HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Longevity wird im Alltag oft als „möglichst lang leben“ missverstanden, argumentiert Dr. Viyan Sido in ihrem Buch zur Healthspan. Im Fokus stehen sieben Bausteine wie Schlaf, Bewegung, gesunde Ernährung, Darmgesundheit, soziale Kontakte und Stressresilienz. Besonders in Perimenopause und Wechseljahren rückt sie die hormonelle Dynamik sowie den Abbau von Muskelmasse als Schlüsselfaktoren in den Vordergrund. Für den Einstieg nennt sie Krafttraining als praktischen Gamechanger, der sich mit einem realistischen Wochenplan beginnen lässt.

Longevity ist längst mehr als ein Wellnesswort für Social Media geworden. In vielen Diskussionen kreist es um die Frage, wie man möglichst lange lebt, doch Dr. Viyan Sido verschiebt den Schwerpunkt konsequent auf die Healthspan: also auf möglichst viele Jahre bei guter Gesundheit. In ihrem Buch „Die Longevity-Strategie für Frauen“ beschreibt die Hamburger Allgemeinmedizinerin und Herzchirurgin, die am Asklepios-Facharztzentrum Kampnagel tätig ist, warum sich der Körper zwar über Jahrzehnte aufbaut, die relevanten Hebel aber trotzdem jeden Tag neu entschieden werden. Sido fasst Longevity dabei als Zusammenspiel mehrerer Faktoren zusammen, nicht als „eine“ Maßnahme, die alles löst.
Technisch gedacht sind viele dieser Faktoren im Alltag messbar, auch wenn sie selten in einer einzigen Kennzahl zusammenlaufen. Sido nennt Schlaf, gesunde Ernährung, Bewegung, Darmgesundheit, Entgiftung, soziale Kontakte sowie Stressresilienz als zentrale Bausteine, die körperliches und psychisches Befinden langfristig beeinflussen. Genau hier setzt sie auch gegen die reine „Lifestyle-Checkliste“ an: Wer sich zwar gesund ernährt, aber über Jahre hinweg soziale Bindungen vernachlässigt und die mentale Gesundheit aus dem Blick verliert, verkürzt laut ihrer Darstellung die erreichbare Healthspan. Diese Perspektive passt zu dem, wie Unternehmen Gesundheitsprogramme mittlerweile denken: nicht als punktuelle Intervention, sondern als kontinuierliche Veränderung von Alltagssignalen wie Schlafrhythmus, Ernährung und Belastungsmanagement.
Für Frauen sieht sie dabei zusätzliche, biologische Rahmenbedingungen. Der zentrale Unterschied liege in der hormonellen Dynamik, gerade rund um Perimenopause und Wechseljahre. Die Expertin betont, dass Hormone fast alle Organe beeinflussen – darunter auch Muskel- und Knochenstoffwechsel – und nennt damit einen plausiblen Mechanismus, warum sich Effekte von Training und Ernährung in dieser Lebensphase anders darstellen können als zuvor. Dazu kommt ein weiterer Punkt, der im Alltag häufig unterschätzt wird: Frauen verlieren ab Ende 30 Muskelmasse, mindestens um ein Prozent pro Jahr. Wenn dieser Trend ungebremst bleibt, wird Kraft als „Fitnessziel“ schnell zu einer Gesundheitsfrage, etwa für Mobilität, Stoffwechsel und Gelenkstabilität.
Aus dieser Logik leitet Sido eine konkrete Empfehlung ab: Krafttraining gilt ihr besonders für Frauen ab 40 als wichtig, um gesund zu altern. Sie beschreibt einen Einstieg, der weniger auf „Harte Disziplin“ setzt als auf Umsetzungssicherheit: sich im Fitnessstudio einweisen lassen, die Geräte erklären lassen, dann langsam starten und die Häufigkeit über Wochen steigern. „Optimal“ sei es, zwei- bis dreimal pro Woche zu trainieren – ein Rhythmus, den viele Beschäftigte neben Beruf und Familie realistischer planen können als ein tägliches Programm. Gleichzeitig stellt sie klar, dass Routine in den Alltag passen muss, statt als starres Regelwerk zu funktionieren; gerade berufstätige, vielfach belastete Mütter warnt sie davor, aus dem Konzept einen zusätzlichen Druck zu machen.
Ernährung bildet bei ihr das umfangreichste Kapitel. Sido nennt eine mediterran geprägte Diät als Variante mit der besten Evidenz: pflanzenbasiert, ballaststoffreich, mit hochwertigen Proteinen und gesunden Fetten. Gleichzeitig setzt sie in ihrer persönlichen Praxis andere Akzente: Sie verzichtet komplett auf Kohlenhydrate und Zucker, trinkt keinen Alkohol und raucht nicht. Außerdem fastet sie nach eigener Beschreibung zwischen frühem Abendessen und spätem Frühstück 16 Stunden. Entscheidend ist jedoch der methodische Hinweis, den sie direkt mitliefert: Nicht jede Routine lässt sich dogmatisch übertragen. Ernährung bleibt für sie eine Strategie, die zur Lebensrealität passen muss – eine Haltung, die in der Präventionsarbeit besonders für Unternehmen relevant ist, wenn sie gesundheitsbezogene Angebote nicht als moralische Bewertung, sondern als Auswahlhilfe gestalten wollen.
Auch bei Supplements bleibt sie skeptisch. Nahrungsergänzungsmittel könnten aus medizinischer Sicht sinnvoll sein, dürften aber nicht „blind eingeworfen“ werden. Die medizinische Logik dahinter ist einfach: Wenn Ursachen wie Schlafmangel, Stresslast oder ein zu geringer Proteingehalt bereits im Alltag sichtbar sind, bringt ein zusätzlicher Wirkstoff ohne Diagnose oft wenig. Stattdessen empfiehlt Sido, alle drei Jahre den Gesundheitscheck beim Hausarzt wahrzunehmen – übernommen durch die Krankenkassen. Dazu gehören Blutdruck, Blutzucker, der Langzeit-Blutzucker und „unbedingt“ auch Cholesterinwerte; gerade diese Werte können sich während der Wechseljahre verändern. Als weiteren Gamechanger nennt sie eine feste Schlafroutine: möglichst zur gleichen Zeit ins Bett, ähnlich zum Aufstehen. Schlaf-Tracking über einen Ring oder ein Armband lehnt sie nicht pauschal ab, erklärt aber, dass es manchmal Stress erzeugt – genau jenen Stress gilt es zu reduzieren.
Am Ende verdichtet sie die „Life-Hacks“ auf Schritte, die sich ohne Spezialausrüstung in den Alltag integrieren lassen: eine Schlafroutine etablieren, den Tag mit frischer Luft beginnen, ausgewogen und proteinreich essen, sich bewegen – etwa mit Schritten oder dem Rad zur Arbeit – sowie Krafttraining starten und dazu bewusst soziale Aktivitäten planen. Für den praktischen Transfer nennt sie außerdem einen konkreten Ankerpunkt außerhalb des Buchs: Am Freitag, 4. September, soll der erste Impulstag des Longevity Forum Deutschland im CCH stattfinden. Damit geht es nicht nur um Theorie, sondern um Austauschformate, die Teilnehmenden helfen sollen, die beschriebenen Bausteine in planbare Routinen zu übersetzen.
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