LONDON (IT BOLTWISE) – Im Kugelsternhaufen Omega Centauri ist neben einem mittelschweren Schwarzen Loch offenbar auch ein weiteres, stellares Schwarzes Loch im Doppelsternsystem nachgewiesen worden. Für die Bestimmung nutzten Forschende vor allem Astrometrie, also präzise Messungen der scheinbaren Positionen von Sternen über lange Zeiträume. Die Ergebnisse schließen zwar die Lücke zwischen stellaren und supermassereichen Schwarzen Löchern, werfen aber neue Fragen zur „Lochzahl“ in alten Sternhaufen auf. Gleichzeitig wird deutlich, warum selbst solche Kandidaten sich der direkten Beobachtung oft entziehen.

Omega Centauri: Zwei Schwarze Löcher – und die Suche nach der „Lochzahl“ im Kugelsternhaufen
Omega Centauri: Zwei Schwarze Löcher – und die Suche nach der „Lochzahl“ im Kugelsternhaufen (Foto: IT BOLTWISE)
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Omega Centauri wirkt am Himmel wie ein einzelnes, helles Juwel. Auf den ersten Blick bleibt jedoch verborgen, was in seinem Inneren passiert: In einem kugelförmigen Volumen von etwa 150 Lichtjahren Durchmesser ballen sich dort laut den Angaben im Artikel rund zehn Millionen Sterne. Genau diese dichte Umgebung macht den Kugelsternhaufen für Astronomen so attraktiv – und zugleich so widersprüchlich. Denn Modelle gehen davon aus, dass Kugelsternhaufen in ihrer frühen Phase sehr viele Schwarze Löcher produziert haben müssten. Doch was man tatsächlich findet, ist bislang erstaunlich wenig, und Omega Centauri ist gerade dabei, diese Spannung noch einmal zu verschärfen.

Ein zentrales Rätsel rund um Omega Centauri bezog sich lange auf die „Mittelklasse“ Schwarzer Löcher. Zwischen stellaren Schwarzen Löchern mit einigen wenigen bis etwa 150 Sonnenmassen und den extrem massereichen Objekten in Galaxienzentren klaffte eine große Lücke. 2024 konnte ein Forschungsteam um Maximilian Hӓberle mithilfe von Archivdaten des Hubble-Weltraumteleskops (HST) im Zentrum von Omega Centauri Hinweise auf ein sogenanntes mittelschweres Schwarzes Loch (IMBH, intermediate-mass black hole) liefern. Aus den Bahnbewegungen von sieben Sternen nahe des Zentrums folgte demnach, dass dort ein unsichtbarer Begleiter mit mindestens 8200 Sonnenmassen unterwegs ist. Diese Einordnung ist wissenschaftlich wichtig, weil solche IMBHs als mögliche „Zwischenstufe“ bei der Entstehung sehr großer Schwarzer Löcher gehandelt werden.

Neu an der aktuellen Entwicklung ist allerdings nicht nur, dass ein weiteres Schwarzes Loch „dazu“ kommt, sondern wie sich dadurch die Systemgeschichte des Haufens lesen lässt. Eine Forschungsgruppe um Matthew Whitaker und Evan Kerr von der University of Utah hat im Kugelsternhaufen jetzt ein weiteres Objekt identifiziert: ein stellares Schwarzes Loch mit etwa 4,5 Sonnenmassen, das gemeinsam mit einem normalen Stern ein Doppelsystem bildet. Benannt als oMEGACat BH-2, fällt es damit in der Größenordnung zwar eher klein aus – genau diese scheinbar „falsche Gewichtsklasse“ ist aber in der Debatte über die Zahl der Schwarzen Löcher in Kugelsternhaufen relevant. Denn aus theoretischer Sicht müssten alte Haufen nicht nur wenige, sondern nach einer gewissen Frühphase sehr viele Relikte enthalten. Die Beobachtung von zwei getrennten Schwarzen Löchern in Omega Centauri ist damit ein Indiz dafür, dass mindestens Teile des erwarteten Bestands tatsächlich existieren – zugleich bleibt aber offen, warum die Gesamtzahl offenbar so schwer nachzuweisen ist.

Die Hauptschwierigkeit liegt in der Enttarnungslogik: Ein Schwarzes Loch wird in der Regel nur dann sichtbar, wenn es mit Umgebungsmaterie wechselwirkt. Akkretiert ein Objekt Gas von einem Begleitstern oder aus der Umgebung, erhitzt sich das Material und kann als Röntgenquelle oder über Spektralsignaturen auftreten. In alten Kugelsternhaufen ist diese Konstellation oft weniger günstig, weil massereiche Sterne längst erloschen sind und somit weniger „Treibstoff“ für starke Akkretionsprozesse vorhanden ist. Genau deshalb setzen Forschende häufig auf indirekte Nachweise über Dynamik. Die Radialgeschwindigkeitsmethode etwa funktioniert analog zu Exoplaneten-Jagdstrategien: Aus spektroskopischen Messungen lässt sich ableiten, wie sich der sichtbare Stern entlang der Sichtlinie bewegt, und daraus folgt die Existenz eines unsichtbaren Partners.

Im Fall von oMEGACat BH-2 greifen die Forschenden zusätzlich auf Astrometrie zurück. Astrometrie schaut nicht auf Geschwindigkeiten entlang der Sichtlinie, sondern auf die Bewegung des Sterns am Himmel in den beiden Raumdimensionen der Himmelskugel. Damit wird sichtbar, dass der Stern nicht „geradeaus“ läuft, sondern durch die Gravitationswirkung des unsichtbaren Begleiters eine charakteristische Bahnänderung zeigt. In dem Artikel wird betont, dass dafür eine große Zahl an Messungen über einen sehr langen Zeitraum nötig ist – und dass genau hier Omega Centauri eine besondere Ausgangslage bietet. Seit über 20 Jahren liefert Hubble systematisch Aufnahmen des Zentrums, ursprünglich zur Kalibrierung der Instrumente, die inzwischen wissenschaftlich ausgewertet werden. Für oMEGACat BH-2 kamen zudem Daten hinzu, die das James-Webb-Weltraumteleskop (JWST) erfasst hat.

Besonders entscheidend war laut den Angaben ein günstiges Timing: Die HST-Daten deckten zufällig den Zeitpunkt der Periastron-Passage im Jahr 2012 ab – also die Phase größter Annäherung im Doppelsystem. Gerade dort sind Bahnbeschleunigung und Krümmung am stärksten, was eine präzisere Rekonstruktion der Umlaufbahn ermöglicht. So konnten die Forschenden die Masse des dunklen Partners auf rund 4,5 Sonnenmassen bestimmen; der sichtbare Stern wird dabei auf maximal 0,78 Sonnenmassen geschätzt. Mit einer Umlaufzeit von etwa 94 Jahren liegt oMEGACat BH-2 zudem in einem Bereich, der dynamisch gut messbar ist. Gleichzeitig wird das System als „weich“ beschrieben: Die große Distanz zwischen den Komponenten macht es anfällig für Störungen durch vorbeiziehende Sterne, weshalb Simulationen eine Aufspaltung innerhalb von etwa 800 Millionen Jahren nahelegen. Aus dieser relativ kurzen Lebenszeit im Vergleich zum Alter des Haufens folgt die Vermutung, dass sich das Doppelsystem dynamisch gebildet hat – etwa durch eine nahe Begegnung und anschließenden Einfang.

Die entscheidende Frage dahinter bleibt jedoch: Wie viele Schwarze Löcher hat eine Kugel – und wohin sind sie verschwunden? Der Artikel macht dafür mehrere Mechanismen plausibel. Bei der Geburt könnte ein natal kick entstehen: Supernovae verlaufen selten perfekt symmetrisch, dadurch erhalten Neutronensterne oder Schwarze Löcher einen kräftigen „Schubs“, der sie aus dem Haufen schleudern kann. Zwar könnten massereiche Haufen wie Omega Centauri wegen ihrer höheren Fluchtgeschwindigkeit mehr Relikte behalten, doch selbst dann laufen langfristige dynamische Prozesse weiter. Durch Massensegregation wandern massereichere Schwarze Löcher Richtung Zentrum, bilden Doppelsysteme und können sich dabei gegenseitig aus dem Gleichgewicht bringen – bis hin zu Rausschmissen, lange bevor es zu einer finalen Verschmelzung kommt. Genau deshalb sehen auch Simulationen und theoretische Abschätzungen eine „Locharmut“ in vielen kleineren Haufen als wahrscheinlich an. Omega Centauri könnte in dieser Hinsicht teilweise ausweichen, weil dort ein Gegner auftritt: das mittelschwere Schwarze Loch mit rund 8200 Sonnenmassen, das vermutlich einen Teil der Masse aus kleineren Schwarzen Löchern gezogen hat.

Trotz der Fortschritte reicht die derzeit beobachtete Zahl von Schwarzen Löchern in Kugelsternhaufen noch nicht aus, um daraus belastbare Häufigkeiten oder den Beitrag dieser Systeme zu Gravitationswellen abzuleiten. Die bisherigen Gravitationswellen-Signale, auf die im Artikel verwiesen wird, betrafen eher Fusionen mit Schwarzen Löchern im Bereich um zehn, 20 oder 30 Sonnenmassen. Falls sich diese Tendenz bestätigt, könnte das darauf hindeuten, dass Kugelsternhaufen zumindest nicht die dominierende Quelle der beobachteten Ereignisse sind. Derzeit bleibt daher ein Geduldsspiel: entweder wurden viele Schwarze Löcher bereits im Verlauf der Dynamik hinausgeschleudert – oder sie sind noch da, aber nur mit extrem viel Beobachtungszeit und passendem Timing eindeutig nachweisbar. Angesichts der groben Schätzung, dass die Milchstraße allein vielleicht 170 Millionen Schwarze Löcher beherbergt und die allermeisten davon vollständig unsichtbar sind, ist die „Lochzahl“ im Kosmos wohl noch länger eine offene Vermessungsaufgabe. Omega Centauri liefert dabei immerhin einen realen Ankerpunkt: Die Lücke zwischen stellaren und supermassereichen Schwarzen Löchern schrumpft – und gleichzeitig wird sichtbar, wie komplex der Weg dorthin sein kann.


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