KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft spüren in Deutschland bereits viele Unternehmen Auswirkungen hybrider Bedrohungen. Dabei geht es nicht nur um Cyberangriffe, sondern auch um Desinformation, Spionage und Sabotage. Besonders betroffen sind Betriebe mit mehr als 250 Beschäftigten sowie der Bereich Information und Kommunikation. Siemens-Manager Christian Bruch fordert angesichts steigender Bedrohungslage einen zivilen Operationsplan für Krisenfälle bis hin zu kritischer Strom-, Wasser- und Lebensmittelversorgung.

Die Warnung zielt weniger auf einzelne Hackerangriffe als auf ein Muster, das sich in vielen Branchen zugleich bemerkbar macht: hybride Bedrohungen. Gemeint ist eine Kombination aus militärischen, wirtschaftlichen, geheimdienstlichen und propagandistischen Mitteln. In der Praxis kann das bedeuten, dass IT-Teams gleichzeitig mit technischen Einbrüchen, manipulativen Kampagnen in sozialen Medien und Störmaßnahmen im Betrieb konfrontiert werden. Laut einer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) durchgeführten Befragung spürt in Deutschland jedes fünfte Unternehmen solche Auswirkungen nach eigenen Angaben.
Aus technischer Sicht ist diese Vermischung aus Cyber- und Einflussoperationen deshalb so anspruchsvoll, weil sie die üblichen Sicherheitsgrenzen verwischt. Ein klassisches Incident-Handling ist auf Indikatoren im Netzwerk oder auf verdächtige Logdaten optimiert, während Desinformationskampagnen andere Signale liefern – etwa sprunghafte Themen- und Bot-Aktivitäten, geändertes Kommunikationsverhalten oder koordinierte Auffälligkeiten in der öffentlichen Wahrnehmung. Damit steigt der Bedarf an einer Abwehrfähigkeit, die nicht nur auf IT-Schutzmaßnahmen wie Härtung, Monitoring und Patch-Management setzt, sondern auch operative Resilienz im Unternehmen absichert. Das IW beschreibt dabei eine Lücke zwischen erhöhten Investitionen in die IT-Sicherheit und dem Zustand der übrigen Schutz- und Notfallkomponenten.
Die Umfrage basiert auf Antworten von 1.041 Unternehmen. Besonders deutlich zeigt sich der Effekt bei Organisationen mit mehr als 250 Beschäftigten: Je größer die Belegschaft, desto eher berichten sie von spürbaren Folgen hybrider Angriffe. Nach Branchen betrachtet ragen Information und Kommunikation als Risikobereich heraus; danach folgen Energie- und Wasserversorgung sowie die Entsorgung. Genau diese Reihenfolge ist für Entscheider wichtig, weil sie die Abhängigkeit vieler Gesellschaftsbereiche von durchgängigen Betriebsabläufen und belastbarer Infrastruktur widerspiegelt. Wenn Betreiber in kritischen Segmenten auf Ereignisse nicht vorbereitet sind, wirken Ausfälle nicht isoliert, sondern können Kettenreaktionen auslösen.
Siemens-Energy-Chef Christian Bruch konkretisiert das Risiko in Zeitdimensionen: Er sieht die Bedrohungslage in den vergangenen 12 bis 18 Monaten deutlich zugenommen. Seine Stoßrichtung geht über reine IT-Themen hinaus. Er fordert einen zivilen Operationsplan, der Unternehmen im Krisenfall handlungsfähig macht – mit dem Ziel, Strom- oder Wasserinfrastruktur sowie die Versorgung mit Lebensmitteln zu schützen. Damit verlagert sich die Diskussion in Richtung koordinierter Einsatzfähigkeit, also in Bereiche, in denen der Werkschutz, die Einbindung von Sicherheitsbehörden und die Abstimmung zwischen Technik- und Managementebene zusammenkommen müssen.
Die Wirtschaftsforscher des IW leiten aus den Befunden ab, dass es eine neue Abwehrbereitschaft braucht. Zwar hätten viele Firmen ihre Investitionen in die IT-Sicherheit und in die digitale Infrastruktur erhöht, doch nur ein kleiner Teil habe seiner Energieversorgung mehr Schutz gegeben oder Notfallpläne für den Ausfall kritischer Infrastruktur angelegt. Zusätzlich kritisiert das IW fehlenden Austausch mit Sicherheitsbehörden und vielfach einen nicht wirksamen Werkschutz. Auch organisatorische Faktoren zählen: Regelungen seien uneinheitlich, Abstimmungswege wirken in Teilen diffus. Ergänzend wird erwähnt, dass ein im März in Kraft getretenes Kritis-Dachgesetz hinter den Anforderungen zurückbleibe, was aus Sicht des IW vor allem die Vorbereitung im Ernstfall betrifft.
Für Unternehmen bedeutet das vor allem eine strategische Neuordnung von Resilienz, nicht nur eine Erweiterung von Security-Tools. Wenn Angriffe hybride Formen annehmen, müssen Unternehmen IT- und OT-Schutz (also Technologie für Betriebsumgebungen) stärker mit Schutzlogiken für Kommunikation, Physical Security und Krisenführung verzahnen. Entscheidend ist zudem, ob es belastbare Notfallpläne gibt, die realistisch geprobt werden und Zuständigkeiten im Ereignisfall klar definieren. Das IW betont, dass mangelnde Vorbereitung eine destabilisierende Wirkung auf die Funktionsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft haben kann; parallel würden Angriffe erhebliche Kosten verursachen, Unsicherheit erhöhen und zu Produktionsausfällen führen. Damit verschiebt sich der Fokus in vielen Organisationen von der Frage „Wie detektieren wir?“ hin zu „Wie bleiben wir in einem hybriden Szenario handlungsfähig?“
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