LONDON (IT BOLTWISE) – Die NSA, CISA und das FBI werfen China-basierten KI-Firmen vor, US-amerikanische „Frontier Models“ per Distillation in großem Stil auszuschöpfen. In einem gemeinsamen Bulletin beschreiben die Behörden „systematic extraction“ über Millionen Anfragen und tausende verteilte Zugriffswege. Besonders genannt werden Techniken wie das Extrahieren von Ketten des Denkens (CoT), automatisches Ausweichen bei Blockaden und Qualitätsbewertungen gegen Gegenmaßnahmen. U.S.-Anbieter sollen verdächtige Muster erkennen, Antworten gezielt anpassen und Aktivitäten über API- und Cloud-Partner hinweg korrelieren.

Die Warnung der US-Sicherheitsbehörden betrifft nicht den Forschungsalltag der KI, sondern die Art, wie Unternehmen an fremde Modellfähigkeiten herankommen: Die NSA, CISA und das FBI beschreiben in einem gemeinsamen Bulletin „systematic extraction“ von proprietären Funktionalitäten US-amerikanischer Frontier-Modelle durch sogenannte Distillation Attacks. Distillation ist als Methode in der KI-Forschung grundsätzlich legitim – dabei wird ein Modellwissen in ein anderes System übertragen. Genau hier setzen die Behörden an: laut dem Bulletin versuchen China-basierte Firmen nach Angaben der Behörden nicht nur zu übertragen, sondern „aggressive, malicious, and targeted“ Vorgehensweisen zu nutzen, die „industrial scale“ erreichen und als „core“ der eigenen KI-Entwicklungsstrategie eingeordnet werden.
Technisch läuft der Vorwurf auf automatisiertes Ausnutzen von Modellzugängen hinaus. Distillation-Angriffe erfordern im Kern viele Modellaufrufe, um aus Antwortmustern Rückschlüsse auf Fähigkeiten, Routinen und Domänenoptimierungen zu ziehen. In der Darstellung der Behörden geht das Ausmaß weit über einzelne Experimente hinaus: genannte chinesische Firmen sollen Milliarden Token über Millionen Anfragen/Requests extrahiert haben, und zwar nach Angaben im Bulletin seit spätestens Ende 2024. Als Zielmodelle werden im Text u. a. Varianten von Anthropic Claude, OpenAI GPT, Google Gemini sowie SpaceXAI Grok genannt; außerdem werden als betroffene Distillationsfrontier DeepSeek, Moonshot AI, Alibaba, MiniMax, StepFun und Z.AI aufgeführt.
Bemerkenswert ist, dass das Bulletin Distillation nicht als „billiges Copying“ beschreibt, sondern als taktisch ausgereiztes Prozessdesign. Die Behörden nennen fortgeschrittene industrial-scale Taktiken wie das Extrahieren von Chain-of-Thought-(CoT-)Reasoning, ein automatisches Failover zwischen unterschiedlichen Pfaden, sobald Blockierungen greifen, und den Einsatz von Qualitätsbewertungssystemen, um Abwehrmechanismen und Gegenstrategien zu erkennen. Gleichzeitig argumentieren die Behörden mit ökonomischer Hebelwirkung: China-basierte Firmen sollen Kosten sparen, indem sie Premium-Abonnements von US-Anbietern in großen Mengen beschaffen und intern teamspezifisch teilen. Das führt im Sinne des Angriffsdesigns zu kürzeren Entwicklungszeiten und weniger Trainingsaufwand, weil ein Teil der „Frontier“-Kompetenz nicht aus Trainingsdaten, sondern aus Modellinteraktionen abgeleitet wird.
Auf der Detail-Ebene nennt das Bulletin konkrete Zuordnungen zwischen Unternehmen und Trainings-/Modellverbesserungen. So wird DeepSeek mit organisierten Kampagnen zwischen Ende 2024 und Mitte 2025 in Verbindung gebracht, bei denen es um Reasoning-Fähigkeiten, spezialisierte Optimierungen und domänenspezifische Funktionen für die Schulung der R1- und V3-Modelle gehen soll. Moonshot AI wird genannt, weil angeblich große Mengen Claude-Fable-5-Daten und GPT-4o-Daten in entsprechende Kimi-Modelle eingeflossen sein sollen. Für Alibaba nennt das Bulletin Distillation von mehreren Claude-Varianten sowie GPT-5, um Fähigkeiten für Software Engineering, Dialoge im Kundensupport, Bild-/Character-Erstellung und die Integration von RL-, SFT- und Distillation-Komponenten „in late 2025“ zu verbessern. MiniMax soll CoT-Reasoning, RL und SFT sowie Software-Engineering-Kompetenzen für sein M2-Model aus einer Reihe von genannten Vorgängermodellen verdichtet haben, StepFun entsprechend für Coding und agentische Funktionen für sein Step-4-Modell – und Z.AI wird mit CoT-Reasoning-Fähigkeiten in Verbindung gebracht, die angeblich aus Milliarden GPT-5.5- und Claude-Opus-4.8-Daten entwickelt wurden. Die Zahlenspiele werden im Bulletin nicht als Einzelfälle, sondern als industrielles Muster gerahmt, das sich über viele Plattformen verteilt.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Umgehungswegen: Die Distillationsanfragen sollen über verschiedene Methoden geroutet worden sein, um unbefugten Zugriff auf die US-Modelle zu erlangen und gegen Nutzungsbedingungen zu verstoßen. Genannt werden APIs, Remote-Cloud-Provider sowie Drittanbieter-Aggregatoren, die Nutzermetadaten verschleiern sollen, um Erkennung zu erschweren. Zudem heißt es im Text, dass Frontier-Modelle offiziell in China nicht verfügbar seien, was Entwickler demnach zu inländischen Systemen oder alternativen Zugriffswegen wie virtuellen privaten Netzwerken, verschleierten Accounts und automatisierten Agenten drängen könne, um geografische Kontrollen zu umgehen. Ergänzend wird eine „gray market“-Schicht aus Proxys beschrieben, die als Relais- oder Transferstationen dienen sollen und über außerhalb des chinesischen Festlands gehostete Server unlauteren Zugriff ermöglichen; solche Dienste seien in chinesischen Online-Marktplätzen als Angebote verbreitet worden. Wenn Angriffe so orchestriert werden, wird der Unterschied zwischen „legitimer“ Nutzung und missbräuchlichem Zugriff für Verteidiger deutlich schwerer.
Die Behörden leiten daraus konkrete Gegenmaßnahmen ab, wobei es nicht nur um klassische Security-Checks geht. U.S.-KI-Unternehmen sollen laut Bulletin umfassende Detektions- und Mitigation-Maßnahmen implementieren, bei verdächtigen Distillation-Versuchen subtile Antwortanpassungen vornehmen und vor allem Aktivitäten über verschiedene Ebenen hinweg korrelieren: über Modellanbieter, Cloud-Plattformen und API-Aggregatoren. Damit adressieren sie genau das Kernproblem der beschriebenen Angriffe: Verteilte Kampagnen verschieben die Indikatoren aus einem einzigen Log in viele Systeme, und nur die Zusammenführung zeigt das Muster. In der gleichen Stoßrichtung wird auch auf früher beobachtete Vorfälle verwiesen: Mitte Februar hatte ein Anbieter laut Berichten industrial-scale Kampagnen von DeepSeek, Moonshot AI und MiniMax als unzulässige Extraktion von Claude-Fähigkeiten eingeordnet. Außerdem berichtet die Google Threat Intelligence Group laut dem Artikel, sie habe jüngst einen Anstieg von Distillation-Kampagnen gegen Google-Modelle gesehen, darunter Fälle mit über 100 Millionen Prompts, die sich auf visuelle und Audio-Verständnisfunktionen sowie Bild- und Videogenerierung konzentrieren.
Für die Unternehmenspraxis ist dabei entscheidend, wie schnell ein Missbrauch von Modellzugängen aus der Grauzone in die echte Sicherheits- und Produktproblematik rutschen kann. Der security-bewusste Blick kommt auch aus anderen Teilen der Branche: Ismael Valenzuela, Vice President of Labs, Threat Research and Intelligence bei Arctic Wolf, sagte in dem Kontext, „the security bulletin needs to be interpreted as an abuse of legitimate access, while stressing the need for a coordinated response against sophisticated, well-resourced adversaries.“ Weiter heißt es in seiner Einordnung: „While distillation is nothing out of the ordinary in a research setting, the warning states that the offending companies are deliberately distributing operations across the vast global AI ecosystem, similar to the evasion tactics security teams have seen from adversaries engaging in distributed credential stuffing or payment fraud, “ und: „When adversaries can replicate the advanced reasoning and agent behaviors of models from U.S. AI companies without heeding the laws and regulations binding those U.S. AI companies, defenders will struggle to distinguish their activity from legitimate platforms, leaving the door open for offensive cyber operations, influence campaigns, or autonomous tooling that can go undetected.“ Abschließend ergänzt Valenzuela: „Businesses not directly associated with frontier AI models may be tempted to disregard these campaigns as irrelevant due to them being a national security issue, but the exposure of model access to customers or partners makes API keys and service accounts valuable targets, with abuse of access to those models appearing as legitimate.“ Für IT-Leitungen heißt das: Schlüsselverwaltung, Account-Isolation und Monitoring über Partnerketten sind nicht nur „Nice to have“, sondern integraler Bestandteil von KI-Governance.
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