LUDWIGSHAFEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das extreme Niedrigwasser am Rhein trifft BASF spürbar: Der Chemiekonzern fährt erste Produktionen zurück und informiert Kunden, dass einige Produkte nicht mehr vollständig lieferfähig sind. In Kaub fällt der Pegel am Rhein auf nur noch sechs Zentimeter; dadurch wird die Binnenschifffahrt als Engpassfaktor deutlich. Um das Stammwerk in Ludwigshafen trotz der schwankenden Wasserstände zu versorgen, stärkt BASF den Wechsel von Wasser auf Lkw und Schiene. Zusätzlich startet das Unternehmen den Ausbau des Kombiverkehrsterminals, um die Logistik dauerhaft robuster aufzustellen.

Am Rhein wird aus Wetterlage schnell ein Produktions- und Logistikthema. Für BASF bedeutet das Niedrigwasser, dass der Konzern einzelne Produktionen bereits zurückfahren musste und Kunden inzwischen aktiv darüber informiert hat, dass bestimmte Produkte nicht mehr vollständig lieferfähig sind. Hintergrund ist die wachsende Wahrscheinlichkeit von Unterbrechungen, wenn die Dürre über mehrere Wochen anhält. Laut Angaben von Vorstandschef Markus Kamieth steigt das Risiko damit schrittweise, weil sich Verfügbarkeiten in der Beschaffung und in der Transportkette gegenseitig „aufschaukeln“ können, statt sich gegenseitig abzufangen.
Besonders sichtbar wird die Lage an einem der Messpunkte im rheinland-pfälzischen Kaub. Dort sank der Wasserstand am Freitagabend auf nur noch sechs Zentimeter und lag damit deutlich unter dem bisherigen Tiefstwert von 25 Zentimetern aus dem Jahr 2018. Damit wird nicht nur die Schifffahrt langsamer oder teurer, sondern sie wird in Teilen auch unzuverlässig: Viele Frachtschiffe können bei sehr geringen Pegeln bestimmte Fahrten nicht mehr wie geplant absolvieren. Ein Großteil des Güterverkehrs auf der wichtigsten europäischen Wasserstraße wird daher auf Lkw und Züge verlagert, was zwar kurzfristig Kapazität verschieben kann, langfristig aber neue Engpässe in Straße und Schiene sichtbar macht.
Für die Chemieindustrie ist dieser Wechsel nicht nur eine Frage der Transportart, sondern auch der Versorgungssicherheit am Standort. Das Stammwerk in Ludwigshafen bezieht rund 40 Prozent seiner Rohstoffe über den Fluss. BASF setzt deshalb neben speziellen Niedrigwasser-Schiffen stärker auf Lastwagen und die Schiene, um die Materialversorgung stabil zu halten. Schon Ende Juli hatte Kamieth größere Auswirkungen ausgeschlossen, zugleich aber vor Störungen in europäischen Lieferketten gewarnt; in der vergangenen Woche wurden dann erste Lieferengpässe eingeräumt. Genau hier entscheidet sich die operative Resilienz: Wenn Lieferfenster nicht mehr zu den Produktionsplänen passen, entstehen entweder Lager- und Finanzierungseffekte oder es kommt zu Drosselungen in der Fertigung.
Mit Blick auf die strukturellen Ursachen geht BASF deshalb den nächsten Schritt über „mehr Ausweichlogistik“ hinaus. Das Unternehmen baut das Kombiverkehrsterminal in Ludwigshafen aus und setzte dabei am Montag den symbolischen Spatenstich für ein Projekt, das bereits im Frühjahr angekündigt worden war. Das Terminal zählt zu den größten Straße-Schiene-Umschlagplätzen Europas und ist nicht nur für Konzernprozesse relevant: Täglich werden mehr als 1000 Ladeeinheiten umgeschlagen, auch für externe Kunden. Für den Ausbau nennt BASF einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag; der Bund fördert das Projekt mit knapp 51 Millionen Euro. Die Investition zielt damit weniger auf „den Transport an sich“, sondern auf die Pufferwirkung eines besser getakteten Umschlags zwischen Verkehrsträgern, damit Störungen wie Niedrigwasser nicht sofort in Produktionsausfall münden.
Politisch wird der kombinierte Verkehr in solchen Situationen oft als Hebel für mehrere Ziele zugleich gerahmt. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU), der ebenfalls vor Ort war, bezeichnete den kombinierten Verkehr als aktiven Klimaschutz und verwies darauf, dass sich bundesweit jeden Tag 17.000 Lastwagenfahrten einsparen ließen. Für die Wirtschaft ist diese Argumentation vor allem dann praktisch, wenn die zusätzliche Schienen- und Terminalkapazität nicht nur theoretisch vorhanden ist, sondern in der realen Peak-Phase verfügbar bleibt. Die Fertigstellung ist für 2027 geplant; für die konkrete Entwicklung am Rhein rechnet Bilger frühestens Ende August mit einer Entspannung. Das gibt Unternehmen zwar einen Zeithorizont, verschiebt aber auch die Frage: Wie hält man die Versorgung bis dahin stabil, ohne bei jeder Wetterextremphase wieder Produktionsschritte zu stoppen?
Für Betreiber von Produktions- und Logistiknetzen lässt sich daraus eine klare Lehre ableiten: Resilienz entsteht nicht durch einen einzelnen Notfallplan, sondern durch die Kombination aus Infrastruktur, Fahrplanstabilität und Kundenkommunikation. BASF zeigt mit dem Schritt von Niedrigwasser-Schiffen hin zu verstärktem Lkw- und Schieneneinsatz sowie dem Terminalausbau, wie man die Abhängigkeit vom Rhein als Verkehrsachse reduziert, ohne die Lieferfähigkeit dauerhaft zu gefährden. Gleichzeitig bleibt das Risiko von Lieferkettenstörungen real, weil Umstellungen in mehreren Stufen passieren müssen: vom Transport über den Umschlag bis zur Verfügbarkeit an den Werken. Im Ergebnis dürfte das Thema „Wetterextreme“ damit noch stärker in die Investitionsplanung und in das operative Monitoring von Chemieunternehmen einziehen – insbesondere dort, wo ein signifikanter Rohstoffanteil an einen Wasserweg gekoppelt ist.
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