NEUSS/MANNHEIM / LONDON (IT BOLTWISE) – Teure Energie, fehlende Nachfolge und der anhaltende Fachkräftemangel treiben die Unternehmensschließungen in Deutschland weiter nach oben. Im vergangenen Jahr gaben 187.744 Firmen auf, rund zehn Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie Creditreform und das ZEW berichten. Besonders stark trifft es das Gastgewerbe mit etwa 15.000 Schließungen und einem Plus von 15 Prozent. Im Gesundheitswesen schlossen rund 5.500 Arztpraxen, häufig im Zuge des Ruhestands ohne Nachfolger.

Die Statistik wirkt zunächst wie ein nüchterner Barometerwert für den deutschen Wirtschaftsalltag. Doch die gemeinsame Analyse von Creditreform und dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim zeichnet ein Bild, das in dieser Breite offenbar lange nicht mehr sichtbar war: 187.744 Unternehmen haben im vergangenen Jahr aufgegeben – so viele wie seit fast 20 Jahren nicht. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das einen Anstieg um knapp zehn Prozent. In der Zeitreihe der bundesweiten Schließungen taucht die Größenordnung zuletzt im Jahr 2007 mit fast 208.000 auf. Wichtig ist dabei der Hinweis der Auskunftei: Die Zahlen der Vorjahre wurden auf erweiterter Basis neu berechnet, damit Zeitvergleiche nicht an methodischen Verschiebungen scheitern.
Technisch betrachtet ist die eigentliche Dynamik dabei weniger „nur“ ein Insolvenzgipfel, sondern eine Ausweitung von Schließungen auch außerhalb formaler Verfahren. Zwar sprechen viele Debatten im Markt zuerst über Zahlungsunfähigkeit und damit verknüpfte Insolvenzfälle, doch die ZEW-Forscherin Sandra Gottschalk stellt den Schwerpunkt anders dar: Gerade einmal 13 Prozent der erfassten Schließungen gehen auf ein Insolvenzverfahren zurück. Der Rest entfaltet sich „nahezu geräuschlos“. Damit rückt eine zweite Linie in den Fokus: Probleme der Unternehmensfortführung wie fehlende Nachfolge, der Eintritt in den Ruhestand ohne Übergabe und organisatorische Überlastung. Gottschalk beschreibt genau diese Ursache mit Blick auf freiwillige Schließungen: „Fast ein Drittel aller freiwilligen Schließungen erfolgt mittlerweile aus Altersgründen – deutlich mehr als noch vor 10 oder 15 Jahren“.
Besonders auffällig ist die Branchenverteilung, weil sie zeigt, wie stark die Schließungswelle in den Alltag hineinreicht. Im Gastgewerbe sind innerhalb eines Jahres besonders viele Betriebe unter Druck geraten: Etwa 15.000 Gaststätten und Beherbergungsunternehmen machten 2025 dicht, das entspricht einem Plus von 15 Prozent gegenüber 2024. Die Analyse nennt dabei auch eine politische Kontextbedingung: Der im Vergleich zu anderen Branchen niedrigere Mehrwertsteuersatz, den die Bundesregierung zur Unterstützung des Gastgewerbes eingeführt hatte, konnte die prekäre Lage offenbar nicht ausreichend abmildern. Seit dem 1. Januar 2026 gilt zudem in der Gastronomie in Deutschland ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent auf Speisen. Daraus lässt sich im Umkehrschluss ableiten, dass steuerliche Entlastung allein offenbar nicht den kompletten Kostenblock adressiert, der für viele Betriebe aus Energie-, Personal- und Investitionsdruck besteht.
Im Gesundheitswesen setzt sich der seit etwa zehn Jahren beobachtete Negativtrend dagegen in einer anderen Form fort – weniger als „Zulieferkettenproblem“, sondern als strukturelle Personal- und Übergabeherausforderung. Die Zahl der Schließungen in diesem Bereich liegt laut Analyse mittlerweile bei knapp 11.000 und damit etwa doppelt so hoch wie im Jahr 2008. Allein knapp 5.500 Arztpraxen schlossen im vergangenen Jahr, fast ein Viertel davon mit einem Anteil von 23 Prozent mehr als 2024. In der Begründungslogik dominieren Ruhestand und Nachfolgesuche: Häufig beenden Ärztinnen und Ärzte ihre Tätigkeit, finden aber niemanden, der die Praxis fortführt. Genau hier zeigt sich, wie stark demografische Effekte mit betriebswirtschaftlicher Stabilität verknüpft sind. Wenn Nachfolge nicht nur organisatorisch, sondern auch fachlich und regulatorisch schwer zu besetzen ist, kippt die Fortführung von Einzelsystemen schneller in die Schließung.
Auch die Industrie bleibt im Schließungsgeschehen sichtbar, wenn auch mit anderen Treibern. Insgesamt traf es etwa 11.000 Betriebe, das sind zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Creditreform-Experte Patrik-Ludwig Hantzsch hatte in diesem Kontext angesichts steigender Insolvenzzahlen von einer „Krisenzange“ gesprochen, die die deutsche Wirtschaft „von zwei Seiten packt und schädigt“. Als eine Seite nennt er geopolitische Verwerfungen wie den Iran-Krieg oder die US-Zölle, als die andere hohe Energiepreise und viel Bürokratie im Inland. Auffällig ist: Wenn nur 13 Prozent der Schließungen aus Insolvenzverfahren entstehen, dann kann die „Krisenzange“ nicht nur über das klassische Insolvenzrisiko wirken, sondern auch über Entscheidungen zur Aufgabe – etwa weil Margen durch Preisrisiken, Energiekosten und Verwaltungsaufwand so dünn werden, dass Investitionen in Personal, IT oder Effizienzmaßnahmen ausbleiben.
Für Unternehmen und Beraterteams ist die zentrale Botschaft daher weniger „wer fällt zuerst aus“, sondern „warum fällt so viel freiwillig aus“. Wenn ein wachsender Anteil aus Altersgründen und fehlender Nachfolge entsteht, verschiebt sich die Priorität in der Praxis: Nachfolgeplanung muss früher beginnen, und sie muss sowohl kaufmännisch als auch organisatorisch vorbereitet werden. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Prozessen, die Übergaben, Dokumentations- und Vertriebswissen systematisch sichern – etwa durch bessere IT-gestützte Abläufe, die ein Teamwechsel oder eine Betriebsübergabe weniger abhängig von Einzelpersonen machen. KI kann dabei als Werkzeug in der Dokumentation, in der Wissensstrukturierung oder in der Analyse von Kosten- und Auslastungsdaten unterstützen, ersetzt aber weder rechtliche Rahmenbedingungen noch die Bereitschaft, Verantwortung in der Breite der Branche zu übernehmen. Damit wird die Statistik auch zu einem Warnsignal für den Mittelstand: Ohne frühzeitige Nachfolge- und Betriebsstrategie steigt die Wahrscheinlichkeit, dass „eigentlich gesunde Firmen“ ihre Geschäftstätigkeit beenden.
Der Marktbezug bleibt deshalb eng: Die Schließungszahlen steigen nicht nur in einer Randbranche, sondern breit über mehrere Bereiche hinweg. Wenn die Zeitreihe zuletzt 2007 in ähnlicher Größenordnung lag, ist das für Entscheider ein Hinweis auf einen möglichen Wechsel in der Betriebsrealität – von punktuellen Notlagen hin zu einem strukturellen Problem. Wie sich darauf reagiert, wird sich daran zeigen, ob es gelingt, Personalengpässe zu glätten, Nachfolgen schneller zu organisieren und Energie- sowie Bürokratiekosten dauerhaft zu dämpfen. Für die nächsten Quartale dürfte dabei entscheidend sein, ob sich die „nahezu geräuschlose“ Mehrzahl der Schließungen verlangsamt – oder ob die Krisendynamik weiter in der Breite der Wirtschaft „durch die gesamte Breite“ greift, wie Hantzsch es formuliert.
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