LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – G42 aus Abu Dhabi prüft laut Berichten, einen Mehrheitsanteil an US-Investoren zu verkaufen, um den dauerhaften Zugang zu NVIDIA-Chips zu sichern. Der Hintergrund ist eine zeitlich befristete Freigabe des US Commerce Department, die ohne neue Entscheidung bis zum 6. April 2027 ausläuft. Gleichzeitig entstehen in den Vereinigten Arabischen Emiraten Projekte wie ein 1-Gigawatt-Cluster für KI-Compute, das auf Planungssicherheit angewiesen ist. Unklar bleibt, ob G42 die Konzernstruktur wirklich so umbauen kann, dass Washington die Hardware dauerhaft als „genehmigte“ Beschaffung behandelt.

Für G42, den KI-Infrastruktur-Akteur aus Abu Dhabi, ist der nächste Schritt weniger eine Unternehmensentscheidung als eine Frage der Geopolitik. In den USA werden KI-Chips zunehmend nicht nur wie Ware behandelt, sondern wie ein Sicherheitshebel: Wer sie liefern darf, entscheidet letztlich über die Spielregeln. Genau deshalb soll der geplante Verkauf eines Mehrheitsanteils an US-Investoren, der zuletzt in den Medien diskutiert wurde, vor allem eines erreichen: NVIDIA-Hardware so lange und so planbar wie möglich in den Vereinigten Arabischen Emiraten verfügbar zu halten. Noch ist nichts unterschrieben, aber die Richtung ist klar, weil der Zeitdruck bereits läuft.
Der Auslöser liegt in einer konkreten Exportkontroll-Logik. Das US Commerce Department hat über die Bureau of Industry and Security (BIS) die Vereinigten Arabischen Emirate in eine „Country Group A: 5“ eingeordnet, die nach US-Regeln für bestimmte kontrollierte Güter einen breiteren Zugang zu Lizenzen ermöglichen kann. In derselben Regel wurden G42 und Core42 als genehmigte Endnutzer für „advanced computing items“ genannt. Der entscheidende Haken: Ohne eine weitere BIS-Mitteilung läuft diese Genehmigungswirkung laut Angaben am 6. April 2027 aus. Das bedeutet praktisch, dass selbst ein operativ funktionierender Chipbezug jederzeit wieder auf eine neue Genehmigungsrunde oder strengere Bedingungen trifft.
Damit wird aus „Versorgung“ sehr schnell „Betriebsmodell“. Reuters hatte zuvor berichtet, dass das Commerce Department Exportfreigaben im Gegenwert von bis zu 35.000 NVIDIA Blackwell-Chips für G42 in den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie Humain in Saudi-Arabien erteilte, jeweils mit Sicherheits- und Reporting-Auflagen. Solche Mengen reichen aus, um regional ernsthafte KI-Infrastruktur aufzubauen, aber sie eliminieren nicht das strukturelle Risiko: Wenn ein Unternehmen alle paar Monate neu darauf angewiesen ist, dass Washington die Freigabe fortschreibt, bleibt die Roadmap verwundbar. Gerade bei KI-Clusters ist der Planungszyklus lang, weil Hardwarebeschaffung, Rechenzentrumsbetrieb, Netzwerkinfrastruktur und Stromverträge nicht „auf Zuruf“ skalieren.
Für G42 kommt erschwerend hinzu, dass die US-Seite den Fall bereits früher mitpolitisch verknüpft hat. Im April 2024 wurde eine Investition von Microsoft in G42 angekündigt, und US-nahe Governance-Elemente wurden öffentlich diskutiert; gleichzeitig wurde in Berichten auch ein geopolitischer Preis beschrieben, etwa dass sich G42 stärker von chinesischer Technologie entfernen müsse, nachdem die Beziehungen zu dortigen Anbietern über Jahre unter genauer Beobachtung standen. Diese Kontrolle war laut mehreren Berichten nicht nur allgemein, sondern konkret an potenzielle Verbindungen zu Unternehmen wie Huawei, BGI, Tencent und weiteren Akteuren geknüpft. G42 widerspricht und beschreibt, man richte sich seit 2022 nach US-Partnern aus; zugleich zeigen solche Debatten, wie empfindlich die Exportfreigaben gegenüber der Eigentümer- und Lieferkette sind.
Im Zentrum der politischen Sensibilität steht dabei eine Person und damit indirekt ein Risiko für die Unternehmensstruktur: G42 wird von Sheikh Tahnoon bin Zayed Al Nahyan, dem nationalen Sicherheitsberater der Vereinigten Arabischen Emirate, mitgeleitet. Wenn die Hardwareversorgung an die Exportkontrolle gekoppelt ist, wirkt eine solche Nähe in beiden Richtungen. Einerseits soll die Relevanz für Abu Dhabis Strategie sichtbar werden, Ölvermögen in Compute- und Datenzentrums-Kapazitäten zu übersetzen; andererseits bleibt die Frage offen, wie Washington die Beteiligung und die Governance bewertet, wenn es um die Frage geht, ob es sich um einen „gewöhnlichen“ ausländischen Käufer handelt oder um ein Unternehmen, das in den US-Orbit eingebunden ist. Genau hier setzt das Argument für eine US-Mehrheit an: Eine Mehrheitsbeteiligung kann die Genehmigungslogik vereinfachen, weil sie die Einfluss- und Compliance-Frage anders positioniert.
Diese Abhängigkeit wird besonders deutlich, sobald man die geplanten Projekte betrachtet. OpenAI hatte im Mai 2025 über „Stargate UAE“ einen 1-Gigawatt-Compute-Cluster in Abu Dhabi beschrieben, mit einem Start von anfänglich 200 Megawatts im Jahr 2026. Parallel hatte G42 ein breiteres „UAE-US AI Campus“-Vorhaben skizziert, das insgesamt über 5 Gigawatts umfassen soll und OpenAI, Oracle, NVIDIA, Cisco und SoftBank einschließt; G42 soll dabei den Cluster aufbauen, während OpenAI und Oracle den Betrieb übernehmen. Solche Projekte lassen sich nicht wie ein Software-Feature „nachschieben“, weil Chipverfügbarkeit, Stromkapazität, Netzwerkplanung und Sicherheitsfreigaben zusammenkommen müssen. Wenn die Chipfreigabe aber zeitlich befristet ist, verschiebt sich die Realität: Dann wird Eigentum zur Genehmigungsbeschaffung.
Dass der politische Prüfmechanismus nicht nur theoretisch ist, zeigt auch der Blick nach Washington. In den USA fragen Abgeordnete und Senatoren nach, wie die Chipgenehmigungen mit Interessen und Netzwerken in den Golfstaaten zusammenhängen. In diesem Kontext wurde unter anderem das Thema einer möglichen Verknüpfung von Sheikh Tahnoon mit Aktivitäten im Umfeld von „World Liberty Financial“ genannt; G42 hat solche Vorwürfe zurückgewiesen. Unabhängig davon, ob man jede einzelne politische Anschuldigung übernimmt, bleibt der Kern für G42 unbequem: Je sensibler die Hardware wird, desto stärker rücken Eigentumsverhältnisse, Compliance-Mechanismen und die Frage nach den „richtigen“ Partnern in den Vordergrund. Das erklärt auch, warum eine diskutierte mehrstufige Finanzierung und die Frage der US-Eigentümerstruktur zusammen gedacht werden: Kapital allein löst das Exportproblem nicht, „US-Cover“ aber kann die Genehmigungswahrscheinlichkeit beeinflussen.
Für G42 ist die Lage damit zweigeteilt. Ein Verkauf einer US-Mehrheitsbeteiligung könnte dazu beitragen, dass BIS-Entscheidungen künftig stabiler und weniger anwendbar an kurzfristige Konstellationen wirken; gleichzeitig bedeutet eine solche Strukturänderung, dass das Unternehmen einen Teil der Kontrolle übergeben muss, die für die Umsetzung seiner langfristigen KI-Ambitionen in Abu Dhabi zentral ist. Berichte betonen zudem, dass keine endgültige Verkaufsstruktur angekündigt wurde und G42 die Details nicht öffentlich bestätigt hat. Klar bleibt aber: Wer dauerhaft an die Chips anknüpfen will, die im KI-Wettlauf den Unterschied machen, muss damit rechnen, dass Washington nicht nur die Lieferkette prüft, sondern auch, wer die Mehrheit hält und welche politischen Risiken sich daraus ableiten lassen.
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