LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Daten zur elektronischen Patientenakte zeigen, dass die tatsächliche Nutzung in Deutschland weit unter den Erwartungen liegt. Eine Studie der Universität Jena beziffert die ePA-Nutzung auf nur 10 Prozent, abhängig von Bildung und Einkommen. Parallel verdeutlichen Prüfungen einzelner Anwendungen wie der Paro-ComPas-App, dass selbst geförderte Tools klinisch keinen Zusatznutzen liefern. Für Pflege und ambulante Versorgung rücken damit nicht nur Funktionen, sondern vor allem Nachweise, Prozesse und Nutzerzugänge in den Fokus.

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen hat 2026 mehr politisches Tempo bekommen, aber die Nutzungszahlen bleiben deutlich hinter den Zielbildern zurück. Im Positionspapier des GKV-Spitzenverbandes, das Ende August 2026 unter dem Titel „Mehr Digitalisierung für eine zukunftsfeste Pflege“ veröffentlicht wurde, werden Telepflege, die Integration der elektronischen Patientenakte (ePA) in Pflegeprozesse sowie evidenzbasierte Nutzennachweise als zentrale Handlungsfelder genannt. Schon die Formulierung „geteilte Verantwortung“ für die Finanzierung zeigt dabei: Es geht nicht nur um Technik, sondern um die organisatorische Einbettung in Versorgungsroutinen. Genau an diesem Punkt treten in den aktuellen Daten die Reibungsverluste zutage, denn politische Zielrichtung und gelebte Anwendung klaffen spürbar auseinander.
Auch die Auswahl dessen, was in der Versorgung ankommt, wird enger gefasst. Ein konkretes Beispiel ist die Paro-ComPas-App: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) sprach im Juli 2026 keine Empfehlung für die Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) aus. Eine Multicenterstudie an sieben Universitätskliniken mit 194 Teilnehmenden fand keinen zusätzlichen Therapieeffekt durch die parodontaltherapeutische App. Neben dem fehlenden Mehrwert bei der klinischen Wirksamkeit fällt vor allem die geringe praktische Inanspruchnahme auf: Im Median wurden lediglich 5 von 59 verfügbaren Artikeln (8,5 Prozent) aufgerufen. Das Projekt war zuvor mit 891.000 Euro gefördert worden, was die politische Debatte zusätzlich verschärft: Fördergelder und Pilotbetrieb ersetzen offenbar weder robuste Evidenz noch eine Nutzung, die über einen Teststatus hinausgeht.
Für die ePA selbst wird die Kluft zwischen Rollout und Alltag besonders sichtbar. Laut der Studie der Universität Jena, die im August 2026 veröffentlicht wurde und auf 1.297 Interviews basiert, liegt die aktuelle ePA-Nutzung bei lediglich 10 Prozent. Noch geringer ist die Nutzung bei der digitalen Rentenübersicht: Dort beträgt die Quote 6 Prozent. Diese Zahlen wirken nicht wie Ausreißer, sondern wie ein Muster, das sich in der Nutzerforschung typischerweise durch soziodemografische Variablen erklärt: Die Untersuchung macht eine deutliche Abhängigkeit vom Bildungsgrad und Einkommen sichtbar. So nutzen nur 5 Prozent der Personen mit Hauptschulabschluss mindestens ein digitales Angebot, während es bei Hochschulabsolventen 14 Prozent sind. Gleichzeitig nennt die Studie einen technischen Engpass als frühen Abbruchpunkt: Rund 50 Prozent scheitern bereits im Registrierungsprozess. Damit verschiebt sich die Problemzone vom „Ob“ zur Prozesskette – vom ersten Konto bis zur dauerhaften Aktivierung im Versorgungsalltag.
Auch die ambulante Versorgung steht 2026 unter dem Eindruck, dass digitale Tools vor allem dann akzeptiert werden, wenn sie Termin- und Informationshürden realistisch reduzieren. Laut einer YouGov-Umfrage von Ende Juli 2026 mit 2.032 Befragten haben 71 Prozent Schwierigkeiten, freie Arzttermine zu finden; 58 Prozent empfinden den Prozess als zu zeitaufwendig. Diese Friktionen erklären, warum sich Erwartungen an digitale Lösungen so stark auf ein zentrales Online-Portal und einen besseren Überblick über verfügbare Termine konzentrieren: 73 Prozent würden ein zentrales Portal nutzen, 74 Prozent wünschen sich mehr Transparenz. Erste Krankenkassen reagieren offenbar auf genau diese „Customer Journey“-Stellen. So integrierte die SBK im Juli 2026 den 116117-Terminservice direkt in ihre eigene App, um den Zugang zur Versorgung zu vereinfachen. Technisch betrachtet ist das ein relativ pragmatischer Schritt, aber er adressiert einen Kernmechanismus: Weniger Sprünge zwischen Systemen, weniger Formularaufwand, klarere Zuständigkeit.
Der gleiche Blick auf Akzeptanz und Prozessqualität lässt sich auch auf die Arbeitswelt übertragen, weil dort digitale Systeme längst nicht mehr nur „Werkzeuge“ sind. In einer gemeinsamen Studie mit Beteiligung der Techniker Krankenkasse wird ein Homeoffice-Anteil von bis zu 60 Prozent als Parameter genannt, der die Produktivität um 20 Prozent steigern könne. Gleichzeitig entsteht durch flexible Arbeitsmodelle ein Spannungsfeld für die Work-Life-Balance: Mehr Autonomie kann helfen, während starre Steuerung und ständige Erreichbarkeit die Belastung erhöhen. Besonders relevant ist dabei, dass Akzeptanz nicht allein technologisch ist, sondern auch psychologisch und organisatorisch. Aus dem Umfeld der Führung wird in der Quelle auf eine Langzeitstudie der Wharton School über sechs Jahre verwiesen, die nahelegt, dass narzisstische Führungsmuster die Ablehnung von Homeoffice-Lösungen begünstigen können. Diese Aussage ordnet die Technikdebatte neu: Wer digitale Arbeitsformen einführen will, muss auch Erwartungsmanagement und Entscheidungslogik im Unternehmen mitdenken.
Im Bereich psychischer Gesundheit wird KI gleichzeitig als Chance und als Risiko diskutiert. Daten der Stiftung Deutsche Depressionshilfe werden so eingeordnet, dass 69 Prozent der Menschen mit diagnostizierter Depression bereits Chatbots für psychische Probleme genutzt haben; in akuten Phasen liegt der Wert sogar bei 76 Prozent. Wichtig ist der weitere Teil der Quelle, denn er zeigt eine mögliche rationale Basis der Nutzung: 85 Prozent der Betroffenen empfanden die Gespräche als hilfreich. Dennoch warnen Medizinerinnen wie die Chefärztin Carolin Göhre davor, KI als vollwertigen Ersatz für professionelle Psychotherapie zu betrachten. Die Kernaussage dahinter ist praktisch: Selbst wenn ein Chatbot emotional stützen kann oder niedrigschwellig Gesprächsanlässe bietet, bleibt menschliche Interaktion in der Therapie essenziell. Damit rückt KI in ein realistisches Aufgabenprofil – als Ergänzung, nicht als Autopilot für die klinische Versorgung.
Für Unternehmen, Pflegeeinrichtungen und Krankenkassen ergibt sich aus den aktuellen Befunden eine klare Konsequenz: Der nächste Digitalisierungsschritt muss stärker „end-to-end“ gedacht werden. Die ePA-Daten zeigen, dass Bildung und Einkommen sowie ein schwerer Registrierungsprozess die Nutzung bremsen; bei einzelnen Apps wie Paro-ComPas zeigt die Evidenzprüfung kombiniert mit sehr niedrigen Nutzungsraten, dass Funktionalität allein nicht genügt. Für die Praxis heißt das, digitale Angebote dort nachzuschärfen, wo Nutzer real absteigen: beim Onboarding, bei der Integration in bestehende Abläufe und bei nachweisbaren Effekten, die über den Pilotbetrieb hinausgehen. Im Hintergrund wächst damit auch der Druck auf Produkt- und Plattformteams, Nutzungsmetriken und klinische Outcomes stärker miteinander zu koppeln, statt beides getrennt zu optimieren. Wenn der GKV-Spitzenverband strengere, evidenzbasierte Kriterien fordert, dann ist die eigentliche Herausforderung damit nicht nur medizinisch, sondern auch daten- und prozessarchitektonisch – und genau dort entscheidet sich, ob digitale Gesundheit 2027 tatsächlich skaliert.
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