SHANGHAI / LONDON (IT BOLTWISE) – Linkerbot stellt KI-gestützte Robotikhände in den Mittelpunkt seiner Strategie, um humanoiden Robotern und Industrieanlagen mehr Feinmotorik zu geben. Auf der World Artificial Intelligence Conference in Shanghai kündigt das Startup mit dem Modell O30 einen nächsten Schritt in Richtung teil-automatisierter Handproduktion an. Technisch setzt das Unternehmen auf eine Skills-Datenbank für präzise Bewegungen und auf eine Fertigung möglichst vieler Komponenten im eigenen Haus, um Stückkosten zu drücken. Während die Konkurrenz vor allem über Sensorik und Trainierung differenziert, versucht Linkerbot den größten Hebel über Skalierung und Software zu finden.

Linkerbot drückt bei Robotikhänden nicht nur aufs Tempo, sondern auch auf die Rechnung: Das Startup will dextere, fünf- fingerige Greifer in einer Qualität für humanoide Systeme und industrielle Montagelinien liefern, die bisher oft an hohen Stückpreisen, komplexer Sensorik oder langen Anpassungszyklen scheitert. In der Lobby der chinesischen Firmenzentrale dient ein Ausstellungsbereich zugleich als Beleg für die Praxisnähe: Mehrere Greifer hängen an Robotergestellen, während Demonstrationen zeigen, wie ein Schraubendreher einen Span in ein vorgebohrtes Loch führt oder wie Humanoide Bewegungen auf Tastatur und Trommeln ansteuern. Die Botschaft ist klar: Hände sind im Roboterstapel das Bauteil, das die meisten „echten“ Fähigkeiten in den Alltag übersetzt, von wiederkehrendem Greifen bis zu fein abgestimmten Manipulationen.
Der technische Kern lässt sich an einem Problem festmachen, das in der Branche als besonders hart gilt: Die menschliche Hand kombiniert sehr viele Freiheitsgrade (DoF) mit adaptivem Griff und brauchbarem Sensor-Feedback. Während ein Robotergriff beim Greifen von Alltagsobjekten noch vergleichsweise planbar ist, wird es schwierig, sobald Kräfte und Kontaktflächen fein abgestimmt sein müssen. Für Aufgaben wie das kontrollierte Anziehen einer Schraube greifen mehrere Antriebe synchron ineinander, damit die Haltekraft weder zu hoch (Beschädigung) noch zu niedrig (Rutschen) ausfällt. Gleichzeitig braucht es Sensorik in den Fingerspitzen, die „fühlen“ kann: Genau diese Fähigkeit entscheidet darüber, ob ein Ei aufgenommen wird, ohne die Schale zu knacken.
Genau hier setzt Linkerbots Ansatz aus zwei Richtungen an. Einerseits baut das Unternehmen viele Komponenten in-house, statt wie zahlreiche Wettbewerber stark auf externe Zulieferketten zu setzen. Das soll nicht nur Kosten reduzieren, sondern auch die Iterationsgeschwindigkeit erhöhen, weil Änderungen an Hardware- und Schnittstellenparametern weniger stark von Lieferzeiten abhängen. Andererseits arbeitet Linkerbot an einer proprietären Softwarebasis, der Skills-Datenbank „LinkerSkillNet“, die das Unternehmen als besonders umfangreich positioniert: Über 500 Skills sollen abgebildet sein, von präzisen Bewegungen wie Gemüseschneiden bis zum Einfädeln. Die Idee dahinter: Einzelne Bewegungsbausteine werden zu Sequenzen kombiniert – ähnlich wie bei Lego-Blöcken – damit aus vielen Teilfertigkeiten schrittweise komplexe Handlungen entstehen, etwa beim Formen von Dumplings oder beim Spielen von Musikinstrumenten.
Im Marktumfeld wirkt das wie eine Antwort auf zwei parallele Entwicklungen. Zum einen wächst in China der Bedarf an Robotik-Lösungen angesichts einer alternden Bevölkerung und steigender Automatisierung in der Fertigung. Linkerbot nennt dafür konkrete Anwendungsfelder: In Fabriken werden Greifer bereits zum Greifen und Montieren eingesetzt, in Planung ist zudem der Ausbau zu „Hausarbeiten“ wie Kochen oder Reinigen – also typische Aufgaben, die humanoiden Robotern erst gesellschaftlich relevant machen würden. Zum anderen wird der Wettbewerb über Preise und Leistung ausgetragen: Laut einer Branchenabschätzung gibt es in China Dutzende Hersteller von Robotikhänden; gleichzeitig prognostiziert eine lokale Research-Organisation, dass die Auslieferungen in China von rund 70.000 Einheiten bis Ende des Jahres in Richtung 430.000 Stück jährlich bis 2030 wachsen könnten. Das bedeutet Wettbewerb nicht nur um Kunden, sondern auch um Produktionskapazitäten und Skaleneffekte.
Linkerbot versucht, diese Skalierung wirtschaftlich zu untermauern. Ein neues Produktionssetup in Peking, das im August startete, erhöht laut Unternehmensangaben die Zahl der Fertigungsstätten auf insgesamt vier; als Ziel werden in den nächsten Jahren Kapazitäten bis zu 100.000 Händen pro Jahr genannt. Die Preislogik folgt daraus: Während globale Hardwarekosten für ein Handpaar im Durchschnitt etwa 6.000 US-Dollar betragen, liegt der Durchschnitt in China laut einer Analystenschätzung bei rund 1.200 US-Dollar pro Paar. Proportional zur Auslastung sollen laut derselben Einschätzung Kostensenkungen von etwa 15% pro Jahr möglich sein. In der Praxis könnte Linkerbot damit nicht nur günstiger einkaufen, sondern auch bessere Konditionen bei Materialien verhandeln – ein Vorteil, der bei Komponentenherstellern oft unterschätzt wird, weil er nicht in den technischen Datenblättern, sondern in den Beschaffungskalkulationen steckt.
Wie stark die Software- und Hardwarestrategie zusammenspielt, sieht man im Vergleich mit Wettbewerbern. Ein Beispiel: Sharpa trainierte die dextere „Wave“-Hand erfolgreich für das Schälen eines Apfels – eine Aktion, die in der Robotik als Meilenstein gilt. Laut Einschätzung eines unabhängigen Beraters erreicht Linkerbots derzeit fortschrittlichstes Modell (L30) die Druckgenauigkeit der Wellenhand nicht ganz, weil es weniger Sensoren einsetzt; trotzdem besitzen beide Produkte eine ähnliche Dexterität. Auch preislich will Linkerbot überleben und wachsen: Die Wave-Hand wird berichtet deutlich teurer verkauft, während ein weiteres Londoner Unternehmen für seinen Top-Funktionsumfang ebenfalls deutlich höhere Preise verlangt. Linkerbot kontert damit, dass es nicht auf einen einzigen „Wow“-Sensor setzt, sondern auf ein Gesamtpaket aus Fertigungstiefe, iterativer Entwicklung und Skills-Software.
Damit stellt sich noch eine zweite, strategische Frage: Ist Linkerbot eher ein Komponentenlieferant oder ein Plattformanbieter? CEO Alex Zhou formuliert den Anspruch, nicht nur eine Hand zu bauen, sondern den kompletten Skill-Satz einer menschlichen Hand in das System zu übertragen. Technisch äußert sich das auch in einem KI-Modell namens „Linker Genesis“, das die Steuerung der Hände über verbale Kommandos ermöglichen soll. Gleichzeitig verschiebt das Startup die Ressourcen in Richtung KI-Forschung: Das Unternehmen plant, die Teamgröße bis Jahresende auf 1.000 Mitarbeitende zu verdoppeln, wobei die Hälfte der neuen Stellen KI-bezogene Forschung adressieren soll. Für den Kapitalmarkt bedeutet das: In einer Finanzierungsrunde im April wurde das Startup mit 3 Milliarden US-Dollar bewertet; zudem läuft eine weitere Finanzierungsphase mit dem Ziel einer deutlich höheren Bewertung, während ein konkreter Zeitplan für einen möglichen Börsengang in Hongkong laut Unternehmensvertretern noch nicht feststeht.
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