TOKYO / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Geophysiker Katsutada Kaminuma berichtet, wie er nach seiner frühen Beschäftigung mit Raumfahrtgedanken statt dessen die Antarktis zum Lebensprojekt machte. Er war ab der 8. japanischen Forschungsexpedition 1966 mehr als ein Dutzend Mal vor Ort und arbeitete insbesondere an der Syowa-Station. Laut seinen Aussagen verschob er mit Messungen zur seismischen Aktivität eines zentralen Lehrbuchirrtums. Gleichzeitig ordnet er ein, warum die Station bis heute für Klima-Beobachtungen und geopolitische Stabilität eine Schlüsselrolle spielt.

Katsutada Kaminuma erzählt nicht von einem nahtlosen Karrierepfad, sondern von einer Entscheidung, die sich erst im Rückblick als Konsequenz der eigenen Fähigkeiten lesen lässt. Der 89-jährige Geophysiker und emeritierte Professor am National Institute of Polar Research (NIPR) hätte nach seinen Schilderungen durchaus auch in Richtung Raumfahrt denken können. Doch die praktische Erfahrung, wie sich sein Körper bei schnellen Rotationsbewegungen verhält, hat ihm früh Grenzen aufgezeigt. So wanderte sein Fokus von astronomischen und meteorologischen Interessen Schritt für Schritt Richtung Erkundung dessen, was „unter“ der Oberfläche liegt: Er wollte verstehen, was im Erdinneren passiert – und damit auch, wie Erdbeben entstehen. Diese innere Logik führte ihn 1966 in die Antarktis, als er für Japans 8. Forschungsexpedition in die Region rekrutiert wurde.
Besonders greifbar wird der technische Kern seiner Arbeit, wenn man den historischen Kontext der frühen Messplanung betrachtet. In den Jahren ab etwa 1965 bauten die USA das World-Wide Standard Seismograph Network auf, um weltweit Signale zu erfassen, die auf unterirdische nukleare Tests hindeuten sollten. Syowa Station wurde nach einer vorübergehenden Schließung 1962 wiedereröffnet, und Japan sollte neben kurzperiodischen Messgeräten auch ein Langperioden-Seismometer installieren. Kaminuma wurde für diese Aufgabe ausgewählt, weil er sich im Rahmen seiner Doktorarbeit bereits mit Langperioden-Seismographen beschäftigt hatte. Seine offizielle Mission an der Station umfasste dabei nicht nur seismische Beobachtungen, sondern ebenso seismische Aktivität, ozeanische Gezeiten, die geomagnetische Intensität sowie visuelle Beobachtungen der Polarlichter. Gerade diese Mischung erklärt, warum sich Feldarbeit in der Antarktis nicht auf ein einziges Fach beschränken lässt: Wer dort arbeitet, muss Messtechnik, Umwelt und Datenlogistik gleichzeitig im Blick behalten.
Dass die Antarktis-Forschung dabei keine statische Umgebung ist, zeigt Kaminumas Rückblick auf die Entwicklung der Station über mehrere Expeditons-„Epochen“ hinweg. Japan benannte diese Phasen nach den eingesetzten Eisbrechern: Soya, später Fuji und schließlich Shirase. In der Fuji-Phase verbesserten sich die Lebensbedingungen soweit, dass Mitglieder in individuellen Räumen wohnen konnten. Die Shirase-Phase ab 1983 ging noch weiter hin zu einem Alltag auf städtischem Niveau, inklusive verlässlicher Stromversorgung und besserer Kommunikation mit der Familie. Kaminuma beschreibt dagegen seinen frühen Aufenthalt als deutlich härter: kein Gefrierschrank und keine „richtige“ Toilette, begrenztes nutzbares Wasser und nicht tägliches Baden. Gerade solche Details sind mehr als Anekdoten. Sie verdeutlichen, warum Antarktisforschung auch heute noch stark von Wiederholbarkeit, Wartungsfähigkeit und durchdachter Materialplanung abhängt – eine indirekte Voraussetzung dafür, dass seismische Langzeitdaten überhaupt vergleichbar bleiben.
Seine größte fachliche Leistung ordnet er vor allem als Korrektur eines Lehrbuchbildes ein. Zu Beginn der Arbeit an der Antarktiskontinentalforschung behaupteten amerikanische Seismologie-Lehrtexte, dass tektonische Erdbeben auf dem Kontinent nicht vorkämen und dass dort im Wesentlichen nur vulkanische Ereignisse rund um den Mount Erebus zu erwarten seien. Japanische Lehrbücher erwähnten den Kontinent sogar kaum. Kaminuma beschreibt, dass er zahlreiche Diskussionen mit Kollegen geführt hat, darunter auch mit einem britischen Forscher, der zunächst erklärte, die beobachteten Signale seien eher das „Zerreißen“ des Eises als echte tektonische Prozesse. Erst nach rund drei Jahrzehnten setzte sich dem Rückblick zufolge die Erkenntnis durch, dass es niedriggradige tektonische Seismizität über den Kontinent gibt. Für Kaminuma bedeutet das: Der Nachweis tektonischer Erdbeben in der Antarktis war sein zentraler Beitrag – und damit ein Beispiel dafür, wie Messkampagnen und Deutungsmodelle in der Geophysik Jahrzehnte brauchen, bis sie eine neue Normalität schaffen.
Auch seine Einbindung in internationale Projekte macht deutlich, wie stark die Antarktisforschung seit den 1970er-Jahren von geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen indirekt beeinflusst wird. In den 1970er-Jahren wuchs das Interesse an unterirdischen Ressourcen, und auf einer Konferenz 1977 waren Vertreter großer Ölkonzerne vor Ort. Laut Kaminumas Darstellung erklärte NIPR-Direktor Takeshi Nagata ihm, Syowa Station liege in einem Gebiet, das für Öl oder mineralische Ressourcen als wenig aussichtsreich gilt; Japan solle deshalb zeigen, dass man Forschungsergebnisse auch in Regionen liefern könne, die aus Ressourcensicht „reich“ sind – allerdings im wissenschaftlichen Sinn. So nahm Kaminuma an Projekten rund um McMurdo teil, zunächst gemeinsam mit den USA und später auch mit Neuseeland. Für etwa zehn Jahre pendelte er als „seasonal laborer“: im späten Jahr nach Antarktika und im neuen Jahr zurück. Neben Winteraufenthalten nennt er auch Sommerexpeditionen, unter anderem für Meteoriten- und geologische Untersuchungen. In den letzten zehn Jahren seiner aktiven Feldlaufbahn überwachte er zudem Mount Erebus mit Teams aus den USA und Neuseeland und ordnete die Eruptionscharakteristik als vergleichbar mit dem Mount Usu in Hokkaido ein.
Für die strategische Bedeutung der Antarktisforschung nennt Kaminuma drei Funktionen, die sich gut als technischer Bauplan für langfristige Messprogramme lesen lassen. Erstens fungiert Syowa Station als globale Basisstation, die für Netzwerke relevante meteorologische und seismische Daten liefert. Zweitens ist sie ein Ort für Phänomene, die besonders mit der Antarktis verbunden sind, etwa Polarlichter und auch die Erforschung alter Eisschichten. Drittens dient sie als „Inland“-Startpunkt für tiefere Kontinentaluntersuchungen, zum Beispiel für Meteoritenfunde. Besonders betont er dabei den ersten Aspekt: In der öffentlichen Wahrnehmung werden solche Standarddaten oft als weniger „spektakulär“ eingeordnet, obwohl sie für Modellketten und Vorhersagen entscheidend sind. In seine Bilanz fallen außerdem zwei große wissenschaftliche Entdeckungen, an denen Japan beteiligt war: erstens die Meteoritengewinnung – von etwa 20 vor dem Antarktiseinsatz bis hin zu über 17.000 erfassten Meteoriten aus der Region, einschließlich Funden, die aus dem Mond- und Mars-Kontext stammen sollen; zweitens die Entdeckung des Ozonlochs, bei der die routinemäßige atmosphärische Überwachung in Syowa eine Rolle spielte. Die dritte große Entdeckung – subglaziale Seen unter 3.000 Metern Eis – sei dagegen ohne japanische Beteiligung erfolgt. Gerade diese Dreiteilung zeigt, dass Antarktisarbeit nicht nur „eine“ Disziplin bedient, sondern eine Infrastruktur schafft, die unterschiedliche Forschungsstränge zusammenzieht.
Wenn es um Klima und Politik geht, wird die Verbindung zwischen Technik und gesellschaftlichem Nutzen besonders deutlich. Kaminuma verweist auf über 70 Jahre Messungen an der Syowa-Station: Im Mittel seien die Temperaturen nahe der Oberfläche relativ stabil geblieben, während Meteorologen die Pufferwirkung kalter Luft beschreiben. Gleichzeitig steigen laut seinen Aussagen Temperaturen in der oberen Stratosphäre an. Für das Monitoring von Eisschildveränderungen betont er daher die Notwendigkeit kontinuierlicher Beobachtung, weil erst langfristige Datensätze sichtbar machen, wann und wie stark sich die polaren Eisschilde zu verändern beginnen. Hinzu kommt eine völkerrechtliche Grundidee: Der Antarktisvertrag verhindere im Kern, dass Länder dort territoriale Ansprüche durchsetzen. In einem 1991 vereinbarten Protokoll werde zudem die kommerzielle Rohstoffgewinnung für 50 Jahre eingefroren. Kaminuma ordnet das als Modell für friedliche Nutzung und Wissenschaft ein, warnt aber zugleich vor der Dynamik zunehmender Präsenz anderer Staaten in beiden Polregionen. Für ihn folgt daraus eine klare Forderung: Diplomatien und Forschung müssten unter dem Vertrag weiter zusammenspielen – und die Grundlage dafür seien belastbare, „solide“ wissenschaftliche Ergebnisse.
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