HOUSTON / LONDON (IT BOLTWISE) – In einem laufenden Haftungsprozess nach einer Explosion in Houston soll ein beauftragter Experte wesentliche Teile seines Gutachtens mit Hilfe von ChatGPT erstellt haben. Die im Verfahren offengelegten Prompts zeigen, dass der KI-Output gezielt die „Sorgfaltspflichten“ von 3M stützen sollte. Besonders brisant: Bestimmte Formulierungen wurden nicht übernommen, weil die KI sie als leicht angreifbar einstufte. Das Verfahren macht deutlich, dass KI-Transkripte und Prompt-Verläufe im Discovery-Prozess auffindbar sein können.

Die technischen Grenzen von KI-Tools sind im Gerichtssaal inzwischen nicht mehr nur theoretisch. Im Fall um die Explosion in der Produktionsstätte „Watson Grinding“ bei Houston, bei der drei Menschen starben und rund 200 Häuser beschädigt wurden, soll ein von 3M beauftragter Gutachter laut den im Verfahren zugänglich gemachten Chat-Verläufen wesentliche Teile seines Expert Reports mit ChatGPT erstellt haben. Solche Assistenzsoftware ist längst auch in der Rechtsarbeit angekommen – neu ist jedoch die Tiefe, mit der ein KI-System als Text- und Argumentationsgenerator in die professionelle Sachverständigenrolle eingreift.
Als Ursache der Explosion wird in den öffentlich bekannten Ermittlungsangaben der US-Behörde für Chemikaliensicherheit und -untersuchung (U.S. Chemical Safety and Hazard Investigation Board) ein „degraded and poorly crimped rubber welding hose“ genannt, aus dem brennbares Gas austrat, das schließlich in der Anlage explodierte. In der laufenden Auseinandersetzung drehen sich die Vorwürfe der Kläger um mögliche Versäumnisse bei der Wartung und die Funktionsfähigkeit der Gasdetektionssysteme. In der Darstellung der Kläger lautet der Kern: 3M habe das Umfeld nicht ausreichend abgesichert und dadurch die Folgen mitverursacht. Entscheidend ist dabei, dass sich die Frage nicht nur um Fakten dreht, sondern um den Nachweis, welche Standards („standard of care“) im Unternehmen eingehalten wurden.
Die Aktenlage macht den Mechanismus greifbar: Bei der Erstellung eines rund 30-seitigen Berichts nutzte der Gutachter aus der Gerichtsdokumentation zufolge ChatGPT nicht lediglich als Rechtschreibmaschine, sondern als iterative Quelle für Struktur, Formulierungen und Argumentationslinien. Die in den Gesprächen beschriebenen Prompts setzen stark darauf, eine bestimmte Fehler- und Verantwortungsverteilung zu stützen; außerdem wurden dem Modell große Mengen an Gerichtsunterlagen angehängt, damit die Antworten an den Fallkontext „angeheftet“ werden. Dabei fällt auf, dass ChatGPT im Prozessverlauf sogar selbst auf mögliche Angriffsflächen hinwies: Eine Formulierung, nach der 3M „0%“ verantwortlich sei, wurde später aus dem finalen Einreichungsstand herausgehalten, weil die KI sie als leicht angreifbares Ziel für die Gegenseite beschrieb und empfahl, Formulierungen zu wählen, die die Rolle als „neutraler“ Sachverständiger besser schützen.
Auch die technische Ausgestaltung solcher Workflows zeigt die praktische Relevanz: Der Gutachter ließ sich etwa von ChatGPT bei der Einordnung eines Gasdetektors helfen („what am I looking at?“) und ließ sich Modellnamen für industrielle Gasdetektoren ausgeben. Zugleich wurde der Bericht wiederholt überarbeitet, indem der Gutachter Versionen einreichte, Feedback abwartete und neue Fassungen erzeugen ließ. In den Chats tauchen zudem Alltagshandlungen als Kontext auf, etwa das „jog my memory“ beim Durcharbeiten von Herstellerangaben; in der Schlusslogik zeigt das Muster, wie sich Wissensabruf, Formulierung und Konsolidierung ineinander schieben. Vor Gericht wird damit weniger strittig, ob KI „irgendwie“ verwendet wurde, sondern wie vollständig der KI-Anteil war und ob dadurch der Eindruck professioneller Einordnung verschoben wurde.
Für das Prozessrisiko ist außerdem wichtig, wie Discovery arbeitet: Gegenüber Anwälten und Gutachtern gilt, dass KI-Dialogverläufe nicht automatisch verschwinden, sondern bei entsprechender Herausgabeaufforderung oder Auffindbarkeit im Datenraum eine Rolle spielen können. Im konkreten Verfahren soll ein Anwalt die auffällige „Citation Overlay“-Datei entdeckt haben, die als KI-Output erkennbar war, und daraufhin verlangt haben, die verwendeten Prompts offenzulegen; die Gespräche wurden dann über mehrere Hundert Seiten bereitgestellt. Solche Details verschieben den Standard der technischen Sorgfalt in Richtung Dokumentationspflicht: Wer ChatGPT für ein Gutachten nutzt, muss nicht nur Inhalte prüfen, sondern auch die Nachvollziehbarkeit der Entstehungskette erwarten.
Der Markt- und Branchenbezug ergibt sich daraus, dass sich KI-gestützte Textarbeit in Hochrisikokontexten wie Haftungsprozessen in kurzer Zeit von „Drafting-Hilfe“ zu „Evidenzbestandteil“ wandeln kann. In der Geschichte des Einsatzes generativer KI im Recht gab es bereits Fälle, in denen KI-Argumente verworfen oder mit geringerem Gewicht bewertet wurden, etwa in Streitigkeiten zu Überschwemmungs- und Pflanzenwirkungen, weil die richterliche Beurteilung Expertise an eine Person mit konkreten Qualifikationen knüpft. In diesem 3M-Fall wiederum wird nicht nur über die Qualität des KI-Outputs diskutiert, sondern über die Rolle des Sachverständigen selbst. Das Urteil der Jury verteilte Verantwortung mit 30 Prozent auf 3M und 70 Prozent auf „Watson Grinding“; darüber hinaus wurden früheren Entscheidungen zufolge bereits erhebliche Summen zugesprochen, sodass die wirtschaftliche Tragweite der Gutachtenarbeit real messbar wird.
Für Unternehmen und Anwaltskanzleien folgt daraus eine klare Konsequenz: KI darf im juristischen Kontext nicht als inhaltliches „Abkürzungstool“ verstanden werden, sondern als System mit prüfbarer Herkunft, potenziellen Verzerrungen und einem nicht zu unterschätzenden Leckagerisiko in Richtung Prompts, Transkripte und Tool-Zwischenstände. Gleichzeitig ist die Compliance- und Kontrollaufgabe nicht nur rechtlicher Natur. Technisch bedeutet das: Versionierung, Review-Protokolle, eindeutige Verantwortlichkeiten und die strikte Trennung zwischen KI-Entwurf und sachverständiger Schlussfolgerung müssen in der Praxis so organisiert sein, dass sich eine kritische Prüfung auch im Discovery-Fall belastbar bestehen lässt.
Das zentrale Signal des laufenden Verfahrens ist damit weniger ein reiner Skandal, sondern ein Sicherheits- und Prozessengineering-Thema. Sobald KI-Dialoge im Streitfall auffindbar werden, steigt der Aufwand für alle Beteiligten, die Qualität der generierten Texte und die Rolle des menschlichen Experten sauber zu belegen. Für die nächste Generation gerichtsfester KI-Workflows wird deshalb entscheidend, wie gut sich Tool-Nutzung, Eingaben und Prüfentscheidungen nachweisen lassen – und wie konsequent sich Unternehmen gegen den Effekt absichern, dass ein KI-gestützter Entwurf im Zweifel den Eindruck der „Sachverständigenneutralität“ verwischt.
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