BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Pisa-Studie 2025 zeigt für Deutschland die schwächsten Ergebnisse seit Beginn der Erhebungen. In Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften erreichen die getesteten 15-Jährigen niedrigere Kompetenzwerte als noch vor Jahren. Laut Studienleiter Samuel Greiff verschärfen veränderte Lernvoraussetzungen und eine zunehmend heterogene Schülerschaft die Lage. Als zentrale Stellschrauben nennt er frühkindliche Bildung und eine datenbasierte Weiterentwicklung des Unterrichts.

Deutschlands Schülerinnen und Schüler schneiden in der aktuellen Pisa-Studie 2025 so schlecht ab wie nie zuvor. Getestet wurden 15-Jährige in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – und die hier erzielten Werte liegen laut Studienbericht bei den niedrigsten Kompetenzständen seit Beginn der Pisa-Erhebungen. Noch deutlicher wird die Einordnung, wenn man den Vergleich zur ersten Pisa-Welle aus dem Jahr 2000 heranzieht: Damals hatte Deutschland im Anschluss an schwache Werte den sogenannten „Pisa-Schock“ diskutiert und Reformen angestoßen. Die aktuelle Ausgabe macht jedoch deutlich, dass der Abwärtstrend nicht nur ein kurzzeitiger Ausreißer ist, sondern sich über die letzten Jahre verstetigt.
Samuel Greiff, Studienleiter von der Technischen Universität München, ordnet das Ergebnis als historisch niedriges Niveau ein. In seinen Aussagen betont er, dass bereits bei Pisa 2025 besonders niedrige Kompetenzstände sichtbar seien – und dass die Debatte über einen erneuten „Pisa-Schock“ zwar naheliegt, er aber nicht so pauschal bewerten wolle. Greiff führt als Ursachen unter anderem eine veränderte Schülerschaft sowie schwierigere Lernvoraussetzungen an. Seine Vorschläge zielen dabei nicht auf Symbolprogramme, sondern auf konkrete Bildungsbiografie-Stationen: frühkindliche Bildung und eine datengestützte Entwicklung des Unterrichts nennt er als wichtigste Rezepte zur Verbesserung.
Besonders alarmierend wirkt der Blick auf Basiskompetenzen. Für Naturwissenschaften fehlt laut Studie einem Viertel der rund 6.700 getesteten Jugendlichen der grundlegende Zugang – in Lesen und Mathematik gilt dies sogar für ein Drittel der Schülerinnen und Schüler. Gleichzeitig sinkt der Anteil der Jugendlichen mit besonders hohen Kompetenzen: In allen drei getesteten Bereichen liegt er nun bei weniger als zehn Prozent. Greiff beschreibt diese Lage als wachsende Gruppe von Jugendlichen, die mit sehr grundlegenden Anforderungen große Probleme haben. In Punktwerten zeigt sich der Trend ebenfalls: 2025 erreichen die getesteten Jugendlichen im Durchschnitt 486 Punkte in Naturwissenschaften, 465 im Lesen und 464 in Mathematik. 2022 lagen diese Werte noch bei 492, 480 und 475 – der Rückgang ist also nicht nur eine Frage der Rangliste, sondern messbar in der Leistungsbreite.
Obwohl die Punktzahlen sinken, ordnet Greiff Deutschland zugleich als „ungefähr im Durchschnitt“ der teilnehmenden OECD-Länder ein – und verweist darauf, dass andere Staaten ebenfalls negative Entwicklungen zeigen. Dennoch fällt der Rückgang in Deutschland besonders deutlich aus, wie aus der Studie hervorgeht. In 14 OECD-Staaten waren die Ergebnisse klar besser als in Deutschland, darunter Estland, Kanada, die Schweiz und Österreich. Länder wie die Niederlande oder Frankreich lagen dagegen etwa auf demselben Niveau. Damit verschiebt sich die Diskussion von der Frage „Wie weit ist der Abstand?“ hin zu „Warum fällt die eigene Lernkurve stärker ab als die vieler Vergleichsstaaten?“ – denn gerade dieser Selektionspunkt macht den Handlungsdruck für Politik und Schulverwaltung deutlich.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Verteilung von Chancen im Elternhaus. Pisa 2025 bestätigt die Erkenntnis, dass der schulische Erfolg in Deutschland stärker als in anderen Ländern vom sozioökonomischen Status abhängt. Greiff zufolge nimmt diese Kluft seit 2015 wieder zu. Dabei wird die soziale Dynamik besonders konkret, wenn er auf Leistungsmargen in benachteiligten und privilegierten Gruppen verweist: In Deutschland seien nur zwei von 100 sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern leistungsstark, unter sozial Privilegierten seien es 25 von 100. Als wichtige Ursache nennt er zudem nicht nur einzelne Faktoren, sondern eine Kombination aus zurückgebliebenen Prioritäten und veränderten Bedingungen im Schulsystem.
Greiff beschreibt diese Entwicklung auch mit einem zeitlichen Mechanismus: Nach Pisa 2000 habe es Verbesserungen gegeben, weil „Reformkräfte freigesetzt“ worden seien. Seit etwa zehn Jahren beobachtet er jedoch einen „Knick“ – plausibel, weil der Eindruck entstand, man stehe jetzt gut da und die große Aufholjagd sei geschafft. Parallel sei die Schülerschaft heterogener geworden: Nicht allein durch Zuwanderung, sondern auch durch stärkere soziale Unterschiede und mehr psychosoziale Problemlagen. Seine zentrale Feststellung lautet, dass die Trennlinie nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund verläuft, sondern zwischen Jugendlichen aus privilegierten und benachteiligten Familien. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie gut Bildungssysteme mit unterschiedlichen Voraussetzungen umgehen können.
Für die Umsetzung spielt auch das Zusammenspiel von Frühförderung und Schuleingang eine Rolle. Greiff nennt als Problemlagen unter anderem frühkindliche Bildung, Lehrkräftemangel und Digitalisierung. Genau hier wird der Begriff „datenbasierte Unterrichtsentwicklung“ greifbar: Gemeint ist nicht bloß mehr Technik, sondern die systematische Nutzung von Lernstandsdaten, um Lücken in basalen Kompetenzen früh zu erkennen und gezielt zu schließen. In der Studie werden solche basalen Kompetenzen mit „Lesen, Schreiben, Rechnen“ konkret benannt – ein Ansatz, der in der Praxis häufig an Diagnostik, Förderplanung und überprüfbare Lernfortschritte gekoppelt ist. Entsprechend analysiert auch Bundesbildungsministerin Karin Prien die Lage ähnlich und hebt hervor, dass das Bildungssystem vor Herausforderungen stehe, man aber nicht in reiner Klage verharren dürfe.
Prien betont, dass wichtige Weichen bereits gestellt seien – unter anderem für bessere frühkindliche Bildung, einen besseren Übergang zwischen Kita und Schule sowie die Stärkung basaler Kompetenzen. Für Unternehmen, die im Bildungs- und Digitalbereich tätig sind, verschiebt sich damit die Erwartungshaltung: Gefragt sind weniger „Leuchtturm“-Projekte, sondern Lösungen, die in den Alltag von Schulen passen, Lehrkräfte entlasten und Lernfortschritte nachvollziehbar machen. Greiffs Diagnose einer wachsenden Gruppe mit großen Schwierigkeiten bei sehr grundlegenden Anforderungen legt nahe, dass sich Investitionen auf frühe Förderphasen und wirksame Umsetzung in Klassenstufen fokussieren müssen. Das Ergebnis von Pisa 2025 ist damit nicht nur eine Momentaufnahme, sondern ein Signal, dass Bildungsreformen messbar an Lernständen anknüpfen und über Jahre hinweg konsistent umgesetzt werden müssen.
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