JERUSALEM / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie untersucht, warum religiösere Menschen in Befragungen oft bessere psychische Gesundheit berichten. Die Forschenden zeigen: Wenn Sinn im Leben und die Social-Media-Gewohnheiten berücksichtigt werden, verschwindet der direkte Zusammenhang zwischen Religion und allgemeinen psychischen Beschwerden. Für problematischen Substanzkonsum bleibt der Schutz dagegen bestehen. Auffällig ist außerdem ein differenziertes Bild bei Verhaltenssüchten, die nach der statistischen Anpassung eher häufiger auftreten.

Religiös sein ist in vielen Datenreihen mit besseren psychischen Ergebnissen verknüpft. In der aktuellen Veröffentlichung im International Journal of Mental Health and Addiction rückt jedoch eine andere Erklärung in den Vordergrund: Nicht die Religion selbst wirkt offenbar als „direkter“ Schutzfaktor, sondern der Weg dorthin über Sinn im Leben und digitale Routinen. Für die Praxis in Psychologie, Suchthilfe und Beratungsstellen ist das mehr als akademische Feinarbeit, denn es verschiebt den Fokus von der Zugehörigkeit zu konkreten, veränderbaren Mechanismen.
Die Studie analysiert eine Stichprobe von 2.907 jüdischen Erwachsenen in Israel. Die Teilnehmenden füllten im Februar 2025 einen Online-Fragebogen aus. Israelische Lebenswelten bieten hier ein natürliches Setting, weil sich die Befragten grob in vier Gruppen einordnen: säkular, traditionell, religiös und ultra-orthodox. Für die Auswertung bündelten die Forschenden säkular und traditionell in einer Kategorie und religiös und ultra-orthodox in einer zweiten, um den Zusammenhang zwischen religiöser Einbindung und psychischer Gesundheit klarer prüfen zu können.
Gemessen wurden dabei mehrere Ebenen gleichzeitig: das Erleben von Sinn im Leben, die tägliche Zeit in sozialen Medien sowie die Exposition gegenüber potenziell schädlichen Inhalten wie Hassrede und unzensierte Kriegsmedien. Ergänzend erfassten die Forschenden problematischen Substanzgebrauch (darunter nicht-medizinische Nutzung von Tabak, Alkohol, Cannabis und verschreibungspflichtigen Medikamenten), Verhaltenssüchte wie problematisches Glücksspiel, Gaming, zwanghaftes sexuelles Verhalten sowie Pornografiekonsum. Auf Symptommseite gingen sie auf Indikatoren für posttraumatische Belastungsstörung, allgemeine Angst und Depression. Um nicht jedes Problem isoliert zu betrachten, gruppierten sie statistisch gemeinsame Vulnerabilitäten über drei Bereiche hinweg: Substanzkonsum, Verhaltenssüchte und allgemeine psychische Symptome.
In einem ersten Schritt zeigten die Daten tatsächlich einen breiten protektiven Effekt der religiösen Zugehörigkeit. Im Vergleich zu den säkularen und traditionellen Teilnehmenden berichteten religiöse und ultra-orthodoxe Befragte weniger problematischen Substanzgebrauch, weniger Verhaltenssüchte und auch weniger allgemeine psychische Beschwerden. Zugleich lag bei ihnen der berichtete Sinn im Leben höher, die Social-Media-Zeit war geringer und die Exposition gegenüber schädlichen Online-Inhalten fiel niedriger aus. Diese Muster passen in das Bild, das man häufig aus früheren Übersichten kennt: Religion ist oft mit weniger depressiven und angstbezogenen Belastungen sowie niedrigerem Risiko für Substanzprobleme assoziiert – vermutlich über Regeln, Gemeinschaftsnormen und tägliche Praktiken.
Entscheidend ist dann der zweite Schritt: Als die Analysen Sinn im Leben und digitale Gewohnheiten berücksichtigten, „kippte“ die Beziehung für den Bereich allgemeiner psychischer Gesundheit. Der schützende Zusammenhang zwischen religiöser Einbindung und allgemeinen psychischen Symptomen verschwand vollständig, sobald Sinn und digitale Routinen im Modell steckten. Für Verhaltenssüchte zeigte sich sogar ein gegenläufiges Bild: Sobald Sinn im Leben und Internetnutzung eingerechnet wurden, berichteten religiöse Teilnehmende häufiger von Verhaltenssüchten als ihre säkularen und traditionellen Vergleichsgruppen. Die Forschenden begründen das u. a. damit, dass viele Verhaltenssüchte stärker privat stattfinden und dadurch innerhalb religiöser Gemeinschaften weniger sichtbar sind – und weniger soziale Sanktionen auslösen als Substanzkonsum.
Gleichzeitig blieb der protective Effekt der Religion gegenüber problematischem Substanzgebrauch auch nach der Anpassung für Sinn und Social-Media-Nutzung bestehen. Daraus leiten die Autorinnen und Autoren ab, dass religiöse Gemeinschaftsnormen und soziale Strukturen zusätzlich zu den psychologischen und digitalen Pfaden eine unabhängige Schutzkomponente gegen Substanzprobleme darstellen könnten. Dass die Daten während eines laufenden Krieges erhoben wurden, erhöht zudem die Komplexität: Die kollektive Traumabelastung kann Effekte durch digitale Exposition und psychische Belastung verstärken. Entsprechend betonen die Autorinnen und Autoren, dass die Muster in einer Phase größerer Stabilität anders ausfallen könnten.
Für die Einordnung ist auch die Studienlogik wichtig. Es handelt sich um eine Querschnittsuntersuchung, daher lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob Religiosität Ursache für bessere psychische Gesundheit ist oder ob umgekehrt Menschen mit besseren psychischen Ressourcen eher religiöse Praktiken wählen. Der Beitrag liegt vielmehr in der Präzisierung der „durchlaufenen“ Wege: Die Schutzwirkung scheint über bestimmte, identifizierbare Pfade zu laufen, statt als allgemeiner Direkt-Effekt zu funktionieren. Außerdem weisen die Forschenden darauf hin, dass die Social-Media-Messung vor allem Nutzungsfrequenzen erfasst; künftige Längsschnittstudien sollen genauer betrachten, wie Menschen aktiv oder passiv mit Plattformen interagieren und wie sich diese Dynamik zeitlich auf Vulnerabilitäten auswirkt.
Der praktische Nutzen liegt damit in einer Brücke zwischen Sozial- und Digitalfaktoren: Wenn Sinn im Leben als zentraler Puffer wirkt, dann ist dieser Ansatz auch außerhalb religiöser Kontexte anschlussfähig, etwa über Interventionen zur Ziel- und Werteorientierung, Lebenssinnförderung oder strukturierte Coping-Strategien. Ebenso deutet der Befund darauf hin, dass digitale Gewohnheiten nicht nur Begleitrauschen sind, sondern einen messbaren Anteil an Belastungsunterschieden erklären können. Für Beratungsstellen und Kliniken heißt das: Statt nur nach Zugehörigkeit zu fragen, lohnt sich die differenzierte Risikoanalyse entlang von Sinn, Exposition und Substanz- bzw. Verhaltensdimension – gerade in Phasen erhöhter Online-Trigger durch konfliktspezifische Inhalte.
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