AMMAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die USA haben neue Wirtschaftssanktionen angekündigt, um Irans Einfluss auf die Straße von Hormus zu schwächen. Gleichzeitig setzt Washington darauf, dass Öl- und Gasproduzenten in der Region Pipelines bauen, die den zentralen Seeweg in den nächsten Jahren teilweise ersetzen. Energieanalysten warnen jedoch, dass sich die Engstelle nicht einfach „umschiffen“ lässt. Die Folge könnten über längere Zeit höhere Preise für Verbraucher bleiben.

Die Debatte um die Straße von Hormus dreht sich aktuell weniger um die Frage, ob Pipelines grundsätzlich helfen können, sondern darum, wie schnell und wie dauerhaft alternative Transportwege tatsächlich die bestehende Infrastruktur ersetzen. Während die USA neue Sanktionen mit dem Ziel belegen wollen, den Spielraum Irans entlang der wichtigsten Schifffahrtsroute zu verringern, steht eine technische und logistische Hürde im Mittelpunkt: Wie viel Exportkapazität kann kurzfristig über Land verlagert werden, wenn gleichzeitig ein Konfliktumfeld die Sicherheit ganzer Korridore beeinträchtigt? Genau an dieser Stelle widersprechen Energieexperten der politischen Erwartung, die Engstelle werde in absehbarer Zeit „irrelevant“.
Finanzminister Scott Bessent formulierte die Richtung der Strategie laut einem Bericht Anfang des Monats sehr deutlich: „What we are going to see over the next two years – the strait is going to become irrelevant“, und er ergänzte, dass 50% bis 70% der Energiegüter, die normalerweise über die Straße von Hormus laufen, über unterirdische Pipelines befördert würden. In der Praxis treffen solche Prozentannahmen jedoch auf den Umstand, dass Pipeline-Ausbau nicht nur Planung und Bau umfasst, sondern auch Netzanschlüsse, Terminal-Logistik, Genehmigungsprozesse und betriebliche Umstellungszeiten. Die Internationale Energieagentur führt außerdem aus, dass mehrere größere Pipeline-Projekte, etwa ein Ausbau in Saudi-Arabien, voraussichtlich Jahre brauchen werden. Die Prognose läuft damit auf eine Zeitdifferenz hinaus: Selbst wenn Umwege entstehen, bleibt die Straße von Hormus kurzfristig ein kritischer Knotenpunkt.
Die gegenläufige Argumentation stützt sich unter anderem auf konkrete Zahlen zur verbleibenden Durchflussmenge. Die IEA verweist darauf, dass die starke Reduktion der Schifffahrt seit den Angriffen im Februar zu den größten Energieversorgungsstörungen auf Rekordniveau zählt. Rebecca Schulz, Senior Oil Market Analyst bei der IEA, betonte, dass selbst nach Abschluss großer Projekte die Menge an Öl, die für die Rückkehr der gesamten Gulf-Exporte auf das Vorkriegsniveau nötig wäre, „10 million barrels per day“ übersteigen könnte – also etwa die Hälfte des Werts vor dem Beginn der Krise. Parallel dazu ordnen Experten die Aussage zur „Irrelevanz“ als zu stark: Robert McNally sagte, die Straße von Hormus sei „the most relevant chokepoint on the planet“, und selbst wenn regionale Produzenten Pipelines und Umleitungen bauen, werde daraus nicht automatisch eine Situation, in der Hormus keine Rolle mehr spielt. Er erinnert zudem daran, dass Iran bereits mehrfach gezeigt habe, dass es auch umgeleitete Routen und erweiterte Terminals angreifen kann.
Aus technischer Sicht erklärt sich diese Persistenz dadurch, dass ein großer Teil der Erdöl- und Flüssigerdgas-Infrastruktur im Golfraum historisch auf die Straße von Hormus als Exportroute ausgelegt wurde. Pipelines können dabei einzelne Transportsegmente abfedern, aber sie sind keine Zauberlösung, wenn Terminals, Verteilnetze und alternative Seewege ebenfalls unter Druck geraten. Das zeigt sich nicht zuletzt an weiteren Engpässen wie Bab el-Mandeb, dem südlichen Zugang zum Roten Meer. Dort wird die Region zusätzlich durch Angriffe auf Schiffe belastet, was die Aussage stützt, dass regionale Vereinbarungen und ein gewisses Maß an Stabilität weiterhin entscheidend bleiben. Die IEA hebt außerdem hervor, dass die Bemühungen um Gespräche zwischen den USA und Iran für eine Vereinbarung gescheitert sind, wodurch der Status quo in Bezug auf die Routenverfügbarkeit vorerst bestehen bleibt.
Auch die Pipeline-Alternative bleibt begrenzt, wenn man sie gegen die Größenordnung der bisherigen Transporte misst. David Goldwyn, ehemaliger Sonderbeauftragter des US-Außenministeriums, beschreibt neue Leitungsprojekte, die über die kommenden Jahre operativ werden sollen, als nur teilweise Lösung: „expected to amount to only about 10 million or 12 million barrels a day“, also deutlich unter den rund 20 Millionen Barrel pro Tag, die laut Bericht vor dem Krieg über die Straße von Hormus gingen. Damit steht der Ausbau zwar auf der Habenseite, aber er verändert eher das Risikoprofil als den Systemkern. Besonders deutlich wird diese Asymmetrie bei LNG: Goldwyn führt aus, dass es „no bypass pipeline for LNG“ gebe. Erdgas lässt sich zwar verflüssigen und per Schiff transportieren, aber eben nicht in dem Maß wie Öl „umleiten“, wenn die maritimen Korridore instabil bleiben. In der Folge könnten Produzenten wirtschaftlich gezwungen sein, höhere Preise zu akzeptieren oder mit Sanktionen und Marktverwerfungen zu leben – was wiederum Preise für Gas und damit indirekt auch für nachgelagerte Märkte beeinflussen kann.
Für Verbraucher und Industrie wird der Konflikt über die Transportkosten und die daraus entstehende Volatilität spürbar. Der Bericht verbindet die Versorgungsstörung mit Phasen, in denen globale Ölpreise zeitweise über 100 US-Dollar je Barrel stiegen, was sich an den Tankstellen in höheren Preisen bemerkbar macht. Goldwyn rechnet dabei mit erhöhter Preisbandbreite über einen längeren Zeitraum und verweist nicht nur auf Treibstoff, sondern auch auf mittelbare Effekte: höhere Kosten für Reisen, außerdem Preisdruck bei Lebensmitteln, weil wichtige Inputs wie Dünger nicht zuverlässig aus dem Golfraum kommen. Die IEA betont zudem, dass die Krise nicht nur Energie betrifft, sondern auch Lieferketten für andere Industrien wie Aluminium sowie Güter, die für Gesundheits- und Mikroprozessor-Märkte relevant sind. McNally hält dagegen fest, dass Pipeline-Projekte selbst bei schneller Fertigstellung nicht „Total Invulnerability“ erzeugen: Sie könnten selbst zum Ziel von Angriffen werden, wodurch weder Haushalte noch Unternehmen vollständig abgeschirmt wären.
Selbst der Umstieg auf erneuerbare Energien wird in dieser Lage eher als Ergänzung denn als unmittelbare Entlastung eingeordnet. Goldwyn erwartet zwar eine stärkere Investitionsneigung in Solar- und Windenergie aus Gründen der Energiesicherheit, betont aber gleichzeitig, dass Substitution im Verkehrs- und Schwerlastbereich deutlich schwieriger ist. Für diese Anwendungen fehle in absehbarer Zeit ein gleichwertiger Ersatz für Gas und Diesel; der Transformationspfad verlängert also die Phase, in der fossile Preisrisiken mitgeschleppt werden. Daneben tritt eine weitere technische Dimension hinzu: Wer Schiffsbewegungen misst, braucht belastbare Daten. Der Bericht beschreibt, dass sich die Verifikation von Transitzahlen schwierig gestaltet, weil manche Schiffe ihre automatischen Identifikationssysteme (AIS) abschalten, um Angriffe zu erschweren oder Herkunft und Routen zu verschleiern. McNally ergänzt, dass auch hochwertige kommerzielle Satellitenbilder für die Transitbeobachtung weniger breit verfügbar seien, weil einzelne Anbieter Bilder in Konfliktzonen auf Anfrage einschränkten. Für Marktteilnehmer heißt das: Schon die Datengrundlage, auf der Prognosen zu Risiko und Verfügbarkeit beruhen, wird durch den Konflikt selbst mitverändert.
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