KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Deutschland geben Verbraucher weniger Geld für Schuhe aus, und klassische Sandalen rutschen besonders stark in der Gunst ab. Laut IFH Köln und BBE Handelsberatung sinken die Ausgaben für klassische Sandalen von 621 Millionen Euro (2019) auf 548 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Während Sneaker im Sommer bequemer wirken als offene Sandalen, bleibt der Gesamtmarkt trotz moderater Preisentwicklung weiter unter Druck. Für 2026 erwartet die Branche keine schnelle Erholung, vor allem bei Kinderschuhen.

Schuhmarkt in Deutschland schwächelt: Klassische Sandalen verlieren spürbar
Schuhmarkt in Deutschland schwächelt: Klassische Sandalen verlieren spürbar (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Entwicklung wirkt wie ein Stimmungswechsel im Alltag: Verbraucher kaufen weniger Schuhe, und die Verschiebung geht nicht nur in Richtung „smart casual“, sondern auch klar weg von klassischen Sandalen. Aus einem aktuellen Branchenbericht zu Schuhen geht hervor, dass klassische Sandalen in der Nachfrage überdurchschnittlich stark verlieren. Konkret nennt das Handelsforschungsinstitut IFH Köln gemeinsam mit der BBE Handelsberatung einen Rückgang der Ausgaben für klassische Sandalen auf 548 Millionen Euro im vergangenen Jahr nach 621 Millionen Euro im Jahr 2019. Das entspricht einem Minus von knapp 12 Prozent und fällt deutlich stärker aus als der Rückgang im Schuhmarkt insgesamt mit minus 5,5 Prozent.

Damit verändert sich auch das, was viele Menschen im Kopf als „Sommer-Schuh“ abspeichern: Sneaker werden nicht nur als Alternative verstanden, sondern offenbar häufig als durchgehender Begleiter über die Saison hinaus. IFH-Marktexperte Hansjürgen Heinick stellt dabei heraus, dass der Wechsel vom formellen Schuh zur Sandale weniger zwingend sei als früher. In seiner Argumentation ist der Kern, dass ein vorhandener Sneaker-Bestand bereits den Nutzwert übernimmt – dann sinkt die Notwendigkeit, zusätzlich Sandalen zu kaufen. In den ausgewiesenen Zahlen sind Sandalen für Damen, Herren und Kinder enthalten, unabhängig davon, ob es sich um Ledersandalen oder Varianten mit „rekonstruiertem Leder“ handelt und ob die Sohle aus Kunststoff, Kautschuk oder Leder besteht. Flip-Flops und damit deutlich stärker „strandnahe“ Kunststoffsandalen werden dagegen separat erfasst.

Technisch betrachtet steckt hinter solchen Verschiebungen weniger „Reinheitsfragen“ des Materials als vielmehr ein Bündel aus Kaufverhalten und Produktlogik. IFH und BBE verweisen auf mehrere Trends, die gleichzeitig wirken: So werden in Deutschland weniger Schuhe pro Haushalt gekauft, außerdem setzen Verbraucher stärker auf bequemere Modelle. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach einem lässigen, aber alltagstauglichen Stil, der als „smart casual“ beschrieben wird. Dazu kommt der Kostendruck, der in Einkaufsentscheidungen mündet: Outfits sollen möglichst vielseitig sein und nicht an eine einzelne Saison gebunden werden. Genau dort haben Sandalen als offenes Sommer-Produkt strukturell einen Nachteil, während Sneaker als Kombi-Kandidaten funktionieren – sowohl im Sportkontext als auch im Alltag.

Der Markt insgesamt bleibt derweil in einem schwierigen Mix aus Volumenrückgang und Preisentwicklung. Für das vergangene Jahr nennt das IFH rund 9,3 Milliarden Euro Umsatz im Schuhmarkt in Deutschland, das sind etwa zwei Prozent weniger als 2024. Entscheidend ist dabei der Vergleich der Preisbewegungen: Schuhe seien im Jahresverlauf laut Statistischem Bundesamt im Juli im Durchschnitt kaum teurer gewesen als ein Jahr zuvor, teils sogar etwas günstiger. Selbst seit 2020 fällt der Preisanstieg moderat aus: Bei Kinderschuhen zuletzt 7 Prozent, bei Sportschuhen 6 Prozent und bei klassischen Herren- oder Freizeitschuhen knapp 9 Prozent. Der Blick auf Nahrungsmittel zeigt die asymmetrische Belastung im Alltag – hier lagen die Preise im selben Zeitraum durchschnittlich um 37 Prozent höher. Wenn aber andere Grundausgaben stärker steigen, verschiebt sich die Priorität beim „Ergänzungskauf“ im Mode- und Bekleidungsbereich.

Für die nächsten Monate und das kommende Jahr wird die Lage eher zäh bleiben. Heinick rechnet auch für 2026 nicht mit einer echten Erholung der Branche, wobei der Bereich Kinderschuhe besonders unter Druck steht. Der Grund liegt laut Einordnung in der demografischen Entwicklung: Die Geburtenrate sinkt weiter, und Eltern kaufen dazu weniger Paare als früher. Zudem konzentriert sich der Großteil der Käufe zwischen dem ersten und vierten Lebensjahr, was die Planbarkeit in der Saisonlogik verschärft. Dazu kommt, dass sich Präferenzen verschieben: Sönke Padberg beobachtet, dass weiße Sneaker weniger gefragt sind, während braun- oder erdfarbene Modelle häufiger nachgefragt werden. Parallel steigt die Nachfrage nach Pantoletten, die optisch Sandalen ähneln, aber nur eine breite Bandage statt mehrerer Riemen haben, meist aus Leder. In Summe skizziert der BTE-Geschäftsführer damit eine Rückkehr zu klassischen und formelleren Formen und weg von sehr sportlich geprägten Varianten.

Diese Nachfragetrends schlagen auch auf die Vertriebsstruktur durch. IFH verweist auf einen starken Rückgang der Schuhhändler in Deutschland seit dem Jahr 2000: von 7.247 auf etwa 2.420. Dabei kann ein Schuhhändler sowohl ein einzelner selbstständiger Händler sein als auch ein Unternehmen mit mehreren Filialen. Gleichzeitig gibt es weiterhin eine beachtliche Anzahl an Geschäften: Der BTE schätzt rund 8.200 Schuhgeschäfte insgesamt. Entscheidend ist aber die Frage, wo der Umsatz entsteht. Der stationäre Handel verliert an Gewicht: Knapp 38 Prozent des Schuhumsatzes wurde 2025 online gemacht, vor der Pandemie lag der Anteil bei gut 24 Prozent. Für Hersteller und Marken bedeutet das, dass Sortiment, Preislogik und Inszenierung nicht nur „im Laden“, sondern zunehmend in digitalen Such- und Vergleichssituationen funktionieren müssen.

Für Entscheider in Unternehmen steckt in der Meldung eine klare operative Konsequenz: Sortimentspolitik darf nicht mehr nur auf „Schuhkategorie nach Saison“ bauen, sondern muss sich an Nutzungslogiken und Kombinierbarkeit orientieren. Wenn Sneaker als ganzjährig einsetzbar wahrgenommen werden und Sandalen gleichzeitig als ergänzender Kauf ausfallen, verschiebt sich der Werbe- und Bestandsfokus. Zudem erhöht die schwache Preisdynamik zwar den Spielraum für Aktionen, aber sie reduziert auch die Möglichkeit, Rückgänge über Preiserhöhungen auszugleichen. Neben der Frage, wie sich klassische Segmente neu positionieren lassen, wird damit auch die KI-gestützte Nachfrageprognose relevanter: Nicht, um „Trends zu raten“, sondern um Bestände schnell an Stilverschiebungen wie Farben, Passformen und Materialmix anzupassen. Wer 2026 plant, sollte daher die Kategorie Sandale als Testfeld betrachten – mit klaren Kennzahlen zu Abverkauf, Retouren und Conversion – statt sie pauschal als Sommerautomatik zu führen.

Am Ende zeigt der Bericht vor allem eins: Die Schuhbranche steht nicht nur unter Wettbewerbsdruck, sondern unter einem strukturellen Wandel im Konsumverhalten. Weniger Käufe pro Haushalt, andere Prioritäten bei Komfort und Kombinierbarkeit sowie ein deutlich stärkerer Online-Kanal ändern die Spielregeln. Gleichzeitig liefern die Daten konkrete Anhaltspunkte, welche Segmente besonders empfindlich sind. Wenn das Muster aus dem Bericht auch im nächsten Jahr gilt, bleibt die entscheidende Frage für Händler und Marken: Wie schnell gelingt es, Produkte so zu gestalten, dass sie im Alltag nicht „ersetzbar“ wirken – oder anders gesagt, wie man aus einer Sommerkategorie wieder einen echten Alltagsnutzen macht.


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