LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Umfrage unter Jugendlichen zeigt einen klaren Doppelaspekt: Viele berichten, soziale Medien tun ihnen gut, während gleichzeitig Werbung, Fehlinformationen und Mobbing belasten. Besonders Vielnutzer klagen deutlich häufiger über schlechte Laune, innere Unruhe und körperliche Beschwerden. Gleichzeitig nutzen viele Jugendliche bereits Funktionen wie Entfolgen, Blockieren oder das Abschalten von Benachrichtigungen. Dennoch wünschen sie sich Unterstützung in der Schule und stärkere Regeln auf den Plattformen.

Die Debatte um Social Media bekommt neue Zahlenfutter – und zwar aus der Perspektive der betroffenen Altersgruppe. Laut einer Umfrage, die die Techniker Krankenkasse (TK) vom Institut Eye Square in den Monaten April und Mai mit insgesamt 1.400 Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren durchführen ließ, unterstützen 47 Prozent der Teilnehmenden Altersgrenzen. Im Durchschnitt würden sie ein Verbot bis zu einem Alter von 14 Jahren befürworten, acht Prozent sogar für ein vollständiges Nutzungsverbot. 39 Prozent lehnten solche Verbote dagegen ab. Damit verschiebt sich der Fokus weg von pauschalen Sperren hin zur Frage, wie sich Risiken mindern lassen, ohne den Alltag und die Freizeitgestaltung der Jugendlichen komplett zu unterbrechen.
Technisch betrachtet ist Social Media für viele Jugendliche weniger ein „Tool“ als ein permanenter Kanal zwischen Unterhaltung und sozialer Kommunikation. Genau diese Mischung spiegelt die Umfrage. 80 Prozent der Jugendlichen gaben an, soziale Medien täten ihnen gut oder eher gut; lediglich 15 Prozent bewerteten die Nutzung als weniger gut oder sogar nicht gut. Vier von fünf Jugendlichen sagten zudem, dass sie Social Media vor allem für Spaß und als Zeitvertreib nutzen. 64 Prozent bleiben über die Plattformen in Kontakt mit Freundinnen und Freunden, und 42 Prozent suchen dort Inspiration – etwa für Sport, Reisen oder Essen. Auch Influencerinnen und Influencer spielen in diesem Ökosystem eine Rolle: 36 Prozent folgen ihnen; die beliebtesten Plattformen waren in der Befragung YouTube, TikTok, Instagram, Snapchat und Roblox.
So positiv die Selbstwahrnehmung vieler Nutzenden ausfällt, die Belastungsfaktoren werden in denselben Daten deutlich. Auf die Frage, was bei der Nutzung nervt oder stresst, nannten 57 Prozent die Menge an Werbung. 52 Prozent stören sich an falschen oder irreführenden Informationen oder Bildern. Ein weiteres Stressmoment ist die reine Zeitdauer: 36 Prozent berichten, dass sie viel Zeit auf Social Media verbringen, während 35 Prozent Mobbing und Beleidigungen als Belastung sehen. Daneben tauchen unerwünschte Bilder und Videos (31 Prozent) sowie geschönte Inhalte (14 Prozent) auf. Auffällig ist, dass mehrere dieser Punkte direkt an typische Mechanismen von Plattform-Ökonomien anknüpfen: Werbe- und Content-Feeds erhöhen die Reizdichte, während algorithmische Vorschläge Fehl- oder problematische Inhalte schneller sichtbar machen können.
Die Nutzungsdauer wirkt in den Ergebnissen wie ein Verstärker. Zwar sagten 11 Prozent, sie lägen bei weniger als einer Stunde pro Tag, doch bei der Mehrheit sind es deutlich mehr. 27 Prozent verbringen ein bis zwei Stunden täglich, 26 Prozent zwei bis drei Stunden, 19 Prozent drei bis vier Stunden und 17 Prozent vier Stunden oder mehr. Die TK formuliert daraus einen Zusammenhang: Je länger Jugendliche Social Media nutzen, desto häufiger berichten sie negative Gefühle und körperliche Beschwerden. In der Gruppe mit vier Stunden oder mehr nennen 49 Prozent häufig oder ständg schlechte Laune – im Vergleich zu 20 Prozent bei ein bis zwei Stunden. Auch Unzufriedenheit mit sich selbst liegt bei 40 Prozent der Vielnutzer gegenüber 22 Prozent der Wenignutzer. Innere Unruhe (39 Prozent statt 17 Prozent) und Erschöpfung (39 Prozent statt 22 Prozent) folgen einem ähnlichen Muster, hinzu kommen laut Umfrage häufiger Schlafprobleme, Kopfschmerzen, Muskelverspannungen und Bauchschmerzen.
Gleichzeitig zeigt die Befragung, dass Jugendliche nicht passiv „ausgeliefert“ sind, sondern bereits aktiv steuern. Ute Erdenberger, Gesundheitsmanagerin der TK, betont Medienkompetenz als Kernelement eines bewussten und reflektierten Umgangs. Konkrete Beispiele liefern die Antworten: 37 Prozent sagten, sie entfolgen oder blockieren bestimmte Profile; 28 Prozent schalten Benachrichtigungen aus. 26 Prozent haben handyfreie Zeiten, und 25 Prozent legen das Gerät zeitweise woanders hin. Solche Maßnahmen greifen nicht an den Plattformen selbst an, sondern an den Interaktionsmustern – sie reduzieren etwa die Häufigkeit automatischer Rückkopplungen durch Benachrichtigungen und beschränken die ununterbrochene Verfügbarkeit.
Die nächste Ebene ist aber klar: Selbst wenn Jugendliche Gegenmaßnahmen kennen, wünschen sie sich zusätzliche Unterstützung. In der Umfrage nennen jeweils 70 Prozent der Befragten den Wunsch, dass Plattformen ungeeignete Inhalte wie Gewalt, Beleidigungen und Hasskommentare unterbinden. Zugleich wünschen sich viele Strukturen für den Alltag: Unterstützung in der Schule und von den Eltern. TK-Chef Jens Baas widerspricht dabei einem pauschalen Social-Media-Verbot als zu kurz gegriffenem Ansatz, wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche vor Risiken zu schützen. Stattdessen sollten Schulen und Familien stärker in Medienkompetenz investieren; außerdem müssten Plattformen jugendgerechte Varianten anbieten, etwa ohne Werbung und ohne suchtfördernde Algorithmen. Für den Markt bedeutet das: Unternehmen, die Reichweiten- und Empfehlungslogik unverändert lassen, riskieren, dass sich gesellschaftlicher Druck weiter in Richtung Produkt- und Schutzmechanismen verlagert – nicht nur in Richtung Verbote.
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