PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie aus der Psychologie zeigt eine klare Doppelmoral bei KI-Assistenz in der Kommunikation: Viele erwarten, dass andere KI-Tools häufiger nutzen als sie selbst. Gleichzeitig bewerten Teilnehmende offen ausgewiesene KI-Nutzung im Schnitt als deutlich akzeptabler als verdeckte Anwendung. In zwei Online-Studien mit insgesamt über 1.200 Erwachsenen bleibt der Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung besonders stark. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich Akzeptanz mit zunehmender Vertrautheit weiter verschieben kann.

Wer in Chatgruppen oder im Kundensupport schon einmal einen Text „nochmal mit KI verbessern“ ließ, kennt das Gefühl: Im eigenen Kopf klingt es wie ein pragmatischer Arbeitsschritt, während es im Gegenüber schnell nach Täuschung wirken kann. Genau diese Spannung greift die Studie People have different expectations for their own versus others’ use of AI-mediated communication tools auf, die in der British Journal of Psychology veröffentlicht wurde. Untersucht wurde dabei nicht nur, wie Menschen die Nutzung Künstlicher Intelligenz in Kommunikation bewerten, sondern auch, welche sozialen Regeln sie anderen eigentlich „zutrauen“ – und wie stark diese Erwartung von der eigenen Nutzung abweicht.
Im Kern geht es um KI-vermittelte Kommunikation: Technologien, die Teile einer Nachricht verändern oder generieren können. Das umfasst Schreibassistenten, Tools, die die Stimme akustisch glätten, sowie Videofunktionen, die das Aussehen beziehungsweise Mimik so anpassen, dass eine andere Darstellung entsteht. Solche Systeme können Kommunikation beschleunigen und „polieren“, werfen aber die Frage nach Authentizität auf: Ist das, was andere sehen oder hören, wirklich die spontane Persönlichkeit – oder das Ergebnis einer aufbereiteten Version? Die Forschenden wollten deshalb die sozialen Maßstäbe verstehen, die Menschen anlegen, wenn sie akzeptable von nicht akzeptabler Nutzung trennen.
Die beiden Online-Studien wurden von Zoe A. Purcell (Université Paris Cité) und Kolleginnen und Kollegen geleitet und in zwei Ländern durchgeführt. Studie 1 bezog 477 Teilnehmende aus dem Vereinigten Königreich ein (mittleres Alter 48,48 Jahre), Studie 2 arbeitete mit 765 Erwachsenen aus den USA (mittleres Alter 45,47 Jahre). Präsentiert wurden Beispiele für KI-Nutzung in Text, Audio und Video. In Studie 1 beurteilten die Teilnehmenden sowohl offen ausgewiesene als auch verdeckte KI-Nutzung auf einer fünfstufigen Skala und gingen zusätzlich der Frage nach, wie wahrscheinlich sie selbst und wie wahrscheinlich andere die Tools nutzen würden. Studie 2 nutzte ein preregistriertes Design mit Bedingungen, in denen Akzeptanz und Nutzungswahrscheinlichkeit jeweils auf einer Skala von 0 bis 100 bewertet wurden.
Die Ergebnisse zeichnen dabei ein zweigeteiltes Bild. In Studie 1 bewerteten die Teilnehmenden offen kommunizierte KI-Nutzung im Schnitt als deutlich akzeptabler als verdeckte: Mit durchschnittlich 3,41 von 5 Punkten gegenüber 2,72 für die geheime Variante. Noch auffälliger war die Erwartungshaltung: Die Teilnehmenden hielten es für wahrscheinlicher, dass andere solche KI-Tools einsetzen, als dass sie selbst das tun. Dabei lagen die mittleren Wahrscheinlichkeitsschätzungen bei 3,73 für andere gegenüber 2,80 für die eigene Nutzung. Dieses Muster wirkt wie eine soziale Doppelführung im Alltag: Selbst gilt als „legitime Verbesserung“, Fremdeinsatz hingegen wird stärker unter einem Authentizitätsverdacht gesehen.
Studie 2 brachte mehr Differenzierung, vor allem was den Einfluss von Transparenz angeht. Wenn offene und verdeckte Nutzung nicht direkt nebeneinander gezeigt wurden, fiel der Unterschied in der Akzeptanz klein aus und war statistisch nicht signifikant: 56,87 von 100 für offene KI-Nutzung gegenüber 53,62 für verdeckte. Auch die Transparenz änderte hier offenbar die Erwartung darüber, ob andere die Tools verwenden. Die zentrale Selbst-gegen-andere-Lücke blieb jedoch klar bestehen: Die Teilnehmenden schätzten die Nutzungswahrscheinlichkeit bei anderen auf 71,41, während sie für sich selbst nur 40,44 erwarteten. Zusätzlich zeigte sich ein weiterer sozialpsychologischer Effekt: KI-Nutzung wurde etwas akzeptabler beurteilt, wenn andere Personen im Fokus standen, und der Zusammenhang zwischen Akzeptanz und erwarteten Handlungen war bei der Betrachtung der eigenen Nutzung enger als bei der Bewertung anderer.
Ein techniknaher Blick auf die Implikationen hilft, die Studie einzuordnen. Die Forschung legt nahe, dass Akzeptanz nicht nur an der sichtbaren Kennzeichnung hängt, sondern auch an mentalen Modellen darüber, wie „normales“ Verhalten in der Gruppe aussieht. Je vertrauter die Teilnehmenden mit KI waren, desto höher fiel die Akzeptanz aus und desto höher auch die Erwartungen an die Nutzung. Umgekehrt sanken die Bewertungen bei Personen, die davon ausgingen, KI-vermittelte Kommunikation führe zu Informationsverlust oder lasse etwas Negatives über den Charakter der Nutzenden erkennen. Die Autoren leiten daraus ab, dass Bedenken tendenziell abnehmen könnten, sobald die Tools alltäglicher werden und sich eine Routine im Umgang etabliert.
Gleichzeitig nennen die Forschenden Limitationen, die man für jede Folgeanwendung ernst nehmen muss. Der Begriff „others“ war bewusst breit gewählt und spezifizierte nicht, ob die Teilnehmenden an Freunde, Kolleginnen und Kollegen, Fremde oder Familienmitglieder dachten. Außerdem wurden die Daten in den Jahren 2021 und 2022 erhoben, also vor der breiteren Verfügbarkeit vieler aktueller KI-Kommunikationswerkzeuge. Für Unternehmen und Produktteams heißt das: Bei der Frage, wie KI in Messaging-, Video- oder VoIP-Produkte integriert und gekennzeichnet wird, reicht es möglicherweise nicht, nur Transparenzschalter einzubauen. Ebenso wichtig dürfte sein, wie Nutzerinnen und Nutzer den sozialen Kontext interpretieren, in dem die KI eingesetzt wird – denn genau dort entsteht die Doppelmoral zwischen Selbstbild und Fremderwartung.
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