LONDON (IT BOLTWISE) – Die US Air Force sucht im Rahmen eines Ground-Based, Medium-Caliber Gun Weapon System nach tragbaren Luftverteidigungs-Geschützen, die Drohnen und Marschflugkörper bekämpfen sollen. In der Anfrage zur Informationsbeschaffung nennt die Behörde als Fokus zunächst Unmanned Aircraft Systems und subsonische Cruise Missiles. Der Beschaffungsprozess soll bis zum 9. Oktober relevante Antworten von Industrieunternehmen erhalten. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie sich Zielerfassung, Abschussraten und Kosten pro Einsatz in einem mobilen System zusammenbringen lassen.

US Air Force sucht tragbare Geschütze gegen Drohnen und Marschflugkörper
US Air Force sucht tragbare Geschütze gegen Drohnen und Marschflugkörper (Foto: IT BOLTWISE)
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Die jüngsten Angriffe im Nahen Osten zeigen vor allem eins: Selbst gut geplante Luftverteidigungsketten können durch kleine, schwer greifbare Bedrohungen unter Druck geraten. In diesem Umfeld sucht die U.S. Air Force mit dem Ground-Based, Medium-Caliber Gun Weapon System nach einem mobilen Ansatz, der insbesondere gegen unbemannte Systeme und Marschflugkörper wirken soll. Die Initiative zielt dabei nicht auf eine neue „All-in-one“-Raketenlösung, sondern auf ein Geschützsystem, das sich in der Praxis schnell in entfernte Einsatzräume verlegen lässt.

Technisch steht in der Anfrage zur Informationsbeschaffung (Request for Information, RFI) ein klarer Auftrag im Vordergrund: Das System soll „affordable munitions“ verschießen und damit Verteidigung gegen Luft- und Bedrohungsprofile ermöglichen. Die Air Force nennt als ersten Fokus subsonische Cruise Missiles sowie Unmanned Aircraft Systems (UAS), um eine „persistent defense“ in Unterstützung der Air-Force-Ressourcen zu gewährleisten. Der Zeitplan ist ebenfalls konkret: Die RFI läuft bis zum 9. Oktober, und sie legt damit frühzeitig den Rahmen fest, in dem Anbieter ihre Konzepte, Daten und Integrationsansätze einreichen sollen.

Die Behörde verzichtet dabei auf eine starre Vorgabe für das Kaliber, lässt aber durch das Stichwort „medium-caliber“ die Bandbreite erkennen. In der Formulierung deutet die Spannweite typischerweise auf etwa 20 mm bis 50 mm hin, was die Brücke zu anderen Programmen im US-Militär schlägt. So hat die U.S. Army bereits im August eine Sources-Sought-Anfrage veröffentlicht, die einen 50-mm-Anti-Drohne-Kanonenansatz adressiert, inklusive geplanter Live-Fire-Tests. Für die Systemebene ist außerdem relevant, dass die Air Force das gleiche Grundproblem gleichzeitig auf zwei Wirkklassen bezieht: kleine und große UAS sowie Marschflugkörper – also Ziele, die sich sowohl im Flugprofil als auch in der Beobachtbarkeit teils deutlich unterscheiden.

Der Beschaffungsfokus geht über die reine Waffengeometrie hinaus. Die Air Force nennt 15 „baseline parameters“, darunter die Wahrscheinlichkeit des Treffens (Probability of Kill, PK) gegen subsonische Cruise Missiles. Daneben sollen die Parameter die UAV-Gruppe nach einem Klassifizierungsschema abdecken, das von kleineren Drohnen (Group 1) bis zu sehr großen unbemannten Flugzeugen reicht – mit einer Obergrenze oberhalb von 18.000 Fuß. In der Praxis bedeutet das: Anbieter müssen nicht nur einen Schusswinkel, sondern vor allem eine belastbare Sensor- und Feuerleitkette liefern, die die Zielspur auch unter unterschiedlichen Wetterbedingungen, Umgebungen und Gegenmaßnahmen zuverlässig verfolgt.

Genau hier setzt die RFI inhaltlich an: Auftragnehmer sollen „carefully select“ die „organic sensor capability and phenomenology“ kombinieren. Gemeint ist die passende Mischung aus Radar, elektrooptischen, Infrarot- oder Funkfrequenzsensoren, um die Zielerfassung und -verfolgung über reale Einsatzbedingungen hinweg zu sichern. Zusätzlich werden Anforderungen an Reichweite und Elevation genannt, ebenso Magazine und Bedieneranzahl sowie die Integration in bestehende Sensoren und Command-Netzwerke. Der Systemnachweis soll außerdem zeigen, dass es in der Lage ist, Sättigungsangriffe durch Drohnen und Marschflugkörper abzuwehren – ein Szenario, in dem Reichweite allein nicht reicht, sondern auch Reaktionszeit, Munitionsbereitstellung und effektive Schussabfolge entscheidend sind.

Ökonomisch ist der zweite große Hebel: Die RFI beschreibt die „biggest challenge“ moderner Luftverteidigung als einen Konflikt zwischen Systemkosten und Verteidigungsaufwand. Entweder seien die Abwehrsysteme deutlich teurer als die zu bekämpfenden Drohnen und Marschflugkörper, oder sie laufen vor dem Angriff „aus ammunition“. Genau deshalb verlangt die Air Force von dem neuen Geschütz „munitions performance versus munition cost“ zu optimieren. Gleichzeitig sollen Geschwindigkeit, Manövrierfähigkeit und „terminal effects“ des Interceptors maximiert werden, ohne die „cost-per-engagement“ auf ein untragbares Niveau zu treiben oder die physischen Grenzen der Trägerplattform zu sprengen.

Damit adressiert die Air Force ein Kernproblem, das in vielen Verteidigungsbudgets immer wieder auftaucht: Ohne eine passende Skalierung aus Sensorik, Feuerkontrolle und Munitionslogistik bleiben starre Systeme in asymmetrischen Lagen verwundbar. Das RFI-Design legt nahe, dass die Behörde bewusst nach einem Ansatz sucht, der nicht ausschließlich auf sehr teuren Interceptoren basiert. Für die Branche bedeutet das gleichzeitig eine anspruchsvolle Kombinationsaufgabe: Wer ein tragbares Geschütz anbietet, muss nicht nur Feuerkraft liefern, sondern auch die komplette Informationskette – vom Sensor über die Zielklassifikation bis zur Integration in Netzwerke, die im Einsatzbetrieb funktionieren.

Ob sich die finale Lösung eher Richtung 30-mm-Klasse oder 40–50-mm-Lösungen bewegt, wird die Antworten der Industrie bis zum 9. Oktober mitbestimmen. Klar ist jedoch: Die Anforderungen an PK gegen subsonische Cruise Missiles, die UAV-Klassen über mehrere Größenordnungen sowie die Forderung nach modularem, transportablem Einsatz („lightweight, modular, transportable footprint“) machen das Programm zu einem besonders praxisorientierten Testfeld. Wenn Anbieter diese Mischung aus Mobilität, Wirksamkeit und Kostenrealismus überzeugend darstellen, könnte das Medium-Caliber-Geschützsystem perspektivisch dort einen Fuß fassen, wo starre, teure Interceptoren entweder nicht wirtschaftlich einsetzbar sind oder logistisch an Grenzen stoßen.


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