LONDON (IT BOLTWISE) – SAP veröffentlicht Sicherheitsupdates gegen mehrere schwerwiegende Lücken, darunter eine CVSS-10.0-Kernel-Schwachstelle in der Verarbeitung von Extended Passport-Daten. Die Lücke mit dem Namen OVERPASS (CVE-2026-44756) lässt sich laut Beschreibung auch ohne Authentifizierung aus der Ferne ausnutzen und kann auf dem SAP-Host beliebige Betriebssystembefehle mit SAP-Administrationsrechten ausführen. Zusätzlich stopft SAP unter anderem eine Logiklücke in SAP NetWeaver Message Server sowie weitere kritische Probleme rund um Zugriffskontrolle und Credential Disclosure. Für Betreiber betont Onapsis die Priorität schneller Patch-Zyklen und eine genaue Sicht auf die SAP-Anwendungsschicht.

SAP behebt CVSS-10.0-Kernel-Lücke „OVERPASS“ und weitere kritische Bugs
SAP behebt CVSS-10.0-Kernel-Lücke „OVERPASS“ und weitere kritische Bugs (Foto: IT BOLTWISE)
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Mit den aktuellen Security Updates rückt SAP eine Schwachstellenserie in den Fokus, die nicht nur theoretisch riskant ist, sondern in Teilen auch ohne Zugangsdaten funktioniert. Im Zentrum steht CVE-2026-44756 mit einem CVSS-Score von 10.0, einer Speicherfehler-basierten Lücke im SAP-Kernel, die sich auf die Verarbeitung von SAP Extended Passport (EPP) stützt. Laut der Beschreibung handelt es sich um einen Fall von Memory Corruption: Bei der Deserialisierung externer EPP-Daten fehlt eine Grenzvalidierung, wodurch speziell präparierte Längenfelder zu einer Verletzung der Speichersicherheit führen können. Das Ergebnis ist besonders kritisch, weil der Exploit laut Angaben Remote Code Execution ermöglicht und dabei im schlimmsten Fall eine vollständige Kompromittierung von Daten und Prozessen der dahinterliegenden SAP-Umgebung nach sich ziehen kann.

Technisch wird die Angriffsfläche über mehrere SAP-Komponenten und Kommunikationspfade geöffnet. Die Lücke liegt in Kernel-Code, der für mehr als einen Protokollpfad genutzt wird; dadurch soll sie von einer internet-fähigen Web-Schicht ebenso erreichbar sein wie über die SAP GUI-Ebene, die viele Endnutzer für den Zugriff verwenden, und auch über RFC-Verbindungen, die SAP-Systeme miteinander verknüpfen. In der Praxis heißt das: Es reicht nicht, nur eine einzelne Einstiegsrichtung zu härten. Der CTO von Onapsis, JP Perez-Etchegoyen, bringt das in seiner Aussage sehr direkt auf den Punkt: „OVERPASS is a flaw in the SAP kernel code that processes this structure. A specially-crafted request sent to an affected system can be abused to take control of the receiving process and, from there, run operating system commands on the host.“ Genau diese Kombination aus Fernzugriff und fehlender Authentifizierung sorgt dafür, dass klassische Netzabschottungen allein den Weg zum Ziel nicht zwingend schließen.

Die Wirkung einer erfolgreichen Ausnutzung wird in dem Update-Text als Kette beschrieben: Zuerst kann ein Angreifer so weit gelangen, dass er auf den SAP Secure Store zugreift, um Datenbank-Anmeldeinformationen und weitere Geheimnisse wie Passwort-Hashes zu rekonstruieren. Danach sollen Live-Session-Daten eingeloggter Nutzer auslesbar sein; anschließend können gespeicherte Credentials verwendet werden, um sich lateral in andere SAP-Systeme zu bewegen. Neben dem reinen Lesen geht es auch um Manipulation: Der Angreifer soll in der Lage sein, Anwendungsdaten, Systemkonfigurationen und sogar SAP-Binaries zu verändern. Perez-Etchegoyen warnt deshalb auch explizit davor, dass SAP-spezifische Berechtigungslogik und das Konzept der Separation of Duties (SoD) nicht zuverlässig schützen können, weil der vulnerable Code bereits vor dem Authentifizierungsschritt läuft. „Because EPP processing is shared kernel code used by more than one protocol, the flaw is reachable from the internet-facing web layer, from the SAP GUI layer every end user connects to, and from the RFC layer that links SAP systems to one another. It is reachable through several SAP components and several communication protocols, none of them requiring credentials, so no single network control can fully mitigate risk.“

Neben OVERPASS adressiert SAP eine weitere kritische Schwachstelle mit sehr hohem Impact, die in der gleichen Veröffentlichung als CVE-2026-58240 geführt wird und einen CVSS-Score von 9.8 trägt. Dabei geht es um SAP NetWeaver Message Server, genauer um eine fehlende Authentication-Prüfung, die laut Beschreibung auch Angreifern ohne Authentifizierungsnachweis und bei Netzwerkzugriff unerlaubte Aktionen ermöglicht. Onapsis soll die Schwachstelle ebenfalls entdeckt haben; der verwendete Name lautet S4GET. Darüber hinaus betont ein namentlich genannter Security Researcher, Pablo „Partu“ Agustin Artuso, dass es sich nicht um eine Fehlkonfiguration handelt: „S4GET is a logic flaw, not a misconfiguration.“ Er ordnet die betroffene Codebasis außerdem den SAP-9.x-Kernel-Linien zu, auf denen SAP S/4HANA und SAP S/4HANA Cloud Private Edition laufen, und hält eine Ausweitung auf weitere ABAP-basierte Produkte für möglich.

Gerade in dieser Klasse von Lücken ist die Reichweite entscheidend: Artuso hebt hervor, dass die Ausnutzung über denselben öffentlichen Port ausgelöst wird, den auch jeder SAP GUI-Client für den Login nutzt. Damit lässt sich die Angriffsfläche laut Aussage nicht ohne Nebenwirkungen wegfiltern, weil sonst der normale Anmeldeprozess beeinträchtigt würde. Dazu kommt, dass für den Angriff keine Zertifikate, keine vorhandene Fehlkonfiguration und keine Credentials erforderlich sein sollen; im Erfolgsfall resultiert ein vollständiges Remote Code Execution als adm, also dem OS-Benutzer, der SAP auf dem jeweiligen Applikationsserver im Cluster betreibt. Zusätzlich nennt SAP zwei weitere kritische Punkte: CVE-2026-76969 (CVSS 9.4) beschreibt eine Credential Disclosure in Multi-Tenant-Apps auf Basis des SAP Cloud Application Programming Model (CAP), während CVE-2026-66768 (CVSS 9.0) eine unzureichende Zugriffskontrolle in SAP NetWeaver SAP GUI für Java adressiert, die willkürliche Kommandos auf dem Host erlauben soll. Laut Quelle wurden keine der genannten Sicherheitslücken bisher ausgenutzt.

Für Betreiber ergibt sich daraus eine klare Patch- und Betriebslogik. Onapsis empfiehlt, zunächst jedes SAP-System zu inventarisieren und dann internet-fähige Instanzen vor internen Umgebungen zu priorisieren. Ebenso wichtig ist ein Exposure-Reduction-Ansatz, also die Verringerung der erreichbaren Angriffswege, sowie ein Monitoring, das nicht nur Netzwerk-Signaturen betrachtet, sondern explizit die SAP-Anwendungsschicht im Blick hat. Perez-Etchegoyen formuliert dazu einen konkreten Anspruch: „Ensure you have visibility into your SAP application layer so that attempts to exploit this vulnerability can be detected and investigated while the rollout is in progress, “ und ergänzt die zentrale organisatorische Lektion, dass reine Governance-Maßnahmen wie Rollenverengung oder Transaktionsbeschränkung gegen diese frühen Kernel-Pfade nicht greifen. Für IT-Leiter bedeutet das: Patch-Fenster müssen eng getaktet sein, Change-Prozesse dürfen die Dringlichkeit nicht verwässern, und die Monitoring-Definition sollte bereits während der Rollout-Phase weiter verfeinert werden.


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