DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Europäische Aktien wirken laut Marktstratege Michael Field trotz des KI-getriebenen US-Runs nicht überbewertet. Der Stoxx Europe 600 liege nur rund 4 Prozent unter einem fairen Wert, während der S&P 500 etwa 10 Prozent Abschlag zeige. Field verweist vor allem auf das fehlende KI-Gegenstück zu den US-Tech-Schwergewichten in Europa. Als drei potenziell unterbewertete Einzeltitel nennt er Rheinmetall, RELX und National Grid.

Der Abstand zwischen Europa und den USA wirkt 2026 weniger wie ein Kursrätsel und mehr wie eine Folge von Marktmechanik: Während der Stoxx Europe 600 seit Jahresbeginn rund 10,5 Prozent zulegte, brachte es der marktbreite S&P 500 auf 12,6 Prozent. Auf den ersten Blick ist der US-Vorsprung damit nicht dramatisch. Entscheidend ist jedoch, wie stark die Indizes von einzelnen Wachstumsblöcken geprägt werden. Laut Marktstratege Michael Field von Morningstar liegt der europäische Markt aus seiner Sicht nur etwa 4 Prozent unter dem fairen Wert, während der US-Index sogar rund 10 Prozent darunter bewertet erscheint. Damit rückt die Diskussion weg von „USA teuer, Europa günstig“ hin zu „Europa hat innerhalb seiner Sektoren die größeren Bewertungsunterschiede“.
Als zentralen Treiber der US-Erholung ordnet Field dabei Künstliche Intelligenz ein, genauer gesagt den Effekt, dass KI-Fantasie in den USA stark an wenige dominante Konzerne gekoppelt ist. In seinem Argument steckt ein struktureller Hebel: Die „Magnificent Seven“ vereinen in den USA einen erheblichen Teil der Indexgewichtung und damit auch einen großen Teil der Renditeerwartungen, die Anleger speziell auf KI-Projekte setzen. Europa fehle dagegen das direkte Gegenstück in vergleichbarer Größenordnung. Das zeigt sich auch im Stoxx Europe 600: Im vergangenen Quartal gehörten nach Fields Einschätzung gerade KI-nah positionierte Werte – etwa aus dem Halbleiterbereich – zu den stärksten Kursgewinnern. Gleichzeitig bleibt Europa für breit gestreuerte Anleger ohne denselben konzentrierten KI-Benchmark-Effekt, der in den USA die Indexkurve überproportional nach oben zieht.
Auf Sektorebene zeichnet Field folglich kein einheitliches Bild, sondern ein Mosaik aus relativen Abschlägen und Aufschlägen. Zyklische Konsumwerte handeln laut Morningstar-Rechnung mit rund 16 Prozent Abschlag zum fairen Wert, defensive Konsumtitel dagegen mit etwa 9 Prozent. Auch das Gesundheitswesen wird nicht pauschal als „billig“ beschrieben: Nach einer belastenden Phase durch Regulierung und Patentsorgen sieht Field dort wieder Erholungspotenzial. Teurer wirkt dagegen der Technologiesektor, der mit einem Aufschlag von rund 10 Prozent zum fairen Wert notiert. Diese Bandbreite ist für Anleger wichtig, weil sie erklärt, warum die Indexrendite allein täuschen kann: Ein Markt kann auf Indexebene „normal“ aussehen, während einzelne Segmente bereits deutlich auseinanderlaufen – und genau dort entsteht aus Fields Sicht die Chance.
Unter den Einzeltiteln sticht Rheinmetall heraus, und zwar nicht durch einen vorschnellen Narrativwechsel, sondern durch die Kombination aus Kursrutsch und Bewertungsannahme. Der Düsseldorfer Rüstungskonzern habe sich seit dem Hoch binnen rund sechs Monaten nahezu halbiert. Morningstar hält dem nach eigenen fairen Wert-Schätzungen offenbar entgegen, dass von diesem Niveau aus eine nahezu Verdopplung möglich erscheine. Als Kernrisiko benennt Field die Unsicherheit, ob die von NATO-Staaten angekündigten höheren Verteidigungsausgaben tatsächlich in vollem Umfang umgesetzt werden. Für das Timing bedeutet das: Selbst wenn Aufträge und Budgets strukturell steigen, entscheidet die konkrete Umsetzung (Haushaltsplanung, Vergabepraxis, Lieferketten) über den Verlauf der nächsten Quartale. Diese „Umsetzungsunschärfe“ ist damit weniger ein Bewertungsargument, sondern ein Weg-Zeit-Problem.
Der zweite Name in Fields Liste, RELX, setzt hingegen stärker auf Daten- und Software-Infrastruktur statt auf klassische Branchenzyklen. Das britisch-niederländische Unternehmen sei auf Software und Daten spezialisiert, unter anderem über eine Rechtsdatenbank, und stütze sein Geschäft laut Field auf proprietäre Daten, die dem Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Trotzdem fiel der Kurs zuletzt im Sog allgemeiner Skepsis gegenüber Softwarewerten. In diesem Punkt differenziert Field: Er ordnet RELX nicht zu den Kategorien ein, die durch generative KI unmittelbar unter Druck geraten. Genau hier entsteht eine zweite Bewertungslogik, die eher mit Geschäftsmodell-Resilienz zusammenhängt als mit reiner Wachstumserzählung. Wenn proprietäre Datenbestände in regulierten oder wissensintensiven Workflows tief integriert sind, kann KI zwar die Art der Nutzung verändern, aber nicht zwingend den Wertkern aushebeln – zumindest nicht sofort und nicht in jedem Anwendungsfall.
Als dritten Titel nennt Field National Grid, den Betreiber des britischen Stromnetzes. Die Ertragsbasis gilt als besonders stabil, weil sie größtenteils auf regulierten Netzentgelten beruht. Gleichzeitig sieht Field zusätzliches Wachstumspotenzial durch umfangreiche Investitionen in die Modernisierung des Netzes im Kontext des Ausbaus erneuerbarer Energien. Wichtig ist dabei der Mechanismus: Laut Fields Darstellung sind die Renditen im Rahmen der Investitionsprogramme bereits mit garantierten Kapitalrenditen verbunden. Das macht National Grid aus Anlegersicht zu einem Sonderfall gegenüber „reinen Wachstumsstories“, weil die Erwartung weniger von konkreten Nachfragezyklen abhängt, sondern stärker von der regulatorischen Ausgestaltung und der Projektumsetzung. Als Risiko bleibt aber auch hier die makroökonomische Unsicherheit: Sollte die Situation rund um die Straße von Hormus zu erneuter Inflation führen, könnten das geplante Zinssenkungstempo infrage stellen und damit Bewertungsmultiplikatoren belasten.
Ob Fields Einordnung tragfähig bleibt, dürfte laut seiner Argumentation vor allem von zwei Faktoren abhängen: von den kommenden Quartalszahlen sowie davon, wie konkret die europäischen Verteidigungsbudgets umgesetzt werden. Für Rheinmetall ist das besonders relevant, weil das Unternehmen als Beispiel für die „Opportunity im Abschlag“ steht – der Kursrückgang seit dem Hoch muss sich in der operativen Entwicklung nicht zwingend sofort auflösen, aber er braucht belastbare Bestätigung. Für RELX und National Grid entscheidet dagegen stärker, ob die Marktrotation weg von Software-Skepsis und hin zu stabilen, datengetriebenen Geschäftsmodellen weitergeht und ob Netzinvestitionen wie geplant in Ergebnisbeiträge übersetzen. Insgesamt zeigt die Debatte damit weniger einen einzelnen Gewinner der KI-Welle, sondern eine Bewertungslandschaft, in der Europa in bestimmten Segmenten noch nicht die gleiche KI-Konzentration eingepreist hat wie die USA.
In der Praxis heißt das für Entscheider: Wer europäische KI-bezogene Gewinner sucht, findet zwar einzelne Teilbereiche, aber nicht automatisch das komplette Index-Funding, das in den USA durch wenige Schwergewichte entsteht. Gleichzeitig kann Unterbewertung nicht als „Freifahrtschein“ verstanden werden, weil Risiken wie Budgetumsetzung bei Verteidigung oder makrogetriebene Zinsbewegungen bei Infrastruktur die Kurstreiber bleiben. Der nächste Test liefern damit nicht nur Ergebnisberichte, sondern auch der reale Abgleich zwischen angekündigten Budgets und tatsächlich freigegebenen Investitionsplänen. So wird aus einer scheinbar reinen Bewertungsdiskussion schnell eine Umsetzungschoreografie – und genau darauf schauen Märkte erfahrungsgemäß am stärksten.
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