BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU-Kommission will ein neues Regelwerk für die öffentliche Beschaffung auf den Weg bringen, damit Aufträge auch im wirtschaftlichen Wettstreit mit China gezielter in Europa bleiben. EU-Kommissar Stéphane Séjourné nennt staatliche Gelder einen strategischen Hebel. Vorgesehen ist keine Pflicht, europäische Anbieter zwingend zu bevorzugen. Damit der Vorschlag wirksam wird, braucht es noch die Zustimmung von Parlament und Mitgliedstaaten.

EU-Strategie: Neue Regeln sollen öffentliche Aufträge stärker in Europa sichern
EU-Strategie: Neue Regeln sollen öffentliche Aufträge stärker in Europa sichern (Foto: IT BOLTWISE)
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Die EU verschiebt bei der öffentlichen Beschaffung den Fokus von reiner Kostenkalkulation hin zu Industriepolitik mit strategischer Wirkung. Hintergrund ist der wirtschaftliche Wettstreit mit China, in dem die Brüsseler Behörde offenbar einen klaren Handlungsdruck sieht: Wer zentrale Aufgabenbereiche wie Schulen, Straßenbau oder die Verwaltungstechnik mitliefert, beeinflusst nicht nur Lieferketten, sondern auch technologische Kapazitäten in Europa. EU-Industriekommissar Stéphane Séjourné machte dazu deutlich, dass viele kommunale Behörden bestehende Spielräume für die Bevorzugung europäischer Aufträge bislang nicht konsequent nutzen.

Auf technischer und organisatorischer Ebene betrifft der Vorschlag nicht nur die Frage „wer gewinnt“, sondern auch, wie Vergabestellen die Beschaffungsprozesse überhaupt steuern können. In der Praxis hängen solche Entscheidungen an Ausschreibungsunterlagen, Bewertungsmatrizen und Dokumentationspflichten, also an Punkten, die Verwaltungen vor allem dann sauber ausfüllen müssen, wenn geopolitische Kriterien in Ausschreibungen rechtssicher abgebildet werden sollen. Dazu zählt etwa die Ausstattung von Schulen oder die IT-Infrastruktur in der Verwaltung, weil hier häufig standardnahe Komponenten, Liefer- und Supportleistungen sowie Folgearbeiten wie Updates oder Wartung eine Rolle spielen. Wenn diese technischen Anschlussleistungen nicht mitgedacht werden, entstehen später oft höhere Gesamtaufwände (Total Cost of Ownership), obwohl der Preis in der Erstphase niedrig wirkt.

Auch der Umfang der öffentlichen Beschaffung unterstreicht die Relevanz: Die EU-Kommission nennt 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in der EU, entsprechend 2,6 Billionen Euro. Diese Größenordnung sorgt dafür, dass selbst „weiche“ Steuerungsmechanismen in der Vergabe spürbare Auswirkungen auf den Markt haben können. Genannt werden konkrete Anwendungsfelder von Infrastrukturprojekten wie Straßenbau über Computer in der Verwaltung bis hin zur Ausstattung öffentlicher Krankenhäuser. Genau hier setzt der Entwurf laut Angaben darauf, die Bedingungen für eine strategische Nutzung staatlicher Gelder klarer zu definieren, statt sie der Interpretation einzelner Behörden zu überlassen.

Entscheidend ist dabei die Ausgestaltung als Option statt Zwang. Nach dem Willen der Kommission soll festgehalten werden, dass die öffentliche Hand europäische Unternehmen gegenüber Anbietern aus Drittstaaten wie China bevorzugen kann, während europäische Bieter im Gegenzug nicht zwingend den gleichen Zugang zu Aufträgen in diesen Ländern erhalten. Eine verpflichtende Bevorzugung ist jedoch nicht vorgesehen. Der Entwurf sieht damit eher ein rechtliches und administratives Rahmenwerk vor, das Vergabestellen Handlungssicherheit geben soll, ohne die praktische Beschaffung sofort in eine starre Richtung zu drängen.

Aus Markt- und Wettbewerbs-Sicht ist dieser Ansatz vor allem im Timing relevant: Séjourné verweist auf eine Zeit, in der große Wirtschaftsmächte ihren „Handlungshebel“ als Teil eigener Industrie- und Wirtschaftsstrategien einsetzen. Genannt werden ausdrücklich China, Indien, die Vereinigten Staaten und weitere heutige Großmächte. Für europäische Anbieter bedeutet das: Wer in Ausschreibungen für Schulen, Gesundheitseinrichtungen oder Verwaltungs-IT liefern will, profitiert nicht nur von technischen Leistungsdaten, sondern auch davon, wie gut sein Geschäftsmodell zu strategischen Beschaffungskriterien passt. Daneben entsteht für Kommunen ein Organisationsanreiz, Ausschreibungsprozesse stärker zu standardisieren, damit sich die gewünschte Wirkung nicht an Kompetenz- und Ressourcenlücken einzelner Vergabestellen „verläuft“.

Dass viele kommunale Behörden laut Kommissar Séjourné vorhandene Möglichkeiten bislang nicht ausgeschöpft hätten, wirkt wie ein Hinweis auf typische Umsetzungsprobleme: fehlende interne Expertise, uneinheitliche Bewertungslogiken oder eine vorsichtige Risikowahrnehmung, wenn neue Kriterien rechtssicher begründet werden müssen. Hier kann das geplante Regelwerk als „Übersetzer“ zwischen Strategie und Vergabepraxis dienen. Technisch gedacht heißt das, dass Vergabestellen ihre Datenbasis verbessern und Bewertungsmodelle konsistent anwenden müssen, um Entscheidungen nachvollziehbar zu dokumentieren. Gerade bei komplexen Beschaffungen mit mehreren Liefer- und Servicekomponenten entscheidet sich die Wirkung schnell daran, ob die Vertragsgestaltung Folgefragen wie Ersatzteilversorgung, Updates und Supportleistungen realistisch abbildet.

Ob der Vorschlag tatsächlich zum Tragen kommt, hängt nun an einem politischen Prozess: Für das Inkrafttreten braucht es die Zustimmung des Europäischen Parlaments und der EU-Mitgliedstaaten. Erst danach lässt sich beurteilen, wie stark die Option „europäische Anbieter bevorzugen“ in der Breite der Verwaltung genutzt wird. Für Unternehmen, die im Bereich Infrastruktur, IT für öffentliche Verwaltungen oder medizinische Ausstattung liefern, verschiebt sich damit die Planungslogik: Nicht nur Produkt- und Servicequalität, sondern auch die Fähigkeit zur schnellen, sauberen Einordnung in Vergabeverfahren dürfte an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig bleibt das Feld offen genug, dass Behörden weiterhin abwägen und begründen müssen, warum eine Bevorzugung in einem konkreten Fall sachlich gerechtfertigt ist.


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