HERFORD/KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Steigende Preise und ein schwaches Konsumklima bremsen den Möbelkauf spürbar aus. Im ersten Halbjahr lagen die Umsätze der Möbelhersteller nach vorläufigen Zahlen des Verbands der deutschen Möbelindustrie (VDM) um 2,7 Prozent unter dem Vorjahr; insgesamt wurden 7,7 Milliarden Euro umgesetzt. Besonders Polstermöbel verlieren deutlich, während Küchen im Vergleich stabiler bleiben. Der Ausblick bleibt vorsichtig: Branchenvertreter rechnen in diesem Jahr nicht mit einer spürbaren Belebung.

Möbelbranche unter Druck: Umsatz sinkt, Kunden sparen weiter
Möbelbranche unter Druck: Umsatz sinkt, Kunden sparen weiter (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Krise in der Möbelbranche wirkt derzeit wie eine Schere: Auf der einen Seite steigen Material-, Energie- und Lohnkosten, auf der anderen Seite bleibt die Zahlungsbereitschaft der Haushalte gedämpft. Der Verband der deutschen Möbelindustrie (VDM) berichtet für das erste Halbjahr von einem nominalen Umsatzrückgang um 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum; dabei lag der Gesamtwert bei 7,7 Milliarden Euro. Damit zeigt sich, dass nicht nur Preissteigerungen durchschlagen, sondern auch das Volumen spürbar leidet. Selbst der Branchenriese IKEA bewegt sich in einem Umfeld, das weniger von Nachfragestärke als von Kostendruck und Wettbewerbsintensität geprägt ist.

Technisch betrachtet sind Möbelprodukte zwar in sich konsistent, aber die Nachfrage reagiert sehr unterschiedlich auf Lebensstil- und Alltagsthemen. Diese Differenz sieht man besonders bei Küchenmöbeln: Die Erlöse stiegen im Vergleich um ein Prozent, während andere Kategorien deutlich einbrechen. Am stärksten trifft es Polstermöbel mit einem Minus von 10 Prozent. Auch auf den Heimatmärkten zeigt sich die Asymmetrie: Auf dem deutschen Markt schrumpfte das Geschäft um 4,1 Prozent. Diese Aufteilung passt zu der Beobachtung, dass Küchen im täglichen Wohnalltag einen anderen Stellenwert haben als der Ersatzzyklus bei Polstermöbeln.

Marktseitig wird die Rückhaltung der Verbraucher zudem durch die Verlagerung von Ausgaben in Richtung Freizeit und Reisen verstärkt. VDM-Geschäftsführer Jan Kurth beschreibt das Umfeld als schwierig; als Treiber nennt er neben Kostenschüben auch das weiterhin schwache Konsumklima. Kurzfristig zeigt sich auch in den Auftragseingängen ein gespaltenes Bild: Küchenmöbel verzeichneten zwischen Januar und Juni 0,9 Prozent mehr Aufträge als im Vorjahr, Polstermöbel dagegen 10,5 Prozent weniger. Kurth rechnet zudem nicht mit einer spürbaren Belebung in diesem Jahr. Dass dabei selbst minimale Preisbewegungen im Einzelhandel nicht zwingend den Trend drehen, macht die Meldung zur Entwicklung im Möbelbereich deutlich: Im Juli lagen Möbel und Leuchten immerhin minimal günstiger, nämlich 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Entwicklung trifft den Handel nicht gleichmäßig, aber insgesamt bleibt auch dort die Stimmung vorsichtig. Das IFH Köln nennt für den Fachhandel im ersten Halbjahr 3,3 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahreszeitraum. Der Handelsverband Wohnen und Büro formuliert den Zustand entsprechend: „2026 ist für den Möbelhandel bislang noch kein Jahr der Erholung, aber eines des vorsichtigen Stabilisierens.“ Marktkenner erklären die Verzögerung in der Erholung vor allem mit der Verschiebung größerer Anschaffungen und mit dem Fokus der Haushalte auf laufende Ausgaben. Philipp Hoog, Handelsberatung BBE, bringt es auf den Punkt: „Die Verbraucher kaufen seltener und verschieben größere Anschaffungen.“ Gleichzeitig verweist er auf erhöhte Belastungen durch Lebensmittel, Energie und Gesundheit sowie auf Sorgen vor weiteren Preissteigerungen. Für Marktexperten ist dabei weniger der absolute Preis das Problem als die Entscheidungsschwelle: Wenn sich Budgets verengen, wird der Schritt ins neue Wohnkonzept häufiger nach hinten verschoben.

Während der Wettbewerb im Markt ohnehin zunimmt, kommt in diesem Jahr zusätzlich Bewegung auf der Anbieter-Seite. Hoog sieht IKEA unter Druck: Nach einem Rekordjahr 2022/2023 hätten sich die Erlöse weltweit rückläufig entwickelt. „Ikea kann sich nicht mehr allein auf seine starke Marke und das klassische Einrichtungshaus verlassen.“, sagt Hoog weiter. Kunden vergleichen zunehmend das Preis-Leistungs-Verhältnis, und IKEA werde von Wettbewerbern wie Jysk und XXXLutz angegriffen. IKEA kündigte außerdem an, die Preise für rund 1.500 Produkte senken zu wollen. Parallel beschäftigt die Branche die geplante Übernahme der Porta-Gruppe durch den österreichischen Möbelriesen XXXLutz; Verbandsgeschäftsführer Kurth beklagt dabei eine zunehmende Konzentration und betont den Druck auf mittelständische Hersteller, die „immer weniger“, aber dafür „immer größeren Handelspartnern“ gegenüberstehen. Gerade für Produzenten in Ostwestfalen-Lippe als wichtigem Produktionsstandort wirkt ein solcher Konzentrationsprozess unmittelbar auf Verhandlungspositionen, Margen und Planungszyklen.

Auch die Unternehmensstruktur zeigt, dass die Krise nicht nur eine Phase schwankender Umsätze ist, sondern bei vielen Firmen in die Substanz greift. Das Statistische Bundesamt nennt für Betriebe mit mindestens 50 Beschäftigten einen Rückgang von 480 (2018) auf 398 (2025) sowie einen Beschäftigungsabbau von mehr als 84.600 auf weniger als 68.300. Zudem plant laut Branchenverband VDM ein erheblicher Anteil der Mitgliedsunternehmen Kurzarbeit: 40 Prozent. Patrik-Ludwig Hantzsch von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform stellt dabei den Zusammenhang klar: „Die sinkende Auslastung lässt die Margen schnell unter Druck geraten.“ Niedrigere Absatzmengen treffen also auf Fixkosten und laufende Verpflichtungen. Für das Risiko der Zahlungsunfähigkeit liefern Daten vom Kreditversicherer Allianz Trade einen zusätzlichen Hinweis: Zwischen Januar und Mai meldeten in Deutschland 29 Hersteller Insolvenz an, im Möbelhandel waren es im selben Zeitraum 38 Unternehmen; Maxime Lemerle von Allianz Trade sagt zugleich, dass die Insolvenzen zuletzt zwar an Dynamik verloren hätten, das Niveau aber weiterhin hoch bleibe und über dem Zeitraum vor der Pandemie liege.

Für Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Planungsaufgabe: Wer in einem Marktsegment wie Küchen stabilere Nachfrage findet, muss zugleich in der Kostenstruktur auf die schwankende Auslastung vorbereitet sein und die Sortimentspolitik enger am Kaufverhalten ausrichten. Die gleichzeitige Bewegung im Wettbewerb – Preissenkungen, Filial- und Wettbewerbsdruck sowie Handelskonzentration – erhöht den Druck auf Margen und auf die Fähigkeit, Preis-Leistungs-Argumente schnell in Produkt- und Beschaffungsentscheidungen zu übersetzen. Gerade im Mittelstand dürfte kurzfristig entscheidend sein, ob die Nachfrageeinbrüche bei Kategorien wie Polstermöbeln abgefedert werden können oder ob sich die Krise in weitere Teile der Wertschöpfungskette fortsetzt. Bis konkrete Entspannungssignale sichtbar werden, bleibt der Markt damit eher von Stabilisierungsideen als von Wachstumserwartungen geprägt.


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