BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Deutsche Unternehmen berichten über deutlich mehr Angriffe durch ausländische Nachrichtendienste als im Vorjahr. Laut Bundesamt für Verfassungsschutz steigt die wahrgenommene Gefährdung seit einigen Monaten spürbar an. Der Wirtschaftsschutzbericht eines Branchenverbands zeigt zudem, dass ein großer Teil der Vorfälle auf kriminelle Banden zurückgeht. Gleichzeitig bleibt ein nennenswerter Anteil der Führungskräfte bei der Zuordnung unsicher.

Die Alarmglocken in deutschen Unternehmen werden seit Monaten lauter, weil sich die Muster bei Cyber- und Spionagevorfällen verschieben. Laut den Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) haben Firmen in den vergangenen zwölf Monaten deutlich mehr Angriffe ausländischer Nachrichtendienste wahrgenommen als noch im Jahr zuvor. Der konkrete Kontext ist dabei nicht nur „mehr“ im Sinne einer höheren Fallzahl, sondern auch „anders“ im Sinne der Bedrohungsakteure: Ein Teil der Vorfälle lässt sich inzwischen wieder häufiger mit ausländischen Nachrichtendiensten in Verbindung bringen. Das ist für IT-Leitungen relevant, weil die Abwehrstrategie je nach Akteursprofil stärker differenziert werden muss – etwa bei der Frage, ob es primär um Informationsbeschaffung, Sabotage oder gezielte Diebstähle geht.
Der Wirtschaftsschutzbericht des Branchenverbands stützt diese Einschätzung über eine Befragung von rund 1.000 Führungskräften und IT-Verantwortlichen, die im Frühjahr nach Vorfällen innerhalb eines Jahres gefragt wurden. Insgesamt gaben 67 Prozent an, dass es entsprechende Ereignisse wie Diebstahl, Industriespionage oder Sabotage im eigenen Unternehmen gab. Weitere 29 Prozent schilderten, dass das Unternehmen „vermutlich betroffen“ gewesen sei. Diese Trennung ist mehr als eine Statistikfrage: Sie zeigt, dass die Wahrnehmung des Risikos oft vor der sicheren Attribution kommt. Genau daran setzt die operative Planung an, denn ohne klare Zuordnung müssen Teams sowohl Basisschutzmaßnahmen als auch gezielte Härtungen so aufsetzen, dass sie verschiedene Angriffslinien abdecken.
Bei der Akteursfrage wird die Lage konkret: Von den Unternehmen, die Sabotage, Spionage oder Diebstahl erlebt haben, meldeten 37 Prozent, dass ein ausländischer Nachrichtendienst dahintersteckte. Im Vorjahr lag der entsprechende Anteil bei 28 Prozent. Gleichzeitig bleiben kriminelle Banden mit 62 Prozent die häufigste Tätergruppe – hier sank der Wert gegenüber dem Vorjahr um sechs Prozentpunkte. Außerdem meldeten jeweils acht Prozent der Unternehmen Angriffe durch Kunden beziehungsweise Lieferanten; Mehrfachnennungen waren möglich. Für Security-Verantwortliche bedeutet das, dass die Maßnahmen nicht nur intern greifen dürfen. Zwingend sind auch Lieferketten- und Drittparteien-Härtung, etwa über segmentierte Zugriffe, saubere Identitäts- und Berechtigungsmodelle sowie ein nachvollziehbares Vorgehen bei Incident-Triage mit externen Kontakten.
Besonders aufschlussreich ist, wie Unternehmen die Startpunkte der Angriffe einordnen. Von den Betroffenen gaben 52 Prozent an, der Angriff sei von China aus gestartet worden. In 49 Prozent der Fälle gehen die Firmen davon aus, dass sich der Angreifer in Russland aufhielt. Das berührt zwei Ebenen: Zum einen geht es um die geografische Einordnung, die für die Priorisierung bestimmter Schutzregeln und Telekommunikations- sowie Forensik-Schwerpunkte hilfreich sein kann. Zum anderen zeigt es aber auch die Grenzen der Aussagekraft: Geobasierte Vermutungen entstehen häufig aus technischen Artefakten wie Routing, Infrastruktur- oder Kontoindikatoren, die nicht immer gleichbedeutend mit einem physischen Aufenthaltsort des Täters sind. Für die Praxis heißt das, dass Entscheidungen über die Abwehrstrategie möglichst an technischen Belegen ausgerichtet bleiben sollten, nicht allein an der Herkunftsannahme.
Auffällig ist zudem die anhaltende Unsicherheit bei der Zuordnung. In den zwei Jahren zuvor lag der Anteil der Führungskräfte, die einen Angriff nicht mit Sicherheit erkennen konnten, sondern nur vermuteten, jeweils zehn Prozent niedriger. Das spiegelt vermutlich auch eine Reifephase in der Befragung wider: Je komplexer die Angriffsketten, desto schwieriger wird die sichere Attribution im laufenden Betrieb. Für das Risikomanagement heißt das, dass man mit unterschiedlichen Vertrauensgraden arbeiten sollte – also zum Beispiel zwischen „bestätigt kompromittiert“, „wahrscheinlich betroffen“ und „unklar“. Genau diese Abstufung beeinflusst, wie Ressourcen in Incident Response, forensische Untersuchungen und langfristige Präventionsprogramme fließen.
Auch die Schadensbewertung ergibt ein Bild der wirtschaftlichen Dimension, allerdings mit einer überraschenden Randnotiz: Die Schadenssumme für die deutsche Wirtschaft durch Angriffe im digitalen und analogen Raum wird diesmal auf mindestens 211 Milliarden Euro beziffert. Im Vergleich zu den Vorjahren ist das geringer: 2025 waren es rund 289 Milliarden Euro, 2024 lag die Summe bei 266,6 Milliarden Euro. Dass der Wert sinkt, obwohl gleichzeitig mehr Angriffe ausländischer Nachrichtendienste wahrgenommen werden, kann mehrere Erklärungen haben – etwa veränderte Schadensschätzungen, unterschiedliche Schweregrade der Vorfälle oder einen stärkeren Fokus auf Früherkennung und Schadensbegrenzung. In jedem Fall ist es für das Management wichtig, Schadenszahlen nicht nur als Gesamtkennzahl zu sehen, sondern sie mit Details zu Angriffstypen, Verweildauer im System und Wiederherstellungskosten zu verknüpfen.
Für die Umsetzung ergibt sich daraus ein pragmatischer Handlungsrahmen: Erstens müssen Unternehmen ihre Basis-Hygiene weiter stärken, weil kriminelle Banden weiterhin mit Abstand den größten Anteil der Fälle stellen. Zweitens lohnt sich ein Ausbau der Fähigkeiten zur Attribution, zumindest soweit sie operativ entscheidbar ist, damit „vermutlich betroffen“ schneller zu verwertbaren Erkenntnissen führt. Drittens sollten Drittparteien und Lieferketten systematisch in den Schutzplan integriert werden, da Angriffe durch Kunden und Lieferanten mit jeweils acht Prozent ebenfalls relevant bleiben. Wer diese Schichten verbindet, reduziert nicht nur die Eintrittswahrscheinlichkeit, sondern verbessert auch die Geschwindigkeit, mit der Teams zwischen Spionage, Sabotage und Diebstahl unterscheiden können – und genau diese Unterscheidung entscheidet oft darüber, ob ein Incident mit einmaliger Eindämmung endet oder in nachhaltigen Vermögens- und Vertrauensverlust übergeht.
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