LONDON (IT BOLTWISE) – In einem Gastbeitrag warnt Frank Kendall davor, dass hohe Militärführung die Grenze zwischen „können“ und „sollen“ verwischen könnte. Er kritisiert ein Umfeld, in dem Offiziere befürchten, nur noch Loyalität statt unabhängiger Beratung zu leisten. Kendall betont den Eid auf die Verfassung und leitet daraus eine Pflicht zur Gewissensprüfung ab. Gleichzeitig rückt er die Frage in den Fokus, wie sich Entscheidungen im Spannungsfeld von Militär, Recht und Technologie-Autonomie weiter zuspitzen könnten.

Der Ton wirkt im ersten Moment geradezu vertraut: Bei einem Abschieds- und Ruhestandsritual berichtete Frank Kendall von einem zeremoniellen Ablauf, in dem der Vorsitzende der Joint Chiefs, Gen. Dan Caine, die Rolle des Redners übernimmt und der Raum vor allem eines signalisiert – Normalität. Kendall nutzt genau diese Beobachtung als Einstieg, um ein strukturelles Problem zu beschreiben: Das Militär stehe unter Donald Trumps Präsidentschaft vor einer Entscheidungslage, die viele Führungskräfte offenbar versuchen, mit Routinen zu überdecken. Wo Kontrolle, Transparenz und die Bereitschaft zum Widerspruch gebraucht würden, wachse offenbar die Tendenz, „alles sei in Ordnung“ als Strategie der inneren Stabilisierung zu behandeln.
Technisch und organisatorisch lässt sich Kendalls Argument als Konflikt zwischen zwei Ebenen lesen: Ausführungskompetenz („können“) versus normative Beurteilung („sollen“). Gen. Caine habe in einer Rede an der National Defense University laut dem Beitrag auf die Unterscheidung gedrängt, dass die „can“-Frage militärisch sei, während die „should“-Frage als „Policy“ außerhalb der Verantwortlichkeit der Offiziere liege. Kendall widerspricht. Sein Kernpunkt lautet: Die oberste professionelle Verpflichtung militärischer Führung bestehe nicht nur darin, dem zivilen Befehlshaber zu erklären, was operativ machbar ist, sondern auch darin, politische und rechtliche Grenzen einzubeziehen – genau deshalb, weil die Streitkräfte am „Nexus“ von militärischer Gewaltanwendung und Politik arbeiten. Dass diese Verantwortung im Alltag durch juristische Konstruktionen oder Rollenverteilungen verwässert werden kann, macht Kendall gerade deshalb zum Risiko für demokratische Kontrolle.
Mit deutlich schärferen Worten beschreibt der Beitrag anschließend, dass die Trump-Administration nach Kendalls Darstellung Handlungen anstoße, die Offiziere als „außergewöhnlich“ und problematisch einschätzen sollten. Konkret nennt Kendall Vorwürfe zu extralegalen Hinrichtungen angeblicher Drogendealer auf See, zu Tötungen eines Staatsoberhaupts sowie mehrerer Angehöriger, außerdem Vorwürfe zu einer Entführung eines weiteren Staatsoberhaupts. Ebenso führt er den Vorwurf an, der Präsident habe einen Krieg begonnen, ohne zuvor Congress zu konsultieren oder die erforderliche Autorisierung einzuholen. Auf derselben Ebene bewegt sich auch die Kritik an der Platzierung von National-Guard-Truppen in Städten, die von demokratisch regierten Gouverneuren geführt werden, ohne dass dies nach Kendalls Darstellung von lokalen Führungskräften angestoßen oder akzeptiert worden sei. Entscheidend ist: Kendalls Argumentation zielt nicht auf eine bloße Detaildebatte, sondern darauf, dass Offiziere trotz äußerer Befehlslage prüfen müssen, ob eine Linie überschritten wird – und dass der Eid auf die Verfassung diese Prüfung verankert.
Gerade hier bekommt das Thema eine technologische Dimension, ohne dass der Text von konkreten KI-Systemen handelt. Kendalls Profil als ehemaliger Air-Force-Secretary und Autor des Buches „Lethal Autonomy“ legt nahe, dass er militärische Systeme zunehmend im Licht von Automatisierung und Entscheidungsdelegation betrachtet. Das zentrale Muster ist dabei ein bekanntes Engineering-Problem: Je stärker Verantwortung in Prozesse, Rollen und Tools „ausgelagert“ wird, desto leichter wird es, die persönliche Prüfung als „nicht zuständig“ abzulegen. In der Praxis zeigen Systeme zur Unterstützung von Einsatzentscheidungen – ob regelbasiert, datengetrieben oder teilautonom – dieselbe Versuchung: Wenn eine Pipeline die Ausgabe liefert, wirkt das Resultat schnell wie ein unvermeidlicher Betriebszustand. Kendalls Warnung lässt sich deshalb auf eine organisationsweite „Safety“-Logik übertragen: Unabhängig davon, ob die Entscheidung aus einem Modell, einer Rechtsberatung oder einer Befehlskette resultiert, bleibt menschliche Verantwortung dort, wo der Eid verlangt, Fehlsteuerungen zu erkennen und zu benennen.
Dass Kendall in Gesprächen mit „lower-level officers“ eine private Bestürzung beschreibt, aber zugleich eine Angst, Widerspruch zu leisten, erinnert an klassische Probleme im Change-Management. Wenn Personalwechsel, Beförderungslogiken oder juristische Begleitarchitekturen konsequent auf „compliance“ statt kritischer Prüfung einzahlen, entsteht ein Anreizsystem, in dem unabhängige Einschätzungen gar nicht erst nach oben dringen. Kendall führt dafür einen Mechanismus aus: Nach seiner Darstellung würden hochrangige Militärjuristen durch loyal gesinnte Akteure ersetzt, die eher bereit seien, rechtliche Rechtfertigungen für exekutive Wünsche zu formulieren – selbst wenn diese aus Sicht des Autors „flimsy“ oder fehlerhaft wirken. In so einem Umfeld wird die Beratung am Ende zu einer Legitimationsschicht, und das ist aus Sicht der demokratischen Kontrolle gefährlich: Der Verteidigungsapparat soll nicht nur funktionieren, sondern auch widersprechen können, wenn der Zweck oder die Mittel nicht mit dem Verfassungsauftrag zusammenpassen.
Besonders brisant wird es in Kendalls Schlussabschnitt durch den Hinweis auf künftige Tests. Er erwähnt, dass Caine zwar in Bezug auf den Einsatz von Truppen im Zusammenhang mit Midterm Elections offenbar keine Pläne signalisiert habe, der Präsident aber nach Kendalls Darstellung eine solche Option nicht ausschließen wolle. Kendalls Forderung ist dabei nicht „Rebellion“, sondern eine Rückbesinnung auf die normative Arbeit der Führung: Offiziere müssten die moralische, rechtliche und praktische Seite gemeinsam abwägen und dabei auch die Belastung für jene berücksichtigen, die die Befehle unmittelbar im Einsatz tragen. Dass Frank Kendall schließlich die Ablage von Verantwortung als „Versteck“ zurückweist, ist im Kern eine politische Technologiekritik: Solange sich Entscheidungsketten so aufbauen lassen, dass jede Ebene nur den eigenen „Slot“ sieht, bleibt die demokratische Prüfung unter dem Radar.
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