SACHSEN-ANHALT / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) beziffert, dass in Ostdeutschland ohne Zuwanderung 191.000 qualifizierte sozialversicherungspflichtige Jobs fehlen würden. Die Studie sieht besonders hohe Abhängigkeit in Engpassberufen wie Gesundheit und Dienstleistung. Zudem nennt das IW Detailwerte wie 25 Prozent ausländische Ärztinnen und Ärzte in Ostdeutschland ohne deutschen Pass sowie ebenfalls 25 Prozent bei Berufskraftfahrern. Gleichzeitig bleibt der demografische Rückgang bis 2035 deutlich, wenn Migration nicht konstant geglückt.

Der ostdeutsche Arbeitsmarkt steht laut einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vor einem strukturellen Problem: Nicht nur die Zahl der Bewerber nimmt ab, auch die Versorgung mit qualifizierten Kräften gerät ohne Zuwanderung spürbar ins Stocken. In den ostdeutschen Flächenländern läge die Zahl der qualifizierten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten demnach ohne Arbeitskräfte aus der Europäischen Union und aus Drittstaaten um 191.000 niedriger. Das entspricht 5,3 Prozent der qualifizierten Belegschaften im Jahr 2026. Damit wird der Fachkräftemangel von einem abstrakten Risiko zu einem konkreten Engpass, der sich in Personalplanung, Projektlaufzeiten und Servicequalität direkt auswirkt.
Technisch lässt sich das auf der Ebene von Arbeitsmarkt-„Kapazitäten“ übersetzen: Unternehmen können offene Stellen nur dann nachhaltig besetzen, wenn die Matching-Mechanismen zwischen Qualifikationsprofilen und verfügbaren Arbeitskräften funktionieren. Genau dort wirken Zuwanderung und Engpassberufe als Beschleuniger. Das IW ordnet insgesamt 160.000 Personen aus dem Ausland den sogenannten Engpassberufen zu, in denen ein ausgeprägter Personalmangel herrscht. Besonders sichtbar ist die Abhängigkeit im Gesundheitswesen sowie im Dienstleistungssektor, wo Schichtbetrieb, lokale Ausbildungszeiten und begrenzte Verfügbarkeit von Spezialqualifikationen kurzfristig kaum durch „inneren Umbau“ kompensiert werden können.
Auch bei den einzelnen Berufsgruppen werden die Unterschiede greifbar. Das IW nennt, dass inzwischen 25 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in Ostdeutschland nicht über einen deutschen Pass verfügen. Bei den Berufskraftfahrern liegt der Anteil ausländischer Beschäftigter laut den Angaben ebenfalls bei 25 Prozent. In der Küche sieht das Bild ähnlich aus: Dort wird jeder fünfte Arbeitsplatz durch internationale Kräfte besetzt. Diese Werte zeigen weniger „Einzelfälle“ als vielmehr eine systematische Rolle internationaler Arbeitskräfte in Bereichen, in denen Nachfrage und Arbeitsangebot nicht nur regional, sondern auch zeitlich auseinanderlaufen.
Trotz dieser Zuwanderungsgewinne bleibt der demografische Druck bestehen. Die Studie weist darauf hin, dass die Gesamtbeschäftigung zuletzt in Ländern wie Sachsen-Anhalt und Thüringen dennoch sank, und zwar um 6.448 beziehungsweise 12.207 Personen. Seit 2019 beobachtet das IW zudem einen Rückgang deutscher Fachkräfte, während die Zuwanderung aus EU-Staaten parallel abnimmt. Für die Personalverantwortlichen bedeutet das: Selbst wenn einzelne Rekrutierungsprogramme kurzfristig Wirkung zeigen, kann der langfristige „Nachschub“ durch demografische Effekte schwinden. Besonders riskant wird das, wenn die Fachkräftegewinnung nicht nur auf das aktive Recruiting setzt, sondern auch die Bindung im Betrieb, etwa über Weiterbildung, Prozessqualität und planbare Laufbahnen, konsequent adressiert.
Die langfristige Projektion des IW unterstreicht die Größenordnung des Problems. Ohne kontinuierliche Migration soll die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter (15 bis 66 Jahre) in den ostdeutschen Flächenländern bis 2035 voraussichtlich um 13 Prozent auf 6,78 Millionen sinken. Bis 2045 befürchten die Forscher einen Rückgang von über 20 Prozent. Ein Blick auf die regionale Wirtschaft verdeutlicht, warum das in der Praxis besonders „teuer“ wird: Sachsen-Anhalt wies 2024 mit 36.517 Euro das niedrigste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf unter allen Bundesländern auf. Daten der IHK Sachsen-Anhalt zufolge kamen zwar zwischen 2021 und 2025 33.000 ausländische Beschäftigte hinzu, zugleich schieden aber im selben Zeitraum 35.000 deutsche Erwerbstätige aus dem Arbeitsmarkt aus. Im Juni 2025 waren insgesamt 68.420 ausländische Arbeitnehmer im Land beschäftigt – das ist ein wichtiges, aber nicht vollständig kompensierendes Gegengewicht.
Für die betriebliche Planung wird zudem relevant, wie stark politische Rahmenbedingungen den Arbeitskräftezustrom beeinflussen können. Im Vorfeld der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt warnen Wirtschaftsforscher laut den Angaben vor den Folgen migrationsfeindlicher Politik. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) berechnete, dass eine solche Ausrichtung bis 2031 dazu führen könnte, dass 46.000 Beschäftigte fehlen – gegenüber 32.000 fehlenden Kräften unter den aktuellen politischen Rahmenbedingungen. Das entspräche einem Verlust an Wertschöpfung von bis zu 3,2 Milliarden Euro. Als historische Vergleichspunkte werden in diesem Zusammenhang Erfahrungen wie der Brexit oder politische Richtungswechsel erwähnt, bei denen die Zuwanderung nach Umbrüchen um 32 bis 65 Prozent zurückging; medizinische Versorgung wird dabei als besonders kritisch bewertet, weil bereits heute jeder fünfte Arzt in Sachsen-Anhalt Ausländer ist. Für Unternehmen ergibt sich daraus vor allem eine Schlussfolgerung: Fachkräftesicherung ist nicht nur HR-Thema, sondern auch Standort- und Investitionsfrage, weil Personalengpässe Investitions- und Wachstumspläne direkt begrenzen.
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