LOS ANGELES / LONDON (IT BOLTWISE) – Hollywood-Creatives nutzen immer häufiger Gig-Jobs, um KI-Modelle auf Produktionsabläufe, Drehbücher und sogar Transkriptionen vorzubereiten. Für Tätigkeiten wie das Erstellen von Drehplänen oder das Aufbereiten von Pitch-Decks werden laut den Angaben aus der Branche Stundenhonorare von 12 bis 200 US-Dollar gezahlt. Der Schritt erfolgt vor dem Hintergrund schwächerer Beschäftigung in Film- und Tonproduktionen sowie schnellerer KI-Einführung in fertige Titel. Gleichzeitig zeigt sich unter Freiberuflern Skepsis, weil Datenaufbereitung und Systembewertung auch neue Risiken für Urheberrollen erzeugen.

In Los Angeles entsteht gerade eine neue Form von Arbeitsteilung zwischen Kreativen und KI-Systemen: Drehbuchautorinnen, Regisseure und Produzenten nehmen befristete Trainingsaufträge an, um KI-Modelle so zu „füttern“, wie sie selbst früher von Agenturen, Produktionsfirmen oder Studios angeleitet wurden. Im Kern geht es nicht nur darum, Texte zu generieren, sondern darum, die handwerklichen Entscheidungsprozesse zu vermitteln, die während einer Produktion ständig in Echtzeit ablaufen. Wer bei solchen Trainings mitwirkt, gibt der KI Rückmeldungen zu Skriptentwürfen, Produktionsplänen und Dokumentationslogik und erhält dafür in den beschriebenen Fällen eine Vergütung im Stundenrahmen von 12 bis 200 US-Dollar. Für viele Freiberufler ist das weniger eine technische Spielwiese als eine direkte Reaktion auf das Risiko, dass Budgets und Einsatzzeiten schrumpfen.
Technisch betrachtet zielt das Training auf sehr unterschiedliche Aufgaben ab, die in Film- und TV-Wertschöpfungsketten normalerweise von mehreren Rollen getragen werden. In einem Beispiel wird eine KI darauf trainiert, einen detaillierten Zwei-Tage-Drehplan zu entwerfen, inklusive erforderlicher Drehgenehmigungen, potenzieller Standortrisiken, Tageslichtbedingungen für Kameraaufnahmen sowie Listen für Personal pro Szene. Dazu gehört auch die Logik, welche Rollen in welcher Besetzung benötigt werden, etwa im Kontext von Kinderschutzauflagen. Das Vorgehen basiert dabei nicht auf „freier Fantasie“, sondern auf Dokumenten wie E-Mails, Drehbuchskripten und anderen Produktionsunterlagen, die die KI als Referenz für Konsistenz und Ablaufstruktur nutzen soll. In einer weiteren Trainingsrichtung erstellen Kreative mit der KI ein Pitch-Deck-Layout für Film- und TV-Ideen – eine Arbeit, die in der Realität häufig von Produktionsleitern und Entwicklungsteams dominiert wird.
Daneben zeigt sich, dass KI-Schulungen auch in der Auswertungskette ansetzen, nicht erst in der Story-Entstehung. Ein dokumentarisch arbeitender Regisseur übernimmt Trainingsschritte, indem er eine KI beim präzisen Transkribieren von Videomaterial verbessert: Er nutzt dabei Aufnahmen von einem Jugendbaseballspiel, bei denen Stimmen durch Musik und Publikumsgeräusche überlagert sind. Entscheidend ist, dass er nicht nur Transkriptionsqualität bewertet, sondern zusätzlich eine visuelle Referenz für Sprecherinnen und Sprecher anlegt (etwa über Merkmale wie Haare, Kleidung und Schmuck) und Akzente sowie Sprechweisen klassifiziert, also beispielsweise zwischen englisch, schottisch, afroamerikanisch oder asiatischen Akzentmustern. Genau in dieser Phase berichten Freiberufler von Unsicherheit, weil solche Annotationen für viele wie eine Ausweitung der eigenen Rolle wirken: Aus „Kreativarbeit“ wird zugleich Datenkuratierung, und damit verschiebt sich auch die Frage nach Kontrolle über die verwendeten Informationen.
Der Markt- und Beschäftigungskontext erklärt, warum diese Trainingsjobs überhaupt so attraktiv werden. Laut FilmLA Research sind die Shoot Days in Los Angeles zwischen 2021 und 2025 um 48% zurückgegangen. In den USA insgesamt wird zudem für die motion picture and sound recording industries ein Rückgang der Beschäftigung von 450.000 im Juli 2022 auf 326.000 im Mai 2026 genannt, basierend auf Daten des Bureau of Labor Statistics. Auf breiterer Ebene verweist eine Analyse von Boston Consulting Group darauf, dass 10% bis 15% der US-Jobs durch KI entfallen könnten und mehr als die Hälfte der Rollen sich verändern würde – mit Beispielen aus Bereichen wie autonomen Fahrfunktionen, Softwareentwicklung und KI-Übersetzung. Für Kreative wird so verständlich, warum Trainingsagenturen, die Kontakte zu großen KI-Anbietern pflegen, zur Zwischenlösung werden: Sie schaffen kurzfristig Einkommen, während gleichzeitig die Frage bleibt, ob KI später Teile der bekannten Jobprofile dauerhaft ersetzt oder nur einzelne Lücken überbrückt.
Mehrere Agenturen treten als Vermittler und Auftraggeber solcher Trainings auf, etwa Mercor, Micro1 und Handshake. Micro1 wirbt dabei explizit um Produzenten mit nachgewiesener Kompetenz in Film-, TV-, digitalen oder Live-Event-Produktionen sowie mit über fünf Jahren anrechenbarer Projekterfahrung. Die Aufgabenbeschreibung umfasst „Design und Autor-Evaluierung“ – also Tätigkeiten, bei denen KI-gestützte Simulationen realistische Produktionsmanagement-Szenarien widerspiegeln sollen, etwa Budgetabgleiche, Anpassungen in der Terminplanung oder die Abstimmung von Lieferanten und Crew. Für solche Aufgaben werden Honorare bis zu 85 US-Dollar pro Stunde genannt. Das zeigt auch die Ausrichtung: Es geht nicht primär um das Durchklicken eines Prompts, sondern um die Bewertung komplexer Ablaufketten, bei denen kleine Inkonsistenzen in der Produktion später sehr teuer wären.
Ob diese Entwicklung Kreative letztlich näher an ihr Ziel führt, bleibt umstritten. Einerseits verweisen mehrere Stimmen aus der Branche auf die Grenzen heutiger Systeme: KI kann gute Ideen ausgeben, aber nicht automatisch Oscar-nominierte Drehbücher in der Qualität liefern, die menschliche Entwicklungsteams über viele Iterationen hinweg erreichen. Andererseits argumentieren viele Trainingsbeteiligte, dass KI eher neue Tätigkeitsfelder hervorbringt, zum Beispiel beim Testen von Vorschlägen, beim Ausformulieren von Strukturen oder beim Aufbereiten von Audios und Videoauszügen. Gleichzeitig berichten jüngere Filmemacher, dass KI-Produktionswerkzeuge ihnen Projekte ermöglichen, die sonst keine Finanzierung erhalten hätten. Ein weiterer Faktor ist die emotionale Distanz: Selbst wer Serien und Podcasts mit KI-gestützten Texten bewertet, bemerkt laut den Aussagen, dass Nuancen menschlicher Gefühle und Lebensrealität für Systeme schwer erreichbar bleiben. Damit bleibt als strategische Entscheidung im Raum, wie sich Kreative auf Trainingsarbeit einlassen: als Brücke in unsicheren Übergangsphasen oder als freiwillige Anpassung an eine Arbeitswelt, in der KI-Kompetenz zur Grundvoraussetzung wird.
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