LONDON (IT BOLTWISE) – Anleihen wurden im August zeitweise deutlich abverkauft, wodurch Renditen an die höchsten Werte seit Jahren stiegen. Damit gerät der 60/40-Ansatz unter Druck, weil Aktien und Anleihen in Stressphasen gleichzeitig fallen können. Für Anleger bedeutet das: Das klassische Ausbalancieren über den Anleiheanteil funktioniert nicht automatisch. Entscheidend wird, ob das Depot jetzt per Rebalancing wieder näher an die Zielquoten gebracht werden kann.

Der Ausverkauf am Anleihemarkt trifft gerade einen Plan, der für viele Depots so selbstverständlich ist wie das Morgenlicht: das 60/40-Portfolio mit 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen. Die Idee dahinter ist schlicht und elegant – der Anleiheanteil soll in Phasen schwacher Aktien stabilisieren. Doch wenn Renditen gleichzeitig kräftig nach oben schießen, kippt dieser Mechanismus. Im August trieben die kräftigen Bewegungen die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen zeitweise über 4,7 Prozent, während die 30-jährigen Papiere zeitweise über 5,3 Prozent kletterten. Für Anleger heißt das: Der „Puffer“ besteht zwar noch, wirkt aber dünner.
Technisch betrachtet liegt der Kern im Zusammenspiel aus Kurs und Rendite sowie in der „Korrelation im Stress“. In der Theorie gilt: Wenn Aktien fallen, steigen Anleihekurse – weil Anleger in sichere Anlagen ausweichen und die Risikoprämien enger werden. In der Praxis ist die Paarung jedoch brüchig geworden, weil sich die Treiber auf dem Anleihemarkt verschieben. Ein Datenanbieter hat für die vergangenen drei Jahre ausgerechnet, dass hochwertige Anleihen in den schwächsten Börsenmonaten im Schnitt nur noch rund 1,7 Prozent nachgaben, während Aktien fast fünf Prozent verloren. Der Effekt zeigt: Es bleibt zwar noch ein Polster von ungefähr einem Drittel, aber die historische Breite dieses Dämpfers schrumpft spürbar.
Dass der Gleichlauf so stark werden kann, macht 2022 besonders deutlich: Damals rutschten Aktien und Anleihen gemeinsam ab, weshalb das schwächste Jahr für die 60/40-Aufteilung seit Generationen entstand. Dahinter steckt weniger „Panik an der Börse“ als vielmehr eine Mischung aus Angebots- und Finanzierungseffekten. Ein zentraler Punkt: Große KI-getriebene Technologiekonzerne finanzieren den Ausbau ihrer Rechenzentren zunehmend über den Kapitalmarkt. Bis Anfang Juli begaben sie laut einer Auswertung einer Nachrichtenagentur zusammen Anleihen im Umfang von rund 194 Milliarden US-Dollar; das entspricht einem deutlichen Plus gegenüber dem gesamten Vorjahr. Mehr Emissionen bedeuten in der Regel mehr Angebot – und wenn die Nachfrage nicht im gleichen Tempo wächst, drücken steigende Renditen die Kurse.
Der Gegenpart zur Angebotsseite ist nicht nur die Geldpolitik, sondern auch die fiskalische Lage. Für die USA wird in der Berichterstattung betont, dass der Schuldenstand 40 Billionen US-Dollar überschritten hat und die jährliche Zinslast bei rund einer Billion US-Dollar liegt. Mehr Angebot trifft damit auf ein Umfeld, in dem Anleger laufend neue Emissionen absorbieren müssen – und in dem schon kleine Änderungen in Erwartung und Liquidität großen Einfluss haben können. In der Folge wird die Duration im Anleiheblock spürbar: Je länger die Laufzeit, desto stärker reagieren Kurse auf Renditebewegungen. Genau deshalb können selbst Anleiheanteile, die in normalen Jahren als Stabilitätsanker dienten, in einem Renditeschock schnell an Wirkung verlieren.
Für die Portfolio-Praxis rückt damit die Frage in den Vordergrund, wie gut das Rebalancing noch durchgeführt wurde. Wer sein Depot über längere Zeit nicht angepasst hat, hat in vielen Fällen überproportional in Aktien gewichtet – etwa weil einzelne Wachstumswerte die Performance stark tragen. Ein Beispiel aus dem US-Markt: NVIDIA allein steht in der Gewichtung des S&P 500 für rund acht Prozent. Wenn der Renditeanstieg zwar eine „gute Seite“ hat – neue Anleihen werfen wieder spürbar mehr Zins ab und bieten dadurch ein dickeres Polster als in der Nullzinsphase – bleibt trotzdem das Grundproblem: Die Zielverteilung verschiebt sich, und der Anleiheanteil dämpft dann weniger als geplant.
Was Anleger jetzt abwägen können, hängt von der Zielsetzung ab, nicht von der Schlagzeile. Ein Ansatz ist, die ursprüngliche Aufteilung wieder näher an die Zielquoten zu bringen und Gewinne aus dem Aktienteil zu realisieren, der durch wenige KI-Lastige Titel stark gelaufen ist. Daneben wird eine breitere Streuung oft relevanter: Internationale Aktien, stärker diversifizierte Substanzwerte oder Sachwerte wie Gold können Risikoquellen verteilen und klären, ob das Depot in künftigen Stressphasen nicht wieder zu stark an eine einzige Renditekategorie gekoppelt ist. Besonders nicht-amerikanische Märkte können dabei helfen, weil sie nicht in gleichem Maß am KI-getriebenen Handelsfokus hängen; allerdings ist auch hier entscheidend, wie stark die Zins- und Währungsrisiken in der Gesamtstruktur wirken.
Den nächsten klaren Impuls liefert die Notenbank. Am 16. September steht in den USA eine Entscheidung über die Zinsen an, nachdem Fed-Chef Kevin Warsh zuvor beim Notenbanktreffen in Jackson Hole gesprochen hat. Für 60/40-Depots ist die Frage weniger, ob die Entscheidung als solche „gut“ oder „schlecht“ wirkt, sondern wie sie die Renditekurve im Detail steuert: Welche Laufzeiten ziehen an, wo bleibt der Risikoaufschlag, und wie schnell normalisiert sich die Volatilität. Genau dann wird sichtbar, wie viel Stoßdämpfer im Anleiheteil tatsächlich übrig bleibt – oder ob aus dem Puffer erneut ein Mitspieler im Abschwung wird.
Für Entscheidungsträger in Unternehmen und vermögensverwaltende Einheiten folgt daraus eine pragmatische Lehre: Asset Allocation ist nur dann Stabilität, wenn sie regelmäßig überprüft und anhand der realen Marktmechanik angepasst wird. Rebalancing ersetzt nicht das Marktrisiko, kann aber verhindern, dass aus einer Zielstrategie eine zufällige Gewichtung wird. Gleichzeitig lohnt es, die Anleihekomponente nicht nur nach Anteil, sondern nach Eigenschaften wie Laufzeit und Emittentenrisiko zu prüfen. Denn wenn der Markt die Korrelation zwischen Aktien und Anleihen neu schreibt, muss das Depot die neue Sprache ebenfalls verstehen.
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