PORTUGAL / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie untersucht, warum Menschen A-Spec-Personen oft als emotional weniger reif einordnen. Im Fokus stehen zwei gesellschaftliche Normen: die Erwartung, dass Sexualbegehren universell sei, und der Glaube, dass eine zentrale romantische Beziehung für alle zum Lebensziel gehört. Besonders deutlich wird die Abwertung, wenn Personen als aromant beschrieben werden. Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass alleinige sexuelle Aktivität bei heterosexuellen Befragten die Wirkung der Normen nicht abschwächt.

Vorurteile gegen A-Spec: Sex- und Romantiknormen treiben emotionale Abwertung
Vorurteile gegen A-Spec: Sex- und Romantiknormen treiben emotionale Abwertung (Foto: IT BOLTWISE)
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Menschen auf dem asexuellen Spektrum werden im Alltag häufig nicht nur als „anders“ wahrgenommen, sondern auch als emotional weniger „passend“ zu dominanten Erwartungen. Genau an diesem Punkt setzt die aktuelle Untersuchung an, die in der Fachzeitschrift The Journal of Sex Research veröffentlicht wurde: Sie fragt nicht nur, ob Vorurteile gegenüber A-Spec existieren, sondern welches psychologische Prinzip die emotionale Abwertung antreibt. Im Kern geht es um zwei Normen, die in westlich geprägten Gesellschaften besonders stark wirken: Allonormativität, also die Annahme, dass sexuelle Anziehung ein universelles und wesentliches Merkmal des Menschen sei, sowie Amatonormativität, die Erwartung, dass eine zentrale romantische Beziehung das universelle Lebensziel darstellt.

Damit wird das Thema greifbar, weil es an eine lange Linie sozialpsychologischer Arbeiten anschließt: Marginalisierte Gruppen erfahren nachweislich Formen von Stigmatisierung, darunter eine subtilere Variante der sogenannten Infrahumanisierung. Diese beschreibt, dass Menschen einer Außengruppe Grundemotionen wie Angst oder Freude zuschreiben, aber komplexe, „einzig menschliche“ Emotionen wie Reue oder Hoffnung absprechen. In dem Studiendesign von A. Catarina Carvalho und David L. Rodrigues wird diese Idee auf A-Spec übertragen: Die Autorinnen und Autoren wollten prüfen, ob die Verletzung von Erwartungen rund um Sex oder Romantik gezielt zu einer Art „emotionaler Degradierung“ führt. Dabei ist relevant, dass die Begriffe nicht nur als Etiketten verstanden werden: A-Spec beschreibt ein Spektrum von Identitäten, während der engere Begriff „a-spec“ in der Studie vor allem für Personen steht, die wenig bis keine sexuelle Anziehung erleben.

Der erste Block der Untersuchung liefert zunächst die Grundlage dafür, wie Befragte A-Spec definieren. Dafür rekrutierten die Forschenden 486 Erwachsene aus verschiedenen Ländern und ließen sie in einer Online-Umfrage auf einer siebenstufigen Skala einschätzen, ob Asexualität aus ihrer Sicht mit dem Fehlen sexueller Anziehung, mit fehlender romantischer Anziehung oder mit einem generell verminderten Bedürfnis nach Zuneigung einhergeht. Das Ergebnis ist relativ eindeutig: Die Teilnehmenden betrachteten das Ausbleiben sexueller Anziehung als zentrales definitorisches Merkmal. Allerdings zeigt sich zugleich ein Muster entlang der Ausrichtung der Befragten. Heterosexuelle Teilnehmende neigten dazu anzunehmen, dass A-Spec-Personen auch weniger romantische Anziehung und weniger Zuneigung begehren. Dagegen berichteten sich als LGBTQ+-Identifizierende differenzierter und signalisierten stärker, dass viele A-Spec-Personen durchaus Romantik und emotionale Nähe wünschen können.

In der zweiten Phase wurde getestet, wie solche Grundannahmen in konkreten emotionalen Urteilen sichtbar werden. Dafür erhielten 292 nicht-asexuelle Teilnehmende kurze, schriftliche Szenarien über ein Paar und wurden zufällig einer von mehreren Varianten zugewiesen: Ein Szenario beschrieb ein A-Spec-Paar ohne Sex, ein anderes ein A-Spec-Paar mit Sex, eine dritte Variante handelte von einem heterosexuellen Paar mit Sex. Nach dem Lesen beurteilten die Teilnehmenden die Zielpersonen auf einer siebenstufigen Skala hinsichtlich positiver und negativer Emotionen. Wichtig ist dabei die statistische Kontrolle der vorbestehenden Vorurteile gegenüber Asexualität: Die Forschenden wollten so sicherstellen, dass die beobachteten Effekte nicht einfach „vorhandene Antipathie“ widerspiegeln, sondern sich auf die experimentell variieren Merkmale beziehen. Die Resultate fielen deutlich aus: Heterosexuelle Teilnehmende ordneten den A-Spec-Paaren insgesamt weniger positive Emotionen und mehr negative Emotionen zu – und zwar unabhängig davon, ob die Szenarien Sex enthielten. Auch das ist in sozialpsychologischer Hinsicht bemerkenswert, denn man hätte erwarten können, dass sexuelle Aktivität zumindest in Teilen als Anpassung an allosexual geprägte Muster interpretiert wird. Genau das geschah jedoch nicht. Zusätzlich zeigte sich: Teilnehmende, die sich als LGBTQ+ verstanden, zeigten diese Verzerrung nicht in gleicher Weise, was darauf hindeuten kann, dass die Zugehörigkeit zu einer sexuellen Minderheit die Abhängigkeit von starren Normen bei der Bewertung anderer verringert.

Um den zweiten Norm-Kern genauer zu isolieren, kombinierten die Autorinnen und Autoren anschließend romantische Anziehung und sexuelle Anziehung stärker getrennt. Dazu führten sie ein weiteres Experiment mit 232 heterosexuellen Erwachsenen durch. Dieses Mal lasen die Teilnehmenden Szenarien über entweder ein aromantisches A-Spec-Paar ohne romantische Anziehung, ein romantisches A-Spec-Paar mit romantischer Anziehung oder ein heterosexuelles Paar. Wiederum folgte eine emotionale Bewertung, diesmal stärker ausdifferenziert nach „einzig menschlichen“ Emotionen, nach primitiven Emotionen (die auch bei Tieren vorkommen) sowie nach Einschätzungen zu sozialen Fähigkeiten und „psychologischer Unreife“. Die Muster waren eindeutig: Aromantische A-Spec-Ziele erhielten die härtesten Urteile. Im Vergleich zum heterosexuellen Paar wurden ihnen weniger positive Emotionen mit Zuschreibung „einzig menschlich“ zugestanden. Gleichzeitig stuften die Befragten sie als weniger sozial und als unreifer ein. Das deutet darauf hin, dass die Verletzung romantischer Erwartungen besonders starke soziale Kosten erzeugt.

Noch stärker wird dieser Mechanismus durch die Differenzierung innerhalb des A-Spec-Spektrums: Die romantischen A-Spec-Ziele (also mit romantischer Anziehung) erhielten insgesamt weichere Bewertungen. In Teilen lagen ihre Werte bei „einzig menschlichen“ Emotionen und bei der Einschätzung der Reife sogar ähnlich denen heterosexueller Zielpersonen. Allerdings blieben sie im Urteil weniger „sozial“ als heterosexuelle Vergleichsgruppen. Für die Praxis ist diese Nuance wichtig: Selbst wenn eine Person eine Norm teilweise erfüllt – hier die romantische Dimension – kann die Abwertung in anderen sozialen Stellschrauben fortbestehen. Zudem berichteten die Forschenden, dass die Beschreibung als aromant mit zusätzlichen Stigmavarianten verbunden war: Aromantische A-Spec-Personen wurden als weniger soziabel und reiferkeitsbezogen negativer eingeordnet als allosexuelle Personen, die romantische Anziehung erleben.

Carvalho rahmt die Kernaussage entsprechend: Die Studie verknüpft die Stigmatisierung A-Spec-Personen mit sozialen Erwartungen darüber, wie das emotionale Leben und Beziehungen „aussehen sollen“. Besonders deutlich wird das, wenn Personen von allonormativen und amatonormativen Leitbildern abweichen. In solchen Fällen neigten heterosexuelle Teilnehmende dazu, A-Spec-Personen und ihre Beziehungen als emotional weniger positiv einzuordnen. Wenn die aromantische Dimension zusätzlich ins Spiel kommt, verstärken sich die Stigmamuster. Ein weiterer Punkt betrifft die Größenordnung der Effekte: Die Unterschiede seien absolut nicht riesig, aber psychologisch relevant, weil sich subtile Verzerrungen über Zeit in Alltagserwartungen einprägen können. Genau diese „kleine“ Abweichung kann dann in sozialen Interaktionen zum wiederholten Muster werden – und trägt damit dazu bei, dass Identitäten und Beziehungen von A-Spec-Personen schwerer sichtbar und schwerer als ebenso valid wahrgenommen werden.

Gleichzeitig nennen die Autorinnen und Autoren selbst Limitationen, die für die Einordnung entscheidend sind. Die Experimente arbeiten mit hypothetischen Szenarien in Umfragen; echtes Sozialverhalten ist komplexer, weil Menschen im Alltag mehr Kontextsignale verarbeiten. Außerdem stammt die Stichprobe überwiegend aus westlichen, vergleichsweise „industrialisierten“ Ländern; kulturelle Normen rund um Ehe, Sex und Romantik unterscheiden sich jedoch global erheblich. Auch die Wortwahl kann eine Rolle spielen: In den Vignetten wurde der Begriff „asexual“ statt „a-spec“ verwendet, was Teilnehmende möglicherweise stärker auf bestimmte Stereotype festgelegt hat, statt die Identitäten als Spektrum zu betrachten. Als nächster Schritt schlagen die Forschenden vor, ähnliche Muster in realen Settings zu prüfen und zu untersuchen, wie sie sich über längere Zeit auf die Erfahrungen von A-Spec-Personen auswirken. Für die Praxis – etwa in Aufklärung, klinischer Begleitung oder psychologischer Forschung – ergibt sich daraus ein klarer Bedarf: Nicht nur die Existenz von Vorurteilen zählt, sondern die Normlogik, aus der sie entstehen.


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