OSTWESTFALEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Miele-Chef Markus Miele kritisiert die Standortbedingungen in Deutschland und fordert beim Umsetzungstempo spürbare Fortschritte. Besonders bremsten ihn Bürokratieabbau, Steuerfragen, Infrastruktur, Bildung und der Arbeitsmarkt. Er verweist auf sinkende Arbeitsproduktivität pro Stunde und auf Sozialabgaben in Richtung 50 Prozent. Als Perspektive nennt er ein mögliches weiteres Werk in den USA, obwohl Miele dort bereits seit Jahren Backöfen produziert.

Miele-Chef fordert Tempo: Bürokratie, Infrastruktur und Kosten unter Druck
Miele-Chef fordert Tempo: Bürokratie, Infrastruktur und Kosten unter Druck (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Hinweis von Markus Miele wirkt zunächst wie eine klassische Standortdebatte, trifft aber wirtschaftlich genau die Stellen, an denen Industrieunternehmen heute unter Druck geraten: Geschwindigkeit, Planungssicherheit und die Frage, ob Leistung am Ende auch zu bezahlbaren Kosten geführt wird. In einem Statement gegenüber einer deutschen Wirtschaftswoche adressiert der geschäftsführende Gesellschafter vor allem die fehlende Konsequenz bei politischen Vorhaben. „Ideen und Pläne gibt es“, heißt es sinngemäß, aber es brauche eine Umsetzung, die spürbar bei Bürokratie, Steuern und Infrastruktur ansetzt. Genau diese Kette ist für Hersteller von Haushaltsgeräten entscheidend, weil Produktion nicht nur Maschinen, sondern auch Genehmigungen, Lieferwege, Personal und permanente Anpassungen an Marktbedingungen synchronisieren muss.

Technisch betrachtet beginnt die Wirkung solcher Rahmenbedingungen selten im Werk, sondern bei der Vorarbeit: bei Zuliefer- und Logistikprozessen, bei der Planung neuer Anlagen sowie bei Umbauten in bestehenden Produktionslinien. Miele nennt konkret mehrere Hebel, die zusammen die „Realwirtschaft“ beeinflussen, darunter Bürokratieabbau und Bildung. Dazu kommt ein Punkt, der in der Branche oft als Kennzahl missverstanden wird: die Arbeitsproduktivität pro Stunde. Miele argumentiert, dass sich Deutschland hier seit Jahren „nach hinten“ bewege. Wenn ein Unternehmen seine Kostenkalkulation nicht allein über Material oder Energie verbessern kann, rückt die Frage nach Prozessstabilität, Qualifizierung und der Verlässlichkeit von Investitionsentscheidungen stärker in den Vordergrund. Dass parallel Sozialabgaben in Richtung 50 Prozent steigen, verstärkt nach seiner Darstellung das Spannungsfeld aus Ausgaben und Ertrag.

Für Miele kommt hinzu, dass die internationale Aufstellung bereits heute nicht homogen ist. Laut Unternehmensangaben lag der Umsatz im Jahr 2025 bei rund 5,2 Milliarden Euro, bei 23.000 Mitarbeitern und Produktion an weltweit 19 Standorten. Diese Geografie ist für Haushaltsgerätehersteller ein strategisches Mittel, um regionale Nachfrage besser zu bedienen und Transportkosten sowie Lieferzeiten zu reduzieren. Besonders deutlich wird das an den USA: Das Land zählt als zweitgrößter Markt nach Deutschland, zugleich werden dort weiterhin Geräte aus Europa geliefert. Seit zwei Jahren produziert Miele Backöfen im US-Markt bereits vor Ort, während Waschmaschinen und Geschirrspüler bislang aus Europa kommen. Der Schritt zu einem eigenen Werk ist deshalb keine reine „Standortromantik“, sondern eine Frage, ab wann sich Fertigungstiefe, Logistikaufwand und lokale Skalierung gegenüber dem Export wirklich wirtschaftlich rechnen.

Auch die Erwähnung der Zölle zeigt, wie stark Außenhandelsbedingungen die Preis- und Nachfrageelasticität beeinflussen können. Miele sagt, man liege „trotz der Zölle“ gut unterwegs und gebe den Aufschlag wie andere Hersteller zum größten Teil an die Kunden weiter. Das ist betriebswirtschaftlich plausibel, verschiebt aber das Risiko: Wenn Kundenpreise und Marktpreise nur begrenzt synchron nach oben angepasst werden können, entsteht eine Unterdeckung, die Unternehmen entweder über geringere Margen oder über Prozessoptimierung ausgleichen müssen. Gleichzeitig bleibt der Blick nach vorne vorsichtig, denn der CEO formuliert seine Einschätzung als mögliche Folgeentwicklung („sonst sogar noch stärker gewachsen“), also als Szenario. Für den operativen Alltag heißt das: Selbst wenn die Nachfrage kurzfristig stabil bleibt, entscheidet die mittelfristige Industriekapazität darüber, ob ein Hersteller bei Preisdruck und Wechselkurs- oder Handelsrisiken resilient bleibt.

Für die Personal- und Produktionsplanung spielt außerdem die Frage eine Rolle, wie lange Umstrukturierungen bereits laufen. Miele plant kein neues Sparprogramm, nennt aber eine laufende Maßnahme aus dem Jahr 2024: Damals wurde die Verlagerung einer Waschmaschinenproduktion von Gütersloh nach Polen angekündigt, verbunden mit dem Abbau von 1.400 Arbeitsplätzen. Der Prozess dauere bis Ende 2027, heißt es. In diesem Kontext bleibt das Unternehmensziel klar auf strategische Stabilität ausgerichtet: Wettbewerbsfähigkeit und Unabhängigkeit als Familienunternehmen erhalten. Damit wird deutlich, dass „Sparen“ hier nicht als generelle Unternehmenshaltung verstanden wird, sondern als steuernde Maßnahme in einem konkreten Produktionsverbund. Gleichzeitig steht im Raum, dass Unternehmen in einem länger anhaltenden Branchenumfeld nicht nur Kosten reduzieren, sondern vor allem Kapazitäten so steuern müssen, dass Auslastung und Qualität zusammenpassen.

In der Summe beschreibt die aktuelle Position von Miele weniger einen einzelnen politischen Streitpunkt als ein Gesamtmodell aus Rahmenbedingungen und operativer Wirkung. Wenn Produktivität pro Stunde nicht steigt, wenn Investitionen durch lange Genehmigungs- und Abstimmungsprozesse ausgebremst werden und wenn das Lohnnebenkosten-Niveau die Kalkulation belastet, verschiebt sich die Standortentscheidung oft auf mehrere Ebenen: Produktionsstufen, Lieferketten und regionale Fertigungstiefe. Genau dort setzt die US-Perspektive an, denn dort ist die Grundlage bereits vorhanden, während ein weiteres Werk die nächste Stufe wäre. Für andere Industrieunternehmen in der Region liest sich das als Signal: Der Wettbewerb findet nicht nur in Vertriebskanälen statt, sondern auch in der Fähigkeit, Prozesse schnell genug an neue Kosten- und Handelsbedingungen anzupassen.


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