BERLIN – Deutsche Unternehmen melden deutlich mehr Angriffe, bei denen ausländische Nachrichtendienste beteiligt sein könnten. Laut Bitkom liegt der Anteil der Betroffenen mit Sabotage, Spionage oder Diebstahl auf 37 Prozent, nachdem es im Vorjahr 28 Prozent waren. Auch KI-gestützte Methoden wie Deepfakes und Robo Calls nehmen messbar zu. Gleichzeitig bleibt Ransomware trotz Rückgangs die häufigste Schadensart im Umfeld digitaler Angriffe.

Deutsche Unternehmen erleben in den vergangenen zwölf Monaten spürbar häufiger Angriffe, bei denen ausländische Nachrichtendienste im Spiel sein könnten. In Bitkom-Erhebungen für den Wirtschaftsschutzbericht berichten 37 Prozent der Firmen, die Sabotage, Spionage oder Diebstahl erlebt haben, von Angriffen durch einen ausländischen Nachrichtendienst. Damit steigt der Wert gegenüber dem Vorjahr (28 Prozent) deutlich an. Gleichzeitig nehmen auch Angriffe durch kriminelle Banden zu, denn 62 Prozent der Betroffenen ordnen ihre Vorfälle diesem Muster zu – sechs Prozentpunkte weniger als 2025.
Dass die Lage nicht nur als „Cyber-Problem“ wahrgenommen wird, passt zur Bewertung des Bundesamtes für Verfassungsschutz, das bereits seit Monaten von einer erhöhten Gefährdung ausgeht. Besonders im Fokus stehen dabei Rüstungsakteure sowie Verkehrswege, Energieunternehmen und andere Teile der kritischen Infrastruktur. Die Sicherheitsbehörden beobachten vermehrt, dass Angreifer gezielt nach Informationen suchen und dabei Strukturen ausspähen, die für Betrieb, Logistik oder Energieversorgung zentral sind. Solche Vorgehensweisen sind typischerweise keine einmaligen Einbrüche, sondern eher das schrittweise Aufbauen von Zugriffsmöglichkeiten.
Die geostrategische Aufteilung der Bedrohung ergibt sich in den Bitkom-Daten aus den vermuteten Startpunkten und Aufenthaltsorten der Angreifer. Bitkom nennt in dem Bericht als häufigste Herkunftsregion China: 52 Prozent der Betroffenen geben an, der Angriff sei von China aus gestartet worden. In 49 Prozent der Fälle gehen die Firmen davon aus, dass sich der Angreifer in Russland aufgehalten habe, wobei Bitkom hier nicht zwischen kriminellen Akteuren und Tätigkeiten im Auftrag von Nachrichtendiensten unterscheidet. Sinan Selen, Präsident des Verfassungsschutzes, ordnet das mit Blick auf den Ansatz Russlands ein: China habe sich früher stärker auf Industriespionage fokussiert, setze inzwischen auch auf „das Abziehen von Informationen im politischen Raum“; Russland wiederum versuche, „mit Hilfe von Spionage Fähigkeitslücken zu schließen“.
Für IT-Leitungen und Security-Teams ist entscheidend, dass die Abgrenzung zwischen staatlicher und nichtstaatlicher Täterschaft im Alltag oft schwer fällt. Der Verfassungsschutz weist darauf hin, dass sich einzelne staatliche Akteure – insbesondere in Russland – Dienste krimineller Hacker bedienen oder solche Aktivitäten zumindest gewähren lassen. In den Bitkom-Rückmeldungen schildern 34 Prozent Angriffe aus osteuropäischen Nicht-EU-Staaten; 12 Prozent verorten den Angreifer in Deutschland, während Angriffe aus anderen EU-Ländern (26 Prozent) und aus den USA (27 Prozent) ebenfalls eine große Rolle spielen. Dazu kommt: Bitkom sieht eine Zunahme der Fälle, bei denen ein Unternehmen überhaupt erst durch eine Behörde auf die Angriffe hingewiesen wurde, was auf strengere Detektions- und Meldewege hindeutet.
Technisch verschiebt sich das Risiko zudem in Richtung KI-gestützter Social-Engineering- und Desinformationstechniken. Bitkom berichtet, dass Unternehmen mehr solche Angriffe wahrnehmen: Beim Schadensmuster „Robo Calls“ gaben 14 Prozent der Firmen an, hierdurch sei ein Schaden verursacht worden – nach 3 Prozent im Vorjahr. Robo Calls sind automatisierte Anrufe, bei denen ein System eine Telefonnummer wählt und eine aufgezeichnete Nachricht abspielt. Ebenso steigt die Betroffenheit durch Deepfakes: Der Anteil der Unternehmen mit Schäden durch KI-generierte Fälschungen verdoppelt sich von 4 auf 8 Prozent. Als Beispiel nennt Bitkom manipulierte Instruktionen, die die Inbetriebnahme von Systemen betreffen.
Auch bei der klassischen Ransomware zeigt sich eine differenzierte Entwicklung. Der Anteil der Firmen, die im Erhebungszeitraum Ransomware als Methode erlebt haben, sinkt zwar von 34 Prozent auf 25 Prozent, dennoch bleibt Ransomware die häufigste Methode bei Cyberangriffen. Ransomware verschlüsselt Daten, worauf Angreifer Lösegeld fordern, meist in Kryptowährung, um die Daten wieder freizugeben. Auffällig ist zudem die „Unklarheits-Komponente“: In den zwei Jahren davor lag der Anteil der Führungskräfte, die einen Angriff nicht sicher erkennen konnten, sondern ihn nur vermuteten, jeweils 10 Prozent niedriger. Das kann bedeuten, dass Detection, Forensik oder Meldeketten noch nicht überall ähnlich ausgereift sind.
Für die wirtschaftliche Einordnung zeigt Bitkom zwar einen Rückgang der Schadenssumme auf mindestens 211 Milliarden Euro, nennt aber gleichzeitig, dass im digitalen und analogen Raum weiterhin hohe Folgekosten entstehen. 2025 lag die Summe bei rund 289 Milliarden Euro, 2024 bei 266,6 Milliarden Euro. Zu den berücksichtigten Kosten zählen unter anderem Ausgaben für Ermittlungen, Ersatzmaßnahmen und Betriebsausfälle – ebenso Einbußen durch Plagiate oder der Verlust von Wettbewerbsvorteilen. Aus Sicht des Verfassungsschutzes lässt sich der Schaden bei staatlich unterstützten Akteuren häufig nicht sofort exakt finanziell beziffern: Wenn etwa Informationen beschafft werden, die strategische Vorteile liefern, entsteht zunächst kein unmittelbarer Buchungsschaden, doch langfristig kann der Angreifer aus den gewonnenen Daten Nutzen ziehen.
Entscheidend für die Abwehr bleibt daher weniger ein einzelnes „Patch“, sondern die Schließung mehrerer Schwachstellen im Gesamtsystem. Bitkom beschreibt als typische Erleichterungsfaktoren vor allem Fehlkonfigurationen von Software sowie fehlende Vorbereitung, um Angriffe schnell zu erkennen und abzustellen. Daneben spielt ein defizitäres Identitäts- und Zugangsmanagement eine zentrale Rolle, weil kompromittierte Konten oft den direkten Weg in Produktions- und Administrationsbereiche öffnen. Für Unternehmen heißt das praktisch: Sicherheitsmaßnahmen müssen nicht nur neue Angriffsarten wie KI-unterstütztes Social Engineering berücksichtigen, sondern auch die Grundlagen von Zugriffskontrolle, Monitoring und Incident-Readiness so gestalten, dass sich ein Schaden nicht nur verhindern, sondern auch zeitnah nachweisen und eindämmen lässt.
Am Ende bringt Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst die Lage auf den Punkt: Es gebe im Grunde nur zwei Arten von Unternehmen – jene, die gehackt wurden, und jene, die es noch nicht wissen. Damit wird verständlich, warum die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Branchenverbänden und Behörden an Bedeutung gewinnt: Je früher ein Angriff erkannt wird, desto eher lassen sich sowohl digitale als auch operative Folgekosten begrenzen. Für IT-Entscheider verschiebt sich der Schwerpunkt dadurch von reiner Prävention hin zu messbarer Resilienz, also der Fähigkeit, auch unter Unsicherheit schnell zu reagieren und die Auswirkungen zu begrenzen.
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