LONDON (IT BOLTWISE) – Der Blick auf die Konjunktur verdichtet sich: Für den Euroraum rechnet eine große Bank im dritten Quartal mit 0,17 Prozent Wachstum, während das Nowcasting für einzelne Länder stark variiert. Gleichzeitig bleibt der Ölmarkt anfällig, weil Schifffahrtsstörungen in der Region um Hormus und das Rote Meer offenbar länger anhalten könnten. In den USA sinkt der Optimismus von Kleinunternehmen im August leicht, und in Taiwan bleibt die Inflation vor der nächsten Notenbanksitzung hartnäckig über zwei Prozent. Für Anleger heißt das: kurzfristige Daten und geopolitische Risiken treiben die Erwartungen an Zentralbanken und Märkte parallel.

Konjunktur- und Zentralbankfokus: Eurowachstum, Ölpreisrisiko und US-Kleinunternehmen
Konjunktur- und Zentralbankfokus: Eurowachstum, Ölpreisrisiko und US-Kleinunternehmen (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Tagesablauf im Makro-Desk dreht sich aktuell um drei Wechselwirkungen: Wachstumsraten, Preisrisiken und die Reaktionsfunktion der Zentralbanken. Für den Euroraum nennt eine Analyse von Goldman Sachs ein Wachstum von 0,17 Prozent im dritten Quartal; ohne Irland läge es bei 0,18 Prozent. Damit zeichnet sich zwar weiterhin ein positives, aber abgeschwächtes Bild gegenüber dem ersten Halbjahr ab. Genau in dieser Differenzierung liegt der Marktbezug: Nicht nur das Niveau zählt, sondern auch die Richtung der Veränderung, weil daraus Erwartungen für Zinsentscheidungen, Risikoprämien und Unternehmensplanung abgeleitet werden.

Technisch betrachtet lohnt sich bei solchen Prognosen der Blick auf das verwendete Modell-Setup, denn es erklärt, warum die Ergebnisse zwischen Ländern auseinanderlaufen. Goldman Sachs ordnet Deutschland im Nowcasting eine Wachstumsrate von 0 Prozent zu, Frankreich kommt auf 0,15 Prozent, Italien auf 0,17 Prozent und Spanien auf 0,56 Prozent. Solche Streuungen sind für Anleger wichtig, weil sie zeigen, dass sich die Konjunktur nicht gleichmäßig durch den Währungsraum bewegt. Für das vierte Quartal erwartet Pierdomenico für den Euroraum insgesamt 0,2 Prozent, nennt aber sowohl Auf- als auch Abwärtsrisiken: Möglich sei eine etwas bessere Entwicklung in den Euro-Peripherieländern, ebenso aber ein Bremseffet durch länger erhöhte Rohstoffpreise. Genau diese Rohstoff-Komponente taucht später im Rohöl-Teil des News-Ablaufs wieder auf.

Am Ölmarkt wird die Geopolitik dabei sehr konkret: Goldman Sachs verweist darauf, dass die Märkte zunehmend einen länger andauernden Nahost-Konflikt einpreisen. Als Konsequenz könnte Brent-Rohöl laut der Bank zeitweise über 120 US-Dollar pro Barrel steigen. Hintergrund ist die Verschärfung der Angriffe auf die Schifffahrt in der Straße von Hormus und im Roten Meer, wodurch Lieferkettenrouten faktisch langsamer und teurer werden. Die Bank nennt als Basisannahme, dass die Störungen der Schifffahrt im Nahen Osten bis ins nächste Jahr hinein anhalten. Gleichzeitig bleibt das Bild nicht rein pessimistisch: Goldman hebt die Ölpreisprognosen zwar moderat an, weil die kommerziellen Ölvorräte der OECD – ein wichtiger Indikator für Preisbewegungen – seit Kriegsbeginn kaum gesunken seien. Das stützt die kurzfristige Liquidität am Markt, während gleichzeitig Angebotsrisiken die Preisunterseite begrenzen können.

Die Angebotsdimension wird im gleichen Kontext mit Zahlen unterfüttert. Goldman Sachs schätzt, dass sich das globale Ölmarkt-Defizit von rund 7 Millionen Barrel pro Tag im März auf 1 Million im dritten Quartal verringert hat, unter anderem weil sich die Produktion am Golf teilweise erholte. Für 2027 bleibt jedoch die Frage, wie schnell neue Infrastruktur die Engpässe auffangen kann: Die Bank geht davon aus, dass Ende 2027 neue Pipelinekapazitäten in Betrieb genommen werden und dass die Vereinigten Arabischen Emirate sowie Saudi-Arabien dann schließlich freie Kapazitäten einsetzen. Genau darin steckt auch ein Wettbewerbs- und Investitionssignal für die Energiewirtschaft: Wer Projekte und Warteschlangen in der Transport- und Verarbeitungsinfrastruktur gut timet, reduziert das Risiko, dass geopolitische Störungen den Preis zu stark nach oben drücken.

Während Öl und Euroraum das Bild dominieren, liefern weitere Makro-Indikatoren die Binnenperspektive auf Nachfrage und Stimmung. In den USA ist der Optimismus von Kleinunternehmen im August leicht gefallen: Der NFIB-Optimismusindex sank um 1,1 Punkte auf 98,7. Das liegt zwar weiterhin über dem 52-Jahres-Durchschnitt, zeigt aber, dass Unsicherheit und erwartete Geschäftsbedingungen spürbar weniger Rückenwind bekommt. Solche Stimmungswerte sind für das Konjunkturbild besonders relevant, weil sie häufig Veränderungen in Investitions- und Personalplänen vorwegnehmen und damit die spätere Realwirtschaft beeinflussen. Parallel verweist Citi auf starke Exporte aus China, gestützt durch den KI-Investitionszyklus, Nachfrage aus asiatischen Lieferketten und höhere Exportpreise; hinzu kommt die Erwartung, dass ein bevorstehender Trump-Xi-Gipfel kurzfristig handelspolitische Stabilität unterstützen könnte.

Auch die Notenbankseite bleibt konkret, diesmal mit einem Fokus auf Taiwan. Dort blieb die Inflation im August hoch und stützt damit Argumente für eine Zinserhöhung vor der Sitzung der Zentralbank in der kommenden Woche: Der Verbraucherpreisindex stieg im Jahresvergleich um 2,04 Prozent, nach einem erwarteten Anstieg von 2,4 Prozent in einer Ökonomenbefragung. Für den Monatsverlauf ist zudem wichtig, dass die Inflation bereits den vierten Monat in Folge über 2 Prozent liegt. Als Treiber nennt die Meldung den Nahostkonflikt als Kostenschub bei Energie sowie Taifune und starke Sommerregen, die Lebensmittelpreise nach oben drücken. Die Rückkehr zum Zielwert sei noch nicht in Sicht: Laut Lynn Song von ING gibt der Rückgang der Gesamtinflation zwar Anlass, eine Zinserhöhung im aktuellen Monat offener zu bewerten, doch die Bedingungen für eine Straffung seien weiterhin gegeben, weil das BIP-Wachstum stark sei und der zugrundeliegende Inflationsdruck intakt. Daneben spielt die Kerninflation eine Rolle, die als ziemlich stabil beschrieben wird, und die Erzeugerpreise gelten als zu hoch – Faktoren, die den Spielraum der Zentralbank begrenzen.

Für Entscheider ergibt sich daraus ein klares Muster: Wachstum und Stimmung signalisieren zwar nicht überall eine klare Verschlechterung, aber die Preis- und Inflationsrisiken sind in mehreren Regionen gleichzeitig präsent. Im Euroraum koppelt sich das Konjunkturbild an Rohstoffannahmen, in den USA dämpfen Unsicherheit und Erwartungen die Stimmung der kleineren Unternehmen, und in Taiwan dominiert vorerst noch ein breiterer Preisauftrieb. Wer Portfolios, Liquiditätsplanung oder operative Budgets steuert, sollte deshalb nicht nur auf die nächste Datenveröffentlichung schauen, sondern auch darauf, wie wahrscheinlich länger anhaltende Störungen – etwa im Transport von Öl – in Prognosemodelle und Erwartungsketten hineinwirken. Kurzfristig kann das zu erhöhten Ausschlägen an Zins- und Commodity-seitigen Märkten führen, selbst wenn die realwirtschaftliche Dynamik insgesamt moderat bleibt.


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