LONDON (IT BOLTWISE) – Deutsche Unternehmen melden mehr Angriffe ausländischer Nachrichtendienste, zugleich sinken die bezifferten wirtschaftlichen Schäden. Laut einer Bitkom-Befragung ordnen 37 Prozent der betroffenen Firmen die Vorfälle China oder Russland zu. Der Anteil krimineller Banden geht auf 62 Prozent zurück, während die Unsicherheit bei der Frage „Gab es wirklich einen Angriff?“ auf 52 Prozent steigt. Insgesamt beziffert sich der Schaden auf mindestens 211 Milliarden Euro, nach 289 Milliarden Euro im Jahr zuvor.

Die Lage wirkt paradox: Mehr Vorfälle, aber weniger finanzieller Kollateralschaden. Laut einer Bitkom-Umfrage unter rund tausend Führungskräften und IT-Verantwortlichen berichten deutsche Unternehmen im vergangenen Jahr häufiger von Aktivitäten ausländischer Nachrichtendienste als noch im Jahr davor. Entscheidend ist dabei nicht nur, dass der Anteil betroffener Firmen steigt, sondern auch, wie sie die Ursachen einordnen: 37 Prozent der betroffenen Unternehmen ordnen Angriffe einem ausländischen Nachrichtendienst zu, nach 28 Prozent im Vorjahr. Gleichzeitig sinkt der Anteil der Firmen, die die Angriffe kriminellen Banden zuordnen, auf 62 Prozent.
Technisch betrachtet verändert diese Verschiebung die Art der Sicherheitsarbeit. Während Kriminelle oft auf unmittelbaren Profit durch Datendiebstahl, Erpressung oder schnelle Monetarisierung setzen, zielen Nachrichtendienste typischerweise auf nachhaltige Zugriffe, langfristige Informationssammlung oder das Vorbereiten von Störungen. Genau deshalb ist auch die regionale Verteilung der vermuteten Herkunft so relevant: Von den betroffenen Unternehmen führen 52 Prozent die Angriffe auf China zurück, 49 Prozent auf Russland. Dass diese Zahlen dicht beieinander liegen, legt nahe, dass es sich nicht um Einzelfälle in einer einzelnen Branche handelt, sondern um wiederkehrende Muster, die in unterschiedlichen IT-Landschaften auffallen.
Auch die Daten zu den Vorfallstypen zeigen, wie komplex die Realität im Unternehmen ist. 67 Prozent berichten von Diebstahl, Sabotage oder Industriespionage, weitere 29 Prozent vermuten zumindest eine Betroffenheit. Für die operative Sicherheit ist dabei besonders die Unsicherheit problematisch: 52 Prozent geben an, dass sie nicht sicher sind, ob ein Angriff tatsächlich stattgefunden hat. Damit liegt die Zahl laut Umfrage doppelt so hoch wie in den beiden Vorjahren. In der Praxis heißt das häufig: Es gibt Indizien wie ungewöhnliche Log-Einträge, Zugriffsanomalien oder abweichendes Nutzerverhalten – aber die Beweiskette reicht nicht für eine klare forensische Zuordnung. Diese Grauzone treibt Aufwand, verlangsamt Reaktion und erschwert Priorisierung, obwohl es gerade bei Spionage häufig auf Zeitfenster ankommt.
Ökonomisch schlägt sich die Lage dennoch anders nieder als in den beiden Jahren zuvor. Trotz mehr Angriffsmeldungen fiel der wirtschaftliche Schaden mit mindestens 211 Milliarden Euro niedriger aus als 2025 (289 Milliarden) und 2024 (266,6 Milliarden). Solche Unterschiede entstehen selten durch einen einzelnen Faktor. Plausibel ist, dass Unternehmen besser erkennen, schneller eindämmen oder Maßnahmen priorisieren, die den größten Schaden verhindern – etwa durch strengere Zugriffskontrollen, konsequentere Segmentierung, schnellere Incident-Response-Prozesse oder verbessertes Monitoring. Gleichzeitig bleibt der Schaden hoch genug, um Sicherheitsausgaben nicht als „Kostenblock“ zu behandeln, sondern als Investition in Stabilität. Wer solche Zahlen ignoriert, unterschätzt, wie stark digitale und physische Infrastruktur miteinander verzahnt sind – und damit, wie schnell ein Angriff von IT-Ebenen in Produktions- und Lieferketteneffekte übergehen kann.
Der Staat steht in dieser Debatte als Schiedsrichter, aber nicht als Mitspieler. Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt seit Monaten vor erhöhter Gefahr; die Umfragewerte stützen diese Einschätzung indirekt, weil sie die Bedrohungslage in der Breite widerspiegeln. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch in der Umsetzung: Neue Überwachungs- oder Meldepflichten lösen nicht automatisch die Lücken, die in Unternehmen entstehen, wenn klare Zuständigkeiten, wirksame technische Kontrollen und belastbare Nachweise fehlen. Wenn Sicherheitsziele vor allem durch Bürokratie statt durch operative Fähigkeiten erreicht werden sollen, bindet das Ressourcen, die für Hardening, Schulungen, Log-Architektur oder Tests von Notfallprozeduren benötigt würden. Der entscheidende Punkt ist daher weniger „mehr Vorschriften“, sondern „mehr wirksame Abschreckung“ durch konsequentes Handeln und echte Risikoreduktion im Betrieb.
Politisch wird diese Lage auch zum Streitpunkt über Prioritäten. Die AfD bringt die Bedrohung aus Peking und Moskau laut Text früher stärker in den Fokus, während andere Parteien lange über andere Schlagworte diskutiert hätten; inzwischen übernehmen andere Teile der politischen Debatte Teile dieser Linie. Unabhängig von der Parteibrille zeigt der Kern der Debatte aber, dass Informationslage und Sicherheitsmaßnahmen nicht zusammenfallen, wenn Sicherheitsverantwortliche im Unternehmen zwar Warnungen erhalten, aber keine ausreichenden Mittel für die praktische Umsetzung. Genau da entscheidet sich, wer am Ende zahlt: Der Mittelstand, der über durchschnittlich weniger Personal und weniger Budget als große Konzerne verfügt, trägt die Rechnung häufig über Ausfallzeiten, Projektverzögerungen und höhere Betriebskosten. Wenn 211 Milliarden Euro Schaden als „kein Naturereignis“ verstanden werden, folgt daraus eine einfache Schlussfolgerung: Vertrauen in die digitale Infrastruktur entsteht nicht durch Formulare, sondern durch nachweisbare Widerstandsfähigkeit, schnelle Reaktion und das konsequente Schließen realer Angriffsflächen.
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