FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Inflationsrate in Deutschland liegt im August mit 2,9 Prozent knapp unter der Drei-Prozent-Marke. Hohe Energiepreise bleiben ein zentraler Treiber, während die Kernrate bei 2,4 Prozent unverändert bleibt. Analysten sehen damit keine unmittelbare Entspannung bei den Strom- und Kraftstoffkosten, rechnen aber zugleich mit geringeren weiteren Preisschüben. In den Blick rückt vor allem die EZB-Entscheidung am 10. September und die Frage, ob zusätzliche Zinsschritte noch nötig sind.

Inflation in Deutschland sinkt knapp unter 3 Prozent – EZB-Zinsschritte im Fokus
Inflation in Deutschland sinkt knapp unter 3 Prozent – EZB-Zinsschritte im Fokus (Foto: IT BOLTWISE)
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In Deutschland bleibt der Preisdruck zwar hoch, aber er wirkt im August weniger dynamisch: Das Statistische Bundesamt meldete für die Inflationsrate eine Jahresrate von 2,9 Prozent, basierend auf vorläufigen Zahlen. Damit nähert sich die Teuerung erneut der Schwelle von drei Prozent, nachdem sie im April bereits dort angekommen war. Erwartet hatten Ökonomen im Schnitt 3,0 Prozent; im Vormonat lag die Rate bei 2,8 Prozent. Der zweite Effekt neben dem Gesamtniveau ist dabei mindestens ebenso wichtig: Die Verbraucherpreise in Europas größter Volkswirtschaft waren zuletzt im Dezember 2023 mit 3,7 Prozent deutlich stärker gestiegen, was zeigt, dass der aktuelle Rücklauf zwar vorhanden ist, aber nicht linear verläuft.

Technisch betrachtet entscheidet die Mischung aus Energie- und Nicht-Energiekomponenten darüber, wie stark sich Inflation in der Breite fortsetzt. Genau diese Unterscheidung taucht in den Einschätzungen der Bank-Ökonomen wieder auf: Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg verweist darauf, dass Kraftstoffe teurer werden, weil die Lage im Nahost-Konflikt angespannt bleibt und Raffineriekapazitäten durch weitere Störfaktoren eingeschränkt sind. Er hebt zugleich hervor, dass eine schnelle Entspannung nicht in Sicht ist; deshalb könnte die Inflation im Herbst abermals über 3 Prozent steigen. Gleichzeitig sieht er jedoch keinen Übergreifdruck in der Breite, denn die Kernrate blieb unverändert bei 2,4 Prozent und der Preisdruck im Dienstleistungssektor hat sich sogar etwas entspannt. Für Unternehmen ist das relevant, weil Kerninflation näher am Lohn- und Serviceanteil liegt als reine Energieeffekte.

Die Frage, ob aus einem energiegetriebenen Impuls auch eine länger anhaltende Preisverfestigung wird, steht daher im Zentrum der nächsten geldpolitischen Schritte. Ralph Solveen von der Commerzbank argumentiert, dass die Inflationsrate auch in den kommenden Monaten stark von der Entwicklung der Energiepreise abhängen wird, die wiederum am weiteren Verlauf des Konflikts im Mittleren Osten hängen. In seinem Basisszenario bleibt der Persische Golf zwar ohne weitere Eskalation, und Energiepreise könnten dann leicht fallen; dennoch erwartet er, dass sie wegen anhaltender Unsicherheit über dem Niveau vor dem Iran-Krieg liegen. Das würde Energiekosten der Unternehmen dauerhaft erhöhen und damit indirekte Effekte auslösen, weil Unternehmen einen Teil dieser Kosten über höhere Verkaufspreise weitergeben. Daraus leitet er ab, dass die Kernteuerungsrate im kommenden Jahr eher etwas höher sein könnte als aktuell ausgewiesen.

Auch Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, betont die Zeitdimension dieser Mechanik: Direkt preistreibende Effekte eines Ölpreisanstiegs verlieren in den nächsten Monaten an Gewicht, doch indirekte Effekte könnten stärker wirken. Sobald Unternehmen höhere Energiepreise auf ihre Produkte umlegen, werde sich das in der Kerninflation bemerkbar machen; entsprechend sieht auch die EZB diese Gefahr. Für die Politikimplikationen folgt daraus eine klare Erwartung in der Marktsprache: Gitzel rechnet damit, dass europäische Währungshüter ihren Leitzins im September vermutlich um 25 Basispunkte anheben, um solchen zweiten Rundeffekten zuvorzukommen. Die technische Logik dahinter ist relativ konsistent: Nicht der aktuelle Energiepreis zählt allein, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass Preissteigerungen in Verträge, Lohnrunden und Absatzkalkulationen „durchrutschen“.

Die EZB-Entscheidung bekommt damit am 10. September eine besondere Bedeutung, weil in den Einschätzungen sowohl Entwarnung als auch Auflagen für die nächste Runde stecken. Michael Herzum von Union Investment beschreibt die Lage so: Die Inflation bleibe mit 2,9 Prozent im August erhöht, laufe aber nicht aus dem Ruder. Ein weiterer Preisschub sei ausgeblieben, auch wenn Energiepreise leicht gestiegen sind; damit sei der Inflationsgipfel zwar erreicht, solange kein neuer Energieschock folge. Der Rückgang der Teuerung werde jedoch zäh bleiben, weil höhere Kosten in Teilen des Warenkorbs weiterhin sichtbar seien, besonders bei Nahrungsmitteln und bei Gütern mit hohen Transportkosten. Herzum sieht deshalb viel dafür, dass es sich im September um die letzte Zinserhöhung handelt, weitere Schritte seien aber schwerer zu begründen, solange keine überzeugenden Hinweise auf eine breite Verfestigung des Preisdrucks vorliegen. Für Verbraucher und Unternehmen sind das gute Nachrichten, weil sich die Kaufkraft bei sinkenden Inflationsraten allmählich verbessert und zugleich die Planbarkeit zunimmt.

Für die Markt- und Unternehmensperspektive entscheidet die kommende Datenabfolge: Wenn die Energiekomponente im nächsten Quartal nicht weiter nach oben ausschlägt, kann die Gesamtrate zwar weiter fallen, aber die Kernrate bleibt als Stabilitätsanker für viele Preis- und Lohnentscheidungen der größere Hebel. Unternehmen, die Preiskalkulationen, Margenplanung oder Beschaffungsverträge steuern, müssen deshalb nicht nur auf den Schlagzeilenwert der Inflation schauen, sondern auf die Frage, welcher Anteil davon „weitergegeben“ wird und wie schnell Liefer- und Transportkosten in die Endpreise durchschlagen. Auch wenn die EZB vermutlich im September erneut aktiv wird, dürfte die weitere Richtung in hohem Maße davon abhängen, ob sich aus den Energiepreisen spürbare Streueffekte entwickeln oder ob sich der Dienstleistungssektor weiter beruhigt. In einem Umfeld, in dem die Inflation knapp unter drei Prozent schwankt, wird jede Zehntelstufe bei Kern- und Energieindikatoren zu einem Signal dafür, ob Restriktion Bestand hat oder ob Spielraum für Entspannung entsteht.


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