MAGDEBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die Grüne Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz das Ziel bekräftigt, das Land bis 2035 klimaneutral zu machen. In ihrer Argumentation spielt vor allem der Ausbau von Wind und Sonne eine zentrale Rolle, weil das Land dafür „die Ressourcen“ mitbringt. Gleichzeitig fordert sie, dass die Bundesregierung die Gasstrategie stärker mit Blick auf die sachsen-anhaltischen Standorte der Chemieindustrie ausrichtet. Damit verknüpft sie Klimapolitik, Energiemix und die Frage, wie Unternehmen trotz hoher Energiekosten handlungsfähig bleiben.

In Sachsen-Anhalt wird Klimapolitik kurz vor der Landtagswahl nicht als abstrakte Langfristaufgabe verkauft, sondern als Projektplan für den Umbau von Strom- und Wärmeversorgung. Susan Sziborra-Seidlitz, Spitzenkandidatin der Grünen, stellt die Klimaneutralität bis 2035 in den Mittelpunkt und begründet das Ziel mit der Dynamik der vergangenen Hitzephasen. Sie verweist dabei auf konkrete Auswirkungen: In jeder Hitzephase des letzten Sommers sei es in Sachsen-Anhalt den Angaben zufolge besonders heiß gewesen, zudem seien auf manchen Feldern Raps aus den Schoten gefallen. Schon an dieser Stelle macht sie deutlich, dass der Politikrahmen nicht nur über Emissionsziele diskutiert wird, sondern über Belastungen in Landwirtschaft und Gesundheit.
Technisch betrachtet hängt die Erreichung von „klimaneutral“ allerdings stark davon ab, wie schnell sich der Energiemix umstellt und wie gut das Netz Lastschwankungen abfedern kann. Sziborra-Seidlitz sagt, Sachsen-Anhalt sei bereits Vorreiter bei erneuerbaren Energien: 60 Prozent der erneuerbaren Energien im Energiemix ordnet sie dem Land als aktuellen Stand zu. Für die weitere Beschleunigung nennt sie ein Bündel aus bereits vorhandenen Standortvorteilen und Umsetzungswillen. Wind und Sonne sind dabei nicht nur Schlagworte, sondern die zwei Energieträger, die in vielen Regionen die größten Potenziale für zusätzliche Erzeugung liefern. Entscheidend wird außerdem, wie Flächenplanung und Genehmigungsprozesse in der Praxis mitziehen, damit aus Ausbauabsichten nicht wieder Verzögerungen entstehen.
Auf dem Weg dorthin wird der Übergang zur Stromerzeugung aus volatilen Quellen immer stärker zur Managementaufgabe: Speicher, Netzausbau und ein belastbares Zusammenspiel von Produktion, Verbrauch und Verteilnetzen bestimmen, ob erneuerbare Energie im Alltag ankommt. Sziborra-Seidlitz betont daher nicht nur Wind und Sonne, sondern auch „die Flächen“ und die Rolle der Landwirtschaft. Wenn Landwirte ihre Flächen etwa für zusätzliche Erzeugungskonzepte nutzen können, verändert das die lokale Wertschöpfung und kann zugleich Projekte beschleunigen, weil Akzeptanz und Nutzungskonzepte früher im Planungsprozess zusammenlaufen. Gleichzeitig wird die Agrarseite damit zum Teil einer Energiestrategie, die Extremwetter nicht ausblendet, sondern in Resilienz-Überlegungen integriert.
Parallel dazu verschiebt sich der Fokus hin zu den industriellen Kostenstrukturen, weil Klimaziele ohne wettbewerbsfähige Energiepreise kaum durchsetzbar sind. Sziborra-Seidlitz sieht in dieser Frage die Bundesregierung in der Pflicht, insbesondere mit Blick auf die Gasstrategie und die sachsen-anhaltischen Standorte der Chemieindustrie. Sie sagt, dass „an vielen Stellen“ die Einbindung dieser Standorte nicht erfolgt sei. Dahinter steckt weniger der politische Streit um ein einzelnes Instrument, sondern die Frage, wie eine Übergangsphase gestaltet wird: Chemieanlagen benötigen langfristig planbare Energie- und Rohstoffbedingungen, und in der Praxis entscheidet sich dort, ob Umstellungen auf klimafreundlichere Prozessketten in Projekte übersetzt werden können oder ob Stillstands- und Investitionsrisiken dominieren.
Historisch betrachtet hat sich die Klimapolitik in Deutschland von reinen Emissionsdebatten immer stärker zu Technologie- und Systemfragen verlagert: Der Ausbau erneuerbarer Energien allein reicht nicht, wenn Netze, Speicher und Lastmanagement hinterherhinken. In dieser Logik wirkt auch die von Sziborra-Seidlitz formulierte Kritik an der Gasstrategie wie ein Appell an eine konsistente Übergangsplanung, in der Energiepfade, regionale Industrieinteressen und Genehmigungsrealitäten zusammen gedacht werden müssen. Für die Chemie ist dabei nicht nur die kurzfristige Kostenseite relevant, sondern auch die mittelfristige Planungssicherheit für Modernisierungen und Prozessanpassungen. Wenn diese Sicherheit fehlt, verlagern sich Entscheidungen häufig auf Wartestellung statt auf Umbau.
Für die Umsetzung in Sachsen-Anhalt ergibt sich daraus ein klares Koordinationsproblem: Gleichzeitig müssen Ausbau und Netzfähigkeit wachsen, die Landwirtschaft muss in die Flächenlogik integriert werden und die Industrie braucht verlässliche Rahmenbedingungen. Das Ziel 2035 klimaneutral ist zwar ambitioniert, aber nicht nur eine politische Zielmarke; es ist eine Systemkette aus erneuerbarer Erzeugung, Infrastruktur und politischer Flankierung. Gerade weil Sziborra-Seidlitz die Hitze- und Gesundheitseffekte sowie die Auswirkungen auf die Felder in den Vordergrund rückt, wird deutlich, dass Klimapolitik am Ende im Alltag messbar sein muss. Unternehmen, Kommunen und Energieversorger stehen damit nicht vor einer einzelnen Entscheidung, sondern vor einem fortlaufenden Planungs- und Investitionszyklus, der die nächsten Jahre prägen wird – vom Ausbau über die Übergangsenergie bis hin zur industriellen Modernisierung.
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