PENTAGON / LONDON (IT BOLTWISE) – Die US Air Force beschleunigt die Planung für einen günstigeren, stärker „verzeihenden“ Nachfolger für den MQ-9 Reaper. Hintergrund sind Verluste im Einsatz gegen Ziele rund um den Iran, die den Bedarf an zusätzlicher Stückzahl zeitlich nach vorn ziehen. Lt. Gen. Christopher Niemi kündigte an, dass das Nachfolgeprogramm bereits diskutiert werde, obwohl noch viele MQ-9A verfügbar sind. Parallel wird MMA als Massed Modular Aircraft gegen Collaborative Combat Aircraft (CCA) preislich und konzeptionell gegeneinander gestellt.

Die US Air Force rückt bei der Nachbeschaffung des MQ-9 Reaper spürbar schneller voran. Am 3. September beschrieb der zuständige Modernisierungschef Lt. Gen. Christopher Niemi im Umfeld des Pentagon, dass die Einheit zwar noch über viele MQ-9A verfügt, der Service die Flugzeuge jedoch in einer Rate „durchgeht“, die ihn beunruhigt. Der entscheidende Punkt ist damit weniger ein technisches Problem am Luftfahrzeug als vielmehr die operativ erzwungene Tempoerhöhung: Wenn ein System trotz Einsatzreife im größeren Umfang verlorengeht, verschiebt sich die Beschaffungslogik von „sinnvoller Lebensdauer“ zu „zeitkritischem Backfill“.
Die Beschleunigung wird auch in den konkreten Planungsannahmen sichtbar. Laut Berichten über das Budgetvorgehen und die Vorgaben an das Programm könnte der fiskalische Zielzustand von 20 einsatzbereiten Maschinen bis 2031 um rund zwei Jahre vorgezogen werden. Gleichzeitig bleibt die Lage beim aktuellen Bestand angespannt: Im Mai hatte Lt. Gen. David Tabor dem zuständigen Unterausschuss im Rahmen einer Anhörung in etwa 135 vorhandene Systeme genannt, also deutlich unter einer genannten Untergrenze von 189. Niemi aktualisierte die Bestandszahl am 3. September nicht, doch die Botschaft bleibt klar: Die Lücke soll durch einen preisgünstigeren Flugzeugtyp geschlossen werden, nicht durch einen bloßen Austausch innerhalb der bestehenden Produktion.
Technisch und industriepolitisch ist das Umfeld dafür anspruchsvoll. General Atomics habe die Produktion des MQ-9A im Jahr 2025 eingestellt; dadurch wird jede Nachbeschaffung mit langen Lieferketten und begrenzter Verfügbarkeit verknüpft. Für die Übergangszeit verfolgt die Air Force zwar offenbar den kurzfristigen Zukauf vorhandener MQ-9A-Luftfahrgestelle im Jahr 2026, doch Niemi machte deutlich, dass ein großer Schub an „upgegradeten“ Systemen (MQ-9B SkyGuardian) aufgrund von Budgetrestriktionen unrealistisch sei. In diesem Kontext wird auch nachvollziehbar, warum der neue Ansatz auf einen modularen, günstigen Entwurf setzt: Nicht jedes einzelne Flugzeug muss denselben „Wert pro Verlustereignis“ haben, wenn Einsätze zunehmend wie ein Verzehrmuster wirken.
Als zentraler Kandidat gilt dabei das Programm Massed Modular Aircraft, kurz MMA. Die Defence Innovation Unit hatte die MMA-Wettbewerbsrunde als Ausschreibung am 7. Juli gestartet, die Solicitations liefen bis zum 23. Juli. Ziel war ein Drohnendesign, das Reaper-ähnliche Missionen abdecken kann – also Strike, Intelligence/Surveillance/Reconnaissance, elektronische Kampfführung sowie als Kommunikations-Relay – und zwar so günstig, dass es Verluste „absorbieren“ kann. Die Anforderungen nennen dafür mindestens 2.800 pounds Nutzlast und eine einseitige Fähigkeitsreichweite von 8.000 Nautical Miles; außerdem ist die Kombination aus Reichweite und hoher Nutzlast für die spätere Nutzwertrechnung entscheidend, weil sie den Sensor- und Missionsballast beeinflusst.
Interessant wird das Kostenbild, sobald man MMA mit CCA (Collaborative Combat Aircraft) in Beziehung setzt. Niemi erklärte am 3. September, dass MMA preislich gegen CCA „eingepreist“ werde: Für CCA wurden Air-Vehicles in Richtung 20 Millionen US-Dollar genannt, für MMA etwa in der Hälfte. Gleichzeitig warnte ein Sprecher darauf, dass diese Zahlen nur das Luftfahrzeug betreffen und nicht die komplette missionierte Ausrüstung. Die Verhältnisse werden damit zu einer Systemkosten-Debatte: Ein Flugzeug „unter“ 20 Millionen ist nicht automatisch ein preiswerteres Gesamtsystem, wenn Sensorpakete, Kommunikation und Missionsintegration weitere Budgetanteile binden. Niemi verwies außerdem darauf, dass ein Reaper mit vollem Sensorpaket bis zu 50 Millionen US-Dollar kosten könne – und genau daran wird der Zieldruck für MMA deutlich.
Niemi argumentierte zudem gegen das klassische Denken „Reaper gleich Flugzeugzelle“. Seiner Darstellung nach liege die besondere Wirkung des MQ-9 nicht im reinen Luftfahrgestell, sondern in der Einsatzfähigkeit über Geschwindigkeit, Flughöhe und Reichweite – und diese Kernparameter seien auf Jahrzehnte alten technologischen Grundlagen aufgesetzt. Für frühe MMA-Versionen sollen deshalb offenbar bewährte Bauteile genutzt werden, um das Preisziel realistisch zu erreichen. In diesem Zusammenhang nannte Niemi eine „Long-aspect-wing“-Turboprop-Klasse „im 4.000 miles-Typbereich“: weiter und schwerer als CCA, jedoch langsamer. Wie genau diese Klasse die im Juli geforderte 8.000-nautische-Meilen-Fährzeit abbildet, wurde am 3. September nicht sauber aufgelöst, was zeigt, wie eng Aerodynamik, Antriebslegung und Missionsballast im Pflichtenheft zusammenspielen.
Was Design-Varianten angeht, meldet General Atomics ein Konzept an, das intern als Wildfire beschrieben wird. Medienberichte und Aussagen eines Sprechers verwiesen darauf, dass Wildfire „alle Wünsche“ auf der MMA-Liste erfülle und viele Anforderungen sogar übertreffe; konkrete Leistungsdaten oder Kosten wollte das Unternehmen jedoch nicht offenlegen, und veröffentlichte Bilder gebe es bislang nicht. Der zusätzliche Kontext: Der Sprecher ordnete Wildfire nicht als direkten „Reaper-Ersatz“ ein, sondern als Backfill-Option, die auch dann relevant bleibt, wenn nicht jeder Wettbewerbsstrang gewonnen wird. Aus dem selben Argumentationsmuster ergibt sich die operative Erwartung: Teile oder Varianten sollen früher lieferbar sein, um die durch Verluste entstandene Lücke nicht erst beim Rollout eines späteren Programms zu schließen.
Für die konkrete Umsetzung verschiebt sich damit vor allem der Zeitplan der Programmierung. Für die MMA-Konzepterweiterung und Auswahl von Verfeinerungsstufen rechneten Verantwortliche mit Auszeichnungen im ersten Quartal des Haushaltsjahres 2027. Wichtig ist zudem, dass der 3. September keine neue Datumsansage für die Endauswahl lieferte, sondern die Beschleunigung vor allem als „Preis- und Beschaffungslogik“ sichtbar machte. Aus Sicht von Beschaffung und Systemarchitektur bedeutet das: Die Air Force versucht, einen schnell skalierbaren Drohnenpfad zu etablieren, bei dem Nutzlast, Reichweite und Missionsfähigkeit zwar anspruchsvoll bleiben, die Kostenstruktur aber stärker auf Serienproduktion, Modularität und Ersatzfähigkeit ausgelegt wird – genau dort, wo die MQ-9-Ökonomie aktuell unter Druck gerät.
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