GÜTERSLOH / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Befragung der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass 40 Prozent junger Menschen in Deutschland Interesse an einer Firmengründung haben. In die Tat umgesetzt haben den Schritt aber nur 3 Prozent der 14- bis 25-Jährigen. Als Hauptbremsen nennen viele ein sicheres Angestelltenverhältnis, fehlendes Wissen und die Angst vor Stress. Gleichzeitig deuten Zahlen aus dem Global Entrepreneurship Monitor 2025/2026 auf einen deutlichen Anstieg junger Gründer hin.

Die Kluft zwischen Interesse und Umsetzung ist bei Gründungen selten so deutlich wie in den neuen Zahlen aus Deutschland: Laut einer Befragung der Bertelsmann Stiftung haben 40 Prozent der jungen Menschen hierzulande grundsätzlich Interesse daran, eine Firma zu gründen. Realisiert wurde dieser Schritt jedoch nur von 3 Prozent der 14- bis 25-Jährigen, die im April 2026 repräsentativ befragt wurden. Dass parallel fast jeder Zehnte eine feste Absicht äußert, sich bis zum 30. Geburtstag selbstständig zu machen, zeigt: Es geht nicht an Motivation mangelt es weniger an der Idee als an der Umsetzung.
Für viele Verantwortliche in Wirtschaft, Bildung und Gründer-Ökosystem stellt sich damit weniger die Frage „Wie viele Ideen gibt es?“ als „Warum werden Ideen nicht zu Startups?“ Die Stiftung nennt dafür mehrere Hemmnisse, die sich wie ein praktischer Barrierenkatalog lesen lassen. 61 Prozent derjenigen, die den Schritt nicht wagen, bevorzugen ein sicheres Angestelltenverhältnis. 48 Prozent verweisen auf fehlendes Wissen, während 39 Prozent die Selbstständigkeit mit Stress verbinden. Dahinter steckt häufig eine nüchterne Rechnung: Wer noch keine klaren Prozesse für Kundengewinnung, Vertrieb, Buchhaltung oder Produktentwicklung gesehen hat, erlebt die frühen Monate als Risiko statt als lernbaren Aufbaupfad.
Auch die „weichen“ Faktoren sind nach den Angaben der Befragten konkret genug, um daraus Handlungsbedarf abzuleiten: Etwas mehr als jedem Zehnten fehlt ein geeigneter Geschäftspartner, und 9 Prozent geben fehlendes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten an. Ebenso viele nennen fehlendes Startkapital als Hinderungsgrund. Diese Mischung aus Sicherheitssuche, Kompetenzlücken und Ressourcenknappheit ist für digitale und technologieorientierte Gründungen besonders relevant, weil sie im Gegensatz zu klassischen Geschäftsmodellen nicht automatisch „nebenbei“ funktionieren: Selbst wenn die Produktidee steht, müssen Teams Zahlungsströme, rechtliche Grundlagen, Infrastruktur und in der Folge oft auch iteratives Testing organisieren. Gerade deshalb wirkt ein Angestelltenverhältnis für viele zunächst wie der planbarere Lern- und Einkommensanker.
Spannend ist zugleich der zweite Blick auf die Dynamik: Zahlen aus dem Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2025/2026, die die Bertelsmann Stiftung zitiert, zeigen, dass sich der Anteil junger Gründer im Alter von 18 bis 24 Jahren in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt hat. Lag der Wert in dieser Altersgruppe 2024 noch bei 13 Prozent, kletterte er 2025 auf über 23 Prozent. Das ist ein Signal, dass sich Rahmenbedingungen oder Gründerkultur messbar bewegen, auch wenn die Befragung im April 2026 bei den 14- bis 25-Jährigen weiterhin eine große Umsetzungslücke sichtbar macht. Damit wird klar: Interesse kann schnell wachsen, aber Umsetzungsfähigkeit benötigt offenbar mehr Zeit, Begleitung und strukturierte Übergänge.
Technisch und organisatorisch lässt sich die Kluft häufig dort erklären, wo junge Gründer typischerweise den größten „Reibungsverlust“ erleben: bei der Operationalisierung. Eine Gründung ist nicht nur ein formaler Schritt, sondern die Einrichtung von wiederholbaren Abläufen. Dazu gehören eine belastbare Kosten- und Erlösrechnung, ein Plan für Vertrieb und Marketing, der Aufbau von Kernprozessen für Betrieb und Support sowie die Fähigkeit, aus Daten (z. B. aus Nutzungs- oder Verkaufszahlen) Entscheidungen abzuleiten. Wo dafür Wissen fehlt, entsteht Unsicherheit – und diese Unsicherheit wird, wie die Umfrage nahelegt, schnell zum Stressfaktor. Digital unterstützte Tools können hier helfen, aber sie ersetzen nicht das fehlende Grundverständnis: Viele Startups scheitern in der Anfangsphase nicht an Technik, sondern an zu langsamem Lernen und an fehlenden Routinen.
Für die Wirtschaftspolitik und das Gründer-Ökosystem ergibt sich daraus ein klares Zielbild: Barrieren abbauen, ohne den entscheidenden Lernprozess zu verkürzen. Die Stiftung fordert explizit, Hürden für eine Firmengründung zu beseitigen. Welche Form das annehmen kann, lässt sich aus den genannten Gründen ableiten: Wenn das sichere Angestelltenverhältnis so stark gewichtet wird, braucht es Übergangsmodelle, die Einkommen und Risiko in der frühen Phase besser absichern. Wenn fehlendes Wissen zentral ist, helfen modular aufgebaute Beratungen und praxisnahe Trainings, die auch Buchhaltung, rechtliche Basis und Marktvalidierung abdecken. Und wenn Stress eine Bremse ist, wirken Mentoring-Formate mit klaren Meilensteinen oft stärker als rein motivierende Kampagnen. Damit können auch Partner-Suche und Selbstzweifel besser adressiert werden, etwa durch Matchings, Pitch-Formate mit Feedbackschleifen und Team-Coaching.
Daneben lohnt der Blick auf den Monitor selbst: Der GEM wird vom RKW Kompetenzzentrum in Eschborn veröffentlicht und vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert. Solche Kennzahlen sind für die Einordnung wichtig, weil sie nicht nur „Absicht“ messen, sondern in den Daten über die Zeit auch Veränderungen im Gründungsgeschehen abbilden. Die Gegenüberstellung aus 40 Prozent Interesse und 3 Prozent Umsetzung wirkt damit wie eine Momentaufnahme zweier Ebenen: Kultur und Motivation auf der einen, Umsetzungsfähigkeit auf der anderen. Für Unternehmen, die mit Startups kooperieren oder Recruiting über Gründerprofile betreiben, heißt das: Nicht jeder Interessierte startet sofort, aber ein wachsenden Anteil junger Gründer in den 18- bis 24-Jährigen spricht für einen mittelfristig breiteren Talent- und Innovationspool.
Unterm Strich zeigt die Kombination aus Befragung und GEM-Daten: Die Bereitschaft zur Selbstständigkeit ist vorhanden und nimmt in Teilen bereits messbar zu. Gleichzeitig sind die größten Bremsen sehr konkret benannt – Sicherheit statt Risiko, Wissensdefizite, Stress, fehlende Mitgründer und Kapitalmangel. Für Politik und Unterstützungsangebote kommt es deshalb weniger auf einen einzelnen „Gamechanger“ an, sondern auf ein Bündel aus verständlichen Einstiegswegen, finanzierbaren ersten Schritten und einer Begleitung, die die frühen organisatorischen Hürden reduziert. Genau dort entscheidet sich, ob aus Interesse echte Gründungen werden – und ob junge Talente ihre Ideen so in den Markt bringen, dass daraus dauerhafte Unternehmen entstehen.
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