LONDON (IT BOLTWISE) – IG-Metall-Chefin Christiane Benner kritisiert das VW-Management scharf und warnt vor bis zu 100.000 bedrohten Jobs. Sie stellt dem Sparpaket bei Volkswagen einen Deal bei der Tochter Porsche gegenüber, der bis 2035 betriebsbedingte Kündigungen ausschließen soll. Benner fordert stattdessen konkrete Kostensenkungen, Investitionszusagen und eine stärkere Modernisierung – auch mit KI. Für den 21. September kündigt sie einen bundesweiten Aktionstag gegen den Kahlschlag in der Autoindustrie an.

Wenn ein Konzern zugleich unter dem Druck ausländischer Märkte, steigender Elektrifizierungskosten und politischer Handelskonflikte steht, treffen Sparprogramme oft auf eine zweite Realität: die Stimmung in den Werken. Genau diese Spannung beschreibt die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner in der laufenden Debatte um Volkswagen. Nach ihren Angaben sind bei VW bis zu 100.000 Jobs und vier deutsche Standorte betroffen. Gleichzeitig ordnet sie die Lage nicht als Betriebsunfall ein, sondern als Folge von Managementfehlern, die den Frust in der Belegschaft massiv verschärft hätten.
Technisch und wirtschaftlich verweist Benner dabei auf die strukturellen Ursachen der Autokrise: Der chinesische Automarkt sei eingebrochen, US-Zölle und die Geschwindigkeit beim Wandel hin zu Elektroantrieb und Digitalisierung erhöhen die Belastung zusätzlich. In der Argumentation der Gewerkschaft kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: Personalkosten seien in der Automobilindustrie laut Benner nur etwa 10 Prozent der Gesamtkosten. Damit stellt sie die Logik infrage, wonach schnelle Jobabbauprogramme als Haupthebel dienen könnten, während andere Kosten- und Komplexitätstreiber zu lange unangetastet geblieben wären.
Den Kontrast zur Konzernstrategie formuliert Benner über den Blick auf die Tochter Porsche. Dort hätten sich Vorstand und Betriebsrat nach ihren Angaben auf einen weiteren Stellenabbau verständigt, zugleich soll es aber bis 2035 keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Für sie ist das ein Signal, dass ein Abbauplan nicht zwangsläufig in einen sozialen Kahlschlag übergehen muss. Benner sagt außerdem, VW müsse sich dafür nicht nur organisatorisch, sondern auch kulturell inspirieren lassen; im Management sieht sie dagegen bislang zu wenig Bewegung, um die Transformation glaubwürdig und sozial tragfähig zu gestalten.
In der Debatte um nächste Schritte benennt Benner konkrete politische und betriebliche Verhandlungslogik. Sie kritisiert, dass der Vertrauensaufbau zum Vorstand insgesamt gestört sei, und bezeichnet das Vorgehen des Managements als Angriff auf die eigene Belegschaft. Gleichzeitig spricht sie eine klare Verhandlungsgrenze an: Werksschließungen oder eine angestrebte Ausgliederung der Marke VW kämen nicht infrage. Für die nächsten Aufsichtsratstermine kündigt die IG Metall praktisch eine gemeinsame Zielarbeit an, allerdings mit einer Leitplanke, dass es keinen Job-Kahlschlag geben werde.
Besonders wirtschaftsnah ist ihr Vorschlag, Kosten nicht nur über Personal zu drücken, sondern über Produktivität und weniger Komplexität zu verbessern. Sie nennt als Beispiele die Reduzierung von Modellvielfalt, bessere Nutzung von KI sowie die Vermeidung interner Bürokratie. Dabei bleibt sie nicht bei Visionen stehen: In Deutschland sei die Arbeitsstunde laut Branchenverband VDA 62 Euro, in Ungarn dagegen 16 Euro; das liefere zwar keinen einfachen Vergleich, aber eine klare Frage nach dem „wie“ der Wettbewerbsfähigkeit. Benner macht deutlich, dass die Antworten aus ihrer Sicht aus Kostensenkungspaketen mit Investitionszusagen und aus Werks- sowie Beschäftigungssicherung bestehen müssen.
Auch bei arbeitsrechtlichen Forderungen setzt Benner auf Gegensteuer. In Deutschland gilt die 35-Stunden-Woche; sie hält es für absurd, gerade jetzt längere Arbeitszeiten zu fordern. Ihre Begründung: In vielen Betrieben gebe es nicht genug Auslastung, teils würden Wochenarbeitszeiten bereits auf 28 Stunden gesenkt, während die Beschäftigten dann weniger Geld erhielten. Daneben verweist sie auf den Zulieferer ZF, der nach ihrer Darstellung mit kürzeren Arbeitszeiten und dem Verzicht auf tarifliche Zahlungen faktisch vor einer Insolvenz gerettet wurde – ein Argument dafür, dass Flexibilität in Krisen nicht gleichbedeutend mit strukturellem Abbau von Standards sein dürfe.
Die soziale Dimension der Diskussion bindet Benner zudem an lokale Kaufkraft und Steuerwirkung zurück. Unter Verweis auf Tarifsysteme betont sie, dass Beschäftigte bei VW in Deutschland jedes Jahr auf 1,5 Milliarden Euro als Beitrag zur Krisenbewältigung verzichten. Für sie zeigt sich darin: Gute Gehälter sind nicht nur ein Komfortthema, sondern stützen städtische Wirtschaftskraft und Einnahmen. In diesem Zusammenhang kritisiert sie zudem strategische Versäumnisse, etwa dass der Konzern zu spät auf kleine, bezahlbare E-Modelle gesetzt, Warnzeichen aus China zu lange ignoriert und Fehler bei Batteriefertigung und Software gemacht habe.
Abseits von VW betrachtet Benner auch den Macht- und Transformationsrahmen innerhalb des Konzerns. Der Großaktionär aus Katar habe Bedenken geäußert, das Werk in Osnabrück an den israelischen Rüstungskonzern Rafael abzugeben; Benner sagt, die Rettung der Fabrik sei auf einem guten Weg und es werde eine Lösung gesucht, die für alle Seiten akzeptabel sei. Zudem nennt sie eine mögliche Option für andere deutsche Werke, falls dort Autos chinesischer Hersteller gefertigt werden sollen: Sie würden das prüfen, aber als ergänzende Maßnahme zu einer bestehenden Beschäftigungssicherung, konkret über Verhandlungen mit dem Ziel eines Joint Ventures zum Betrieb von Werken. Der 21. September als bundesweiter Aktionstag gegen den Kahlschlag bildet dabei den politischen Rahmen, in dem die Gewerkschaft aus ihrer Sicht nicht nur protestiert, sondern verhandlungsfähige Alternativen einfordert.
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