LONDON (IT BOLTWISE) – Der Druck auf die britische Regierung wächst, nicht-wettbewerbsbezogene Klauseln zu lockern. Forschungskräfte, Startup-Gründer und Investoren fordern, „Garden Leave“ künftig optional zu machen, damit Beschäftigte schneller zu neuen Rollen wechseln können. Ein im Vorjahr angestoßenes Konsultationsverfahren ist bislang ohne Entscheidung geblieben. Im Zentrum steht die Frage, ob der Arbeitsmarkt für KI-Talente im internationalen Wettbewerb zu langsam reagiert.

In Großbritannien wächst der politische und wirtschaftliche Druck, nicht-wettbewerbsbezogene Vertragsklauseln (Non-Competes) grundlegend zu reformieren. Hintergrund ist die Sorge, dass insbesondere der Wechsel von Beschäftigten innerhalb kurzer Zeit durch lange Bindungsfristen ausgebremst wird. Laut einem im vergangenen Jahr veröffentlichten Entwurf der Regierung könnte die aktuelle Praxis Startups in der Gewinnung von Fachkräften benachteiligen, weil potenzielle Mitarbeitende für längere Zeit nicht zu Wettbewerbern wechseln oder eigene rivalisierende Geschäftsmodelle aufbauen können.
Die Regierung hat den Vorschlag in Form eines Working Papers zur Reform von Non-Compete-Klauseln im November weiter konkretisiert. Darin wird argumentiert, solche Klauseln wirkten wie eine „Bremse“ auf unternehmerische Aktivitäten: Sie verhindern nicht nur die Gründung neuer Unternehmen, sondern erschweren auch deren Wachstum. Als Alternativen werden unter anderem ein vollständiges Verbot von Non-Competes oder eine gesetzliche Obergrenze von drei Monaten genannt. Für die zweite Option verweist das Dokument auf eine Ankündigung aus dem Jahr 2023 durch die vorherige Regierung – umgesetzt wurde sie allerdings bis heute nicht.
Aus Sicht vieler Technologieunternehmen ist gerade diese Verzögerung in der Personalbeschaffung ein strategisches Problem. Mehrere Stimmen aus der Industrie machen öffentlich, dass die Klauseln die Mobilität von Talenten über Monate hinweg einschränken und damit den Zugang zu „world-class“ Fachkräften gefährden. Besonders deutlich wurde die Debatte am Wochenende in Beiträgen auf X: Der London-basierte KI-Forscher Nando de Freitas, der über Jahrzehnte bei Google DeepMind gearbeitet hat, verwies auf Unterschiede zwischen Großbritannien und Kalifornien. Er argumentierte, dass Mitarbeiter dort deutlich schneller nach einem Arbeitgeberwechsel neue Projekte starten könnten, während im Vereinigten Königreich je nach Seniorität teils längere „Garden Leave“-Zeiträume aufgesetzt würden.
De Freitas’ Kernbotschaft ist dabei weniger rechtstechnisch als arbeitsmarktpolitisch: Wenn Beschäftigte für ein Jahr oder sogar länger vertraglich gebunden sind, können sie in dieser Zeit weder neue Unternehmen aufbauen noch für Wettbewerber tätig werden. In der Folge werde nicht nur das eigene unternehmerische Risiko kleinerer Teams größer, sondern auch die Einstellung neuer Fachkräfte komplizierter. Jarad Cannon, Chief Technology Officer eines Robotik-Startups mit Standorten in Großbritannien und Nordamerika, beschreibt die Recruiting-Dynamik in einem solchen Markt als deutlich langsamer: In der Praxis könne es in Großbritannien bis zu sechs Mal länger dauern, bis eine passende Person tatsächlich in einem Team startet.
Auch Gründer, die in der Vergangenheit selbst Hiring-Entscheidungen getroffen haben, bringen die gleiche Beobachtung in den Vordergrund. Matt Miller, Gründer von Evantic, verwies in einem Beitrag auf eine wiederkehrende Musterfrage aus der Gründerperspektive: Wenn im Unternehmen nach dem „Warum“ für Einstellungen außerhalb des Landes gefragt werde, liege die Antwort fast nie in Talentkosten oder -qualität, sondern in der Geschwindigkeit, mit der passende Menschen verfügbar werden. London, Paris und Zürich würden zwar viele KI-Forschende bündeln, doch „was fehle“ sei laut Miller ein Arbeitsmarkt, der Mobilität tatsächlich zulasse. In der Logik dieser Argumentation entsteht ein Wettbewerbsnachteil nicht durch mangelnde Expertise, sondern durch Reibungsverluste beim Übergang zwischen Organisationen.
Spannend ist an der Debatte zudem, dass die Regierung selbst bereits eine Entscheidungsgrundlage geschaffen hat, aber offenbar noch keinen klaren Pfad für die Umsetzung festgelegt hat. Ein Sprecher des Department for Business, Innovation, Science and Trade (BIST) sagte, man habe zwar im vergangenen Jahr Meinungen eingeholt, aber es sei bislang keine Entscheidung getroffen worden, ob oder wie die Pläne weiterverfolgt werden. Gleichzeitig bleibt die politische Frage offen, wie hoch der Trade-off zwischen dem Schutz von Unternehmens-Know-how und der volkswirtschaftlichen Dynamik durch Personalwechsel ausfällt. Für den KI-Sektor ist diese Balance besonders relevant, weil Fähigkeiten in vielen Rollen sowohl stark spezialisierte Projekterfahrung als auch schnelle Lern- und Integrationsfähigkeit erfordern.
Für Unternehmen in der KI-Entwicklung bedeutet das: Selbst ohne unmittelbare Gesetzesänderung beeinflusst die Debatte die Vertragsgestaltung, die Verhandlungsposition gegenüber Kandidatinnen und Kandidaten und die Planung von Teams. Recruiting wird bei potenziellen Kandidaten nicht nur zu einem Timing-Problem, sondern zu einer Frage der Pipeline-Strategie: Wie lassen sich Projekte so strukturieren, dass Verzögerungen durch Garden Leave nicht den Produktfortschritt kosten? Gleichzeitig könnte eine Reform die Marktliquidität erhöhen, weil Wechsel innerhalb des Landes leichter werden und sich damit auch Netzwerke aus Forschung und Produktentwicklung schneller neu konfigurieren. Genau an diesem Punkt zeigt die Debatte, wie stark Arbeitsrechtliche Details in technologiegetriebenen Märkten auf die Umsetzungsgeschwindigkeit wirken können.
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