MONSCHAU / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Großbrand im Hohen Venn ist nach Angaben der belgischen Einsatzkräfte eingekesselt. In Monschau wurde deshalb die Evakuierung mehrerer Straßen im Ortsteil Kalterherberg aufgehoben; rund 30 Menschen durften zurückkehren. Trotzdem ist die Lage noch nicht vollständig unter Kontrolle, und in der Nacht kam es erneut zu Aufflammungen. Für die Städteregion Aachen melden die Messstellen unterdessen Entwarnung bei den Schadstoffwerten.

Der Großbrand im Naturschutzgebiet Hohes Venn, nahe der deutschen Grenze, ist zwar nach belgischen Angaben eingekesselt worden, aber die Einsatzlage bleibt labil. In Monschau hält man sich deshalb an die laufenden Lagebeurteilungen: Behörden sprechen von einer „positiven Entwicklung vor Ort“, gleichzeitig gibt es aber noch keine komplette Entwarnung. Die Feuerwehrkräfte bekämpfen die Flammen seit Freitag, während das Feuer bislang rund 3.000 Hektar zerstört hat und in den Nachtstunden mehrfach wieder aufflammte.
Der Gouverneur der belgischen Provinz Lüttich, Hervé Jamar, stützt die Hoffnung auf einen kontrollierteren Brandverlauf, doch selbst ein „eingekesselter“ Abschnitt bedeutet nicht automatisch „unter Kontrolle“. Ein Sprecher des Gouverneurs brachte es laut Nachrichtenlage auf den Punkt: Dort sei man noch nicht „mit allem durch“. Besonders relevant für die weitere Taktik sind daher Entscheidungen über den Ressourceneinsatz im Tagesverlauf. Offengeblieben ist nach einer weiteren Lagebeurteilung, ob die eingesetzten Mittel reduziert werden können und ob weiterhin Löschangriffe aus der Luft nötig sind.
Auf deutscher Seite verschob sich der Schwerpunkt zugleich von der akuten Evakuierung auf die Sicherheits- und Umweltmessungen. Wegen der sich entspannenden Lage auf der belgischen Seite hob die Stadt Monschau am Nachmittag die Evakuierung mehrerer Straßen im Ortsteil Kalterherberg auf. Rund 30 Bürgerinnen und Bürger durften zurück in ihre Häuser; die Stadt hatte sie am Sonntag aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen. Dass diese Rückkehr möglich ist, hängt eng mit der regionalen Ausbreitungsdynamik zusammen: Die aktuelle Wetterlage mit Regen und der intensive Lösch-Einsatz auf belgischer Seite hätten die weitere Ausbreitung in Richtung deutsches Staatsgebiet gestoppt.
Auch bei der Frage, ob Brandgeruch und sichtbare Rauchphasen gesundheitlich relevant werden könnten, gibt es bislang beruhigende Messwerte. Die Städteregion Aachen meldete, dass die gemessenen Schadstoffkonzentrationen in der Luft unterhalb der Orientierungs- und Grenzwerte für schwere gesundheitliche Auswirkungen liegen. Zur Kontrolle liefen Messungen mit zwei Messfahrzeugen an zahlreichen Orten, darunter im Umfeld von Kindertagesstätten, Altenheimen, Arztpraxen und Krankenhäusern. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima (LANUK) Nordrhein-Westfalen ordnete zudem ein, dass bei Waldbränden naturgemäß Luftschadstoffe freigesetzt werden; bei den Messungen habe sich insbesondere eine erhöhte Belastung bei Feinstaub gezeigt.
Während Einsatzkräfte die Brandbekämpfung fortsetzen, gerät die Ursache des Feuers in den Fokus politischer und gesellschaftlicher Debatten. NRW-Innenminister Herbert Reul warnte in Monschau vor Spekulationen über den Auslöser im belgischen Naturschutzgebiet Hohes Venn. In einem frühen Statement bezeichnete er die Suche nach schnellen Antworten als sinnlos: „Das hat keinen Sinn“, sagte er am Morgen in Monschau. Reul verwies darauf, dass eine Ursache sorgfältig geprüft werden müsse; nur wenn sich Täter ermitteln ließen, müsse man sie auch vor Gericht stellen. Falls das nicht gelinge, bleibe als Appell die Verantwortung im Wald: nicht verantwortungslos handeln, keine Zigarettenkippen wegwerfen oder „grillen“.
In diesem Kontext sprachen sich zudem Gerüchte über einen möglichen Auslöser durch Wildcamping aus. Die Einordnung ist dabei deutlich vorsichtig: Reul äußerte sich zu entsprechenden Vermutungen, wonach Wildcamper den Waldbrand im belgischen Nachbarland ausgelöst haben könnten. Solche Behauptungen sind zum jetzigen Zeitpunkt unbewiesen; daher sollte man sie nur als Gerüchte betrachten, bis Ermittlungen belastbare Ergebnisse liefern. Auch frühere Aussagen Reuls in der Region lassen erkennen, wie emotional das Thema geführt wird – in einem ersten Besuch im Brandgebiet Hürtgenwald sagte er laut Berichterstattung: „Irgendein Idiot hat das Feuer verursacht. Und darüber muss man nachdenken, wie verantwortungslos die Leute in der Gegend rumrennen und einfach irgendwas wegwerfen.“
Abseits der Sicherheitsdebatte zeigt sich der ökologische Schaden als größtes Langfrist-Thema. Der WWF betont, dass die Natur im Hohen Venn nicht kurzfristig „zurückspringt“. Corentin Rousseau vom WWF Belgien sieht einen enormen ökologischen Schaden und geht davon aus, dass es Jahrzehnte dauern werde, bis sich die Lebensräume erholen. Als Grund nennt er unter anderem die gestörte Balance im Boden durch die große Menge Asche. Auch Wiederansiedlungsprojekte für seltene Arten seien gefährdet: Ein Projekt für Auerhühner gilt nach Einschätzung von Fachleuten als akut bedroht, wenn nicht sogar gescheitert. Berichte nennen dafür einen Zeitraum, in dem im Frühjahr 35 Tiere im Hohen Venn ausgesetzt worden sein sollen; der Biologe Tobias Ceulemans von der Universität Antwerpen rechnet nicht damit, dass die Kolonie überlebt, weil ihr Lebensraum mitten in dem rund 3.000-Hektar-Gebiet lag, das in Flammen aufgegangen ist.
Für die kommenden Tage entscheidet sich damit, was aus „eingekesselt“ politisch, organisatorisch und ökologisch wird. Kurzfristig steuert das Wetter die Lage: Regen kann Ausbreitung stoppen, in der Nacht können Brände aber auch wieder aufflammen. Mittelfristig wird es vor allem um Nachkontrolle und um die Frage gehen, ob der Einsatz aus der Luft weiter nötig ist oder ob Bodenkräfte und vorhandene Brandachsen ausreichen. Und langfristig wird die Debatte um Wiederansiedlung und Bodengesundheit zeigen, wie viel Aufwand nach einem Großbrand nötig ist – und wie schnell sich Fortschritte in der Schadensbegrenzung von der Einsatztaktik abkoppeln können. Gerade weil die Evakuierung in Teilen bereits aufgehoben wurde, wird die Spannung zwischen kurzfristiger Entwarnung und langfristiger ökologischer Unsicherheit im Alltag in der Grenzregion spürbar bleiben.
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