BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bundesregierung will in ihrer Startup- und Scaleup-Strategie die Rahmenbedingungen in Ostdeutschland gezielt verbessern. Finanzminister Lars Klingbeil und die Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser kündigten dafür einen Branchendialog mit rund 50 jungen Unternehmen an. Ein ausformuliertes Ost-Konzept steht allerdings noch aus, während Förderprogramme passgenauer werden sollen. Im Hintergrund steht auch die Sorge, dass ein möglicher Regierungswechsel in einzelnen Ländern Investitionen und Neugründungen zusätzlich bremsen könnte.

Kurz vor den Landtagswahlen stellt die Bundesregierung das Wachstumsthema im Osten Deutschlands in den Mittelpunkt ihrer Startup- und Scaleup-Strategie. In Berlin kündigten Finanzminister Lars Klingbeil und die Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser (beide SPD) an, den Fokus stärker auf die Rahmenbedingungen in Ostdeutschland zu legen. Klingbeil sprach dabei sinngemäß von einer „neuen Gründerzeit“, startete aber gleichzeitig nicht mit einem fertigen Maßnahmenpaket, sondern mit einem Branchendialog im eigenen Ministerium. Rund 50 junge Unternehmen aus ostdeutschen Bundesländern nahmen daran teil – ein Signal, dass zunächst die praktischen Engpässe direkt im Gespräch identifiziert werden sollen.
Technisch betrachtet geht es bei solchen Rahmenbedingungen weniger um einzelne Tools als um die Pipeline von der Idee bis zur skalierenden Organisation: Finanzierung, Transferwege aus Forschung und Hochschulen, Rechts- und Verwaltungsprozesse sowie die Verfügbarkeit von Folgekapital. Klingbeil ordnete die Initiative deshalb in die Erwartung ein, Förderprogramme im Zuge der neuen Strategie „zielgerichteter“ auszugestalten. Auch Kaisers Diagnose zielt auf das Ökosystem: Deutschland habe nicht deshalb zu wenige Tech-Giganten, weil es an Talent oder Ideen fehle, sondern weil Unternehmen nicht in gleicher Geschwindigkeit wachsen könnten. Genau hier trifft sich der politische Ansatz mit dem Entwicklungsmodell vieler Deep-Tech-Startups, bei denen Produktreife, Marktzugang und Kapitalbedarfe oft deutlich länger dauern als in klassischen Software-Geschäftsmodellen.
Dass der Osten beim Gründungsgeschehen zumindest teilweise aufholt, liefert dafür den Kontext. Laut Kaiser gab es im ersten Halbjahr 2026 schon deutlich mehr Unternehmensgründungen als im Rekordjahr 2025. Gleichzeitig hinkten die Gründungen in Ostdeutschland in Teilen noch hinter denen im Westen hinterher. Als Standortstärken nennt Kaiser exzellente Hochschulen und eine Forschungsinfrastruktur, die industrielle Anwendung sowie den starken Mittelstand. Der Engpass liege beim Wachstumskapital: Während in vielen Westregionen ein dichteres Netz aus Venture-Capital, Unternehmensbeteiligungen und passenden Exit-Erwartungen für mehr Folgeinvestitionen sorgt, bleibt dieses Kapital im Osten offenbar schwerer zugänglich.
Konkrete Daten unterstreichen den Unterschied in der Startdynamik. Ein Startup-Verband stellte 2025 fest, dass Berlin, Hamburg und Bayern in Relation zur jeweiligen Einwohnerzahl bei Neugründungen weit vorn lagen. Alle ostdeutschen Länder lagen dagegen zum Teil deutlich unter dem Bundesschnitt von 4,3. Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachsen-Anhalt befänden sich laut dieser Auflistung ganz am Ende, während Sachsen und Brandenburg immerhin einen Mittelfeldplatz belegten. Für die praktische Umsetzung bedeutet das: Selbst wenn die Zahl der Gründungen steigt, fehlen im Mittel oft die „Scale“-Stationen, also die Investitionsrunden, in denen Teams aus produktnahen Prototypen echte Marktexpansion mit belastbaren Umsatz- und Wachstumsannahmen machen.
Um diesen Schritt zu ermöglichen, nennt die Ostbeauftragte als Hoffnungsträger unter anderem Branchen wie Mikroelektronik und erneuerbare Energien. In der Startup- und Scaleup-Strategie, die Union und SPD zuvor beschrieben hatten, fielen zudem Bereiche wie DeepTech, BioTech und DefenceTech. Gleichzeitig bleibt der konkrete Weg für Ostdeutschland bislang unklar: Eine ausformulierte, eigene Strategie für die Region konnten Kaiser und Klingbeil am Montag noch nicht vorlegen. Stattdessen wollten sie zuerst den Dialog mit den Gründern aufnehmen, um wesentliche Standortprobleme zu sondieren – etwa fehlende Netzwerke oder auch die Rolle der Förderbanken. Für Unternehmen ist dieser Ansatz heikel und zugleich sinnvoll: Er spart Zeit bei der Analyse, erhöht aber die Erwartungsunsicherheit, bis klar wird, welche Hebel anschließend konkret in Förderlogik, Beteiligungsmechanismen und Beratungsstrukturen übersetzt werden.
Politisch und marktwirtschaftlich verdichtet sich die Lage kurz vor den Wahlen. Die Bundesregierung hofft, mit dem Vorstoß Anfang September in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern noch einmal einen positiven Akzent setzen zu können. In beiden Bundesländern könnte die AfD nach aktuellen Umfragen künftig die Regierung übernehmen. Aus der Wirtschaft kommen dazu Warnungen, dass sich ein solcher Schritt auf den Standort weiter belastend auswirken könnte – was wiederum negative Effekte auf Investitionen und Neugründungen haben könnte. Für Gründerteams bedeutet das: Neben Produkt- und Kapitalrisiken wächst das Risiko von Verzögerungen bei Entscheidungsprozessen, wenn öffentliche Schwerpunkte und Förderlandschaften in Bewegung geraten.
Für die nächste Phase dürfte entscheidend sein, ob die Strategie von der Dialog- auf die Umsetzungsseite wechselt – und wie schnell aus den identifizierten Problemen verlässliche Förder- und Skalierungsmechanismen werden. Wenn Wachstumskapital tatsächlich schwerer aufzutreiben ist, braucht es nicht nur höhere Volumina, sondern vor allem bessere Anschlussfähigkeit: schnellere Ausschreibungs- und Genehmigungswege, passgenauere Programme für spätere Entwicklungsstufen und effektivere Verknüpfungen zwischen Hochschule, Industrie und Investoren. Ebenso wird spannend sein, ob die Bundesregierung die Förderbanken stärker als „Brücke“ zwischen frühen Forschungsprojekten und marktnahen Skalierungsphasen positioniert. Unternehmen im Osten haben damit zwar bereits starke Ausgangspunkte, doch der nächste Wachstumsschub wird vor allem daran gemessen, ob aus Gründungen wieder häufiger Unternehmen werden, die dauerhaft Kapital einwerben, Teams aufbauen und neue Märkte erschließen.
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