche oft länger dauert: Selbst bei verbesserten Rahmenbedingungen braucht die Unternehmenslandschaft Zeit, um Schuldenstrukturen, Investitionspläne und Working-Capital-Zyklen neu auszurichten.

Für Unternehmen mit Blick auf den weiteren Verlauf ist die zeitliche Rahmung besonders wichtig. Wenn der Höhepunkt erst gegen Ende 2026 erwartet wird, verschiebt sich die Priorität in Richtung Stabilisierung statt Wachstum, mindestens bis sich die Nachfrage- und Kostenlage erkennbar entspannt. Das kann in der Praxis bedeuten, Prozesse zur Früherkennung von Zahlungsausfällen zu schärfen, Risiken in der Lieferkette konzernweit transparent zu machen und Zahlungsziele aktiv zu verhandeln. Auch Investitionsentscheidungen rücken stärker in den Fokus: Projekte, die in mehreren Quartalen erst Ergebnisse liefern, konkurrieren in der Krise stärker mit Maßnahmen zur Liquiditätssicherung, etwa dem konsequenten Forderungsmanagement oder der Anpassung der Kostenbasis. Dass zunehmend auch größere Unternehmen betroffen sind, erhöht den Druck, solche Maßnahmen nicht nur in Randbereichen, sondern in der gesamten Wertschöpfungskette umzusetzen.

Schließlich lohnt die Einordnung, warum selbst eine mögliche Entspannung nicht sofort die Kurve dreht. Insolvenzen sind oft das Ergebnis langer kumulativer Effekte: Vertragliche Verpflichtungen, laufende Zins- und Tilgungsprofile sowie bereits eingetretene Bestandsverluste wirken zeitverzögert. Außerdem zeigen Sanierungen häufig erst dann Wirkung, wenn Gläubigerstruktur, Vertragskonditionen und Betriebsabläufe konsistent angepasst sind. Für die Gläubigerseite heißt das, dass die Schadensschätzung von 28,5 Milliarden Euro nicht nur als Verlustsumme gelesen werden sollte, sondern als Hinweis auf den Umfang von Restrukturierungsbedarf und Bewertungsanpassungen im Markt. In diesem Umfeld gewinnt auch KI-gestützte Analyse an Relevanz, weil sie Unternehmen dabei helfen kann, Zahlungsausfallmuster früher zu erkennen und Finanzierungsentscheidungen datenbasiert zu strukturieren – vorausgesetzt, die Datenqualität und die Prozessintegration stimmen.

Wenn Creditreform Ende 2026 als potenziellen Peak und 2027 als frühesten Wendepunkt nennt, sollten Entscheider die eigene Risikopolitik daran ausrichten. Nicht jede Maßnahme wirkt sofort, und ein „kurzer“ Puffer kann in der Realität trotzdem mehrere Quartale abdecken müssen. Wer Lieferketten eng führt, Liquidität aktiv steuert und die Kostenblöcke priorisiert, verbessert die Chance, die Krise zu überstehen, bevor sich externe Bedingungen drehen. Zugleich bleibt der Kern der Aussage bestehen: Die „Krisenzange“ greift von zwei Seiten. Solange schwache Konjunktur und binnenwirtschaftliche Belastungen parallel wirken, bleibt die Insolvenzlage ein strukturelles Thema – mit Auswirkungen weit über einzelne Firmen hinaus.


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