LONDON (IT BOLTWISE) – US-Finanzmarkte schauen vor dem Börsenherbst besonders auf die Rede von Fed-Kandidat Warsh und seine Bereitschaft zu klarer Zinskommunikation. In den Märkten steht vor allem die Frage im Raum, wie eindeutig Warsh sich zu einer möglichen Zinsanhebung im September äußert. Zusätzlich diskutieren Analysten, ob die Fed bei der Messgröße für Inflation stärker auf den PCE-Deflator verzichtet und stattdessen andere Indikatoren wie „Trimmed Mean“ heranzieht. Für den DAX bleibt derweil trotz steigender Renditen vorläufig der Rückenwind aus dem Gewinnwachstum erhalten.

Die Renditekurve an den Anleihemärkten hat die Anleger zuletzt zunehmend beunruhigt: Die Inflation liegt weiterhin deutlich über dem Ziel von 2,0 Prozent, und die Marktzinsen sind auf Mehrdekadenhochs gestiegen. Genau in so einem Umfeld wirken einzelne Auftritte der US-Notenbank besonders nach, weil schon kleine Nuancen in der Erwartungssteuerung die Preisbildung von Zinsrisiko beeinflussen können. Berichtete Marktanalysen machen deshalb die Rede von Warsh zum potenziell wichtigsten Markttest vor dem Börsenherbst. Der zentrale Punkt ist dabei nicht nur der künftige Zinsweg, sondern wie berechenbar und konsistent die Fed-Kommunikation ausfallen soll.
Warsh muss in dieser Logik erklären, wie unabhängig, aber auch wie entschlossen die US-Notenbank handeln will, wenn sich hartnäckige Inflation und hohe Staatsverschuldung überlagern. Besonders groß ist die Spannung, weil Warsh laut Robert Greil, Chefstratege bei Merck Finck, bisher deutlich weniger Forward Guidance eingesetzt habe als frühere Amtsinhaber. Für den Markt bedeutet das: Wer weniger im Voraus „voransagt“, liefert womöglich später „überrascht“ mehr Hinweise über die Datengrundlage. Genau darin sehen Greil zufolge viele Risiken, weil in der aktuellen Lage Unschärfe zum Problem werden kann.
Für die Märkte dürfte Warsh vor allem zu zwei Fragen Stellung nehmen müssen. Erstens beobachten Marktteilnehmer laut einer Einschätzung der Commerzbank, ob Warsh eine mögliche Zinsanhebung im September klar adressiert. Zweitens rückt die Wahrscheinlichkeit in den Blick, ob die Fed ihre Referenzgröße für das Inflationsziel verändert oder erweitert. Analyst Volkmar Baur geht dabei davon aus, dass Warsh bei der ersten Frage keine großen Überraschungen liefern wird: Warsh habe in den vergangenen Wochen deutlich gemacht, dass er nichts von Forward Guidance halte. Deshalb, so Baur, erscheine es unwahrscheinlich, dass er nun die Kommunikation „aufweicht“, um schon vorab konkrete Signale für den September zu geben.
Spannender wirkt in dieser Bewertung der zweite Punkt. Obwohl Warsh laut Baur wiederholt betont habe, dass das 2-Prozent-Ziel der Fed nicht verhandelbar sei, habe er nicht ausdrücklich vom PCE-Deflator gesprochen. Daraus leiten Marktbeobachter die Möglichkeit ab, dass die Fed zumindest in Erwägung ziehen könnte, einen anderen Inflationsmaßstab anzusetzen. In den letzten Wochen wurde dabei unter anderem die „Trimmed Mean Inflation“ der Dallas Fed genannt, die den Angaben zufolge derzeit günstiger ausfällt als der PCE Deflator. Ein solcher Hinweis würde Zinsanhebungserwartungen vermutlich dämpfen; Baur beschreibt das als Szenario, das der Markt eher als „taubenhaft“ einordnen würde, weil es die Zinserhöhungserwartungen weniger wahrscheinlich erscheinen ließe.
Unabhängig von der konkreten Inflationsmessgröße bleibt das Zinsumfeld angespannt. Seit Ausbruch des Irankriegs hätten wegen stark gestiegener Energiepreise weltweit sowohl die Inflation als auch die Zinsen an Fahrt gewonnen, heißt es in der Berichterstattung. In der kommenden Woche dürften deshalb auch die August-Preisdaten für die Eurozone eine Rolle spielen; für die Teuerung werden Angaben zufolge Werte von deutlich über 3 Prozent erwartet. Die direkten Energieeffekte sollen zwar nachlassen, zugleich rücken jedoch indirekte Belastungen in den Vordergrund, etwa über Lebensmittel und die Kernrate. Entsprechend sei für die September-Sitzung der EZB eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte eingepreist; die Mehrzahl der Analysten erwartet danach jedoch eine Pause.
Anders gelagert ist das Bild in den USA: Für den Zeitraum bis Oktober sehen die Fed Funds Futures eine deutlich erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Leitzinsanhebung, während Greil betont, dass man vor den US-Zwischenwahlen („Midterms“) nicht mit einem Zinsschritt der Fed rechne. In seiner Argumentation spielt dabei auch das politische Signal eine Rolle: Ein früher Schritt würde der ohnehin unter Druck stehenden US-Regierung und den Interessen der Trump-Administration klar zuwiderlaufen. Für zusätzliche Marktspannung sorgt zudem, dass in der Woche vor der September-Entscheidung die US-Arbeitsmarktdaten veröffentlicht werden sollen und es sich dabei laut Bericht um die letzte größere „Lesung“ handelt, bevor die Fed in die nächste Phase ihrer Entscheidung geht. Damit wird die Warsh-Rede nicht nur zur Zinsrede, sondern zum Präjudiz für die Gewichtung harter Daten gegenüber Kommunikationssignalen.
Trotz dieser Zins- und Inflationskulisse kratzt der DAX laut den vorliegenden Einschätzungen weiterhin am Rekordhoch. Als Haupttreiber werden die stark steigenden Unternehmensgewinne genannt; die DZ Bank stellt dazu heraus, dass langfristig die Gewinnentwicklung einer der wichtigsten Treiber am Aktienmarkt ist. Diese Fundamentalfaktoren überwiegen bislang offenbar den Effekt der hohen Renditen an den Anleihemärkten. Positiv für den deutschen Aktienmarkt sei zudem, dass die konjunkturelle Wende angeblich gelungen sei: Die Commerzbank verweist dabei auf eine stärkere Nachfrage aus dem Ausland in den letzten drei Quartalen, während staatliche Investitionen trotz Sondervermögen noch nicht nachhaltig gestiegen seien.
Das Risiko durch die hohen Renditen bleibt allerdings real. Die DZ Bank warnt, dass bei Kapitalkosten von viereinhalb bis fünf Prozent nicht jedes Geschäftsmodell tragfähig sei. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was das hohe Zinsniveau eigentlich treibt: Geht es primär um die Erwartung zukünftiger Wachstumsraten, die dann sogar positiv wären? Oder spiegeln die Marktzinsen vor allem Sorgen über eine Überschuldung vieler Länder wider, bis hin zu einem Punkt, an dem Anleger in Panik verfallen und Finanzmarktverwerfungen auslösen? Selbst wenn Letzteres stimmt, folgt daraus ein weiteres Problem: Mit jeder Rettungsaktion müssten die Zentralbanken tendenziell mehr Liquidität bereitstellen. Genau deshalb ist die Warsh-Rede so relevant – sie kann in kurzer Zeit beeinflussen, ob der Markt das Zinsniveau eher als „gerechtfertigt“ durch Wachstum einpreist oder als Risikoaufschlag, der sich bei Stress weiter ausweitet.
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