LONDON (IT BOLTWISE) – In den USA warnen mindestens 41 Gesundheitssysteme vor einer Phishing-Welle gegen MyChart-Nutzer. Betrüger versprechen im Namen des Patientenportals den Versand von „Medicare Health Kits“ und locken Betroffene mit vermeintlich geringen Kreditkarten-Gebühren für Versandkosten. Wer darauf eingeht, soll anschließend entweder doppelt belastet werden oder die missbräuchliche Verwendung der Kartendaten feststellen. Sicherheitsverantwortliche rücken damit erneut die Frage in den Fokus, wie sich Identitätsmissbrauch bei Gesundheitsdiensten im Alltag verhindern lässt.

MyChart-Phishing: 41 Gesundheitssysteme warnen vor Medicare-Betrug
MyChart-Phishing: 41 Gesundheitssysteme warnen vor Medicare-Betrug (Foto: IT BOLTWISE)
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Mit Phishing versuchen Angreifer derzeit, das Vertrauen in digitale Patientenkommunikation systematisch auszunutzen: Betroffen sind Nutzer des Patientenportals MyChart, wobei mehrere Gesundheitssysteme in den USA offiziell auf betrügerische Nachrichten aufmerksam machen. Nach den vorliegenden Angaben haben mindestens 41 Gesundheitseinrichtungen Warnmeldungen an ihre Patienten herausgegeben, weil in oder im Namen des MyChart-Systems gefälschte Angebote für sogenannte „Medicare Health Kits“ kursieren. Die Masche zielt weniger auf technische Raffinesse im engeren Sinn ab, sondern vor allem auf eine psychologisch gut getaktete Entscheidungssituation: Wer eine legitime Mitteilung im gewohnten Portal-Kontext erwartet, handelt oft schneller als bei einer unpersönlichen E-Mail.

Der Ablauf, der in den betroffenen Regionen beschrieben wird, beginnt mit einer Nachricht, die Nutzer zur Zusendung von Medicare-Ausrüstung animieren soll. Anschließend fordern die Betrüger eine geringe Gebühr für Versandkosten per Kreditkarte an. Für die Opfer wird der Schaden dann unmittelbar, weil nach Erkenntnissen aus den betroffenen Gebieten entweder eine doppelte Abrechnung folgt oder die Betroffenen nach der Interaktion feststellen, dass ihre Kreditkartendaten missbräuchlich verwendet wurden. Das Muster ist typisch für Card-Not-Present-Fraud: Die Angreifer versuchen, kurzfristig Zahlungsdaten zu erlangen, um sie anschließend in weiteren Zahlungsvorgängen zu nutzen.

Besonders auffällig war die zeitliche Häufung: Die Betrugswelle soll vor allem zwischen Juli und August 2026 in Bundesstaaten wie Illinois, Minnesota, Oklahoma und Indiana beobachtet worden sein. Unter den genannten Reaktionen finden sich unter anderem Sentara, Penn Medicine und MetroHealth, die bereits Mitte August 2026 mit Warnmeldungen an die Öffentlichkeit traten. Auch der Generalstaatsanwalt von Pennsylvania, Dave Sunday, machte die Kampagne zum Thema und rief zur Wachsamkeit auf. Für IT- und Security-Verantwortliche ist dabei entscheidend, dass solche Portalmeldungen nicht nur als „Benachrichtigung“ betrachtet werden dürfen: Sie sind Teil der Bedienoberfläche des Vertrauensmodells im Gesundheitskontext.

Technisch lässt sich die aktuelle Entwicklung in einen größeren Trend einordnen, den spezialisierte Informations- und Austauschstellen im Gesundheitsbereich seit Monaten beobachten: Das Health-ISAC ordnet die Lage als Teil zunehmender Cyberangriffe auf die Gesundheitsinfrastruktur ein. Laut dieser Einordnung setzen Angreifer stärker auf Vishing-Kampagnen (Voice Phishing) und auf Domains, die im Look-and-Feel täuschend echt wirken und auf Endungen wie „.claim“ oder „.claims“ basieren. Gleichzeitig geht es ihnen um das Umgehen von Multi-Faktor-Authentifizierungen (MFA) und um den Zugriff auf Cloud-Anwendungen über Single-Sign-On-Verfahren (SSO), etwa auf Microsoft 365, SharePoint oder Salesforce. Entscheidend ist dabei, dass Portale wie MyChart als Identitätsanker wirken: Wenn Nutzer dort Betrugsmeldungen für „offiziell“ halten, reichen oft schon die nächsten Klicks, um in Zahlung oder weitere Dateneingaben getrieben zu werden.

Die Markt- und Bedrohungsseite untermauert die Dringlichkeit: Branchenbeobachter nennen einen Anstieg von Phishing-Angriffen auf das Gesundheitswesen um 65 Prozent in den vergangenen Jahren. Daneben wird auch SMS-Betrug als Einstiegskanal genutzt; so wurde von gefälschten SMS an Patientinnen und Patienten berichtet, die etwa bei Labcorp auf angebliche Kontostände oder Testergebnisse verwiesen haben, um Betroffene zu Phishing-Seiten zu lotsen. In der Praxis entstehen dadurch mehrere Eintrittstore gleichzeitig: Portalnachrichten für „schnelle Bestätigung“, Telefon-/Voicemail- oder SMS-Szenarien für „zeitkritische Handlungsaufforderung“ und schließlich die Zahlungs- oder Authentifizierungsphase, in der sich Angreifer den eigentlichen Vorteil verschaffen.

Auch die finanziellen Dimensionen zeigen, warum Präventionsmaßnahmen im Gesundheitsumfeld nicht bei Awareness-Kampagnen stehen bleiben sollten. US-Behörden fahnden derzeit nach vier pakistanischen Staatsbürgern, denen ein Medicare-Betrugsschema in Höhe von 703 Millionen US-Dollar mutmaßlich vorgeworfen wird; nach Angaben der US-Behörden sollen die Vorfälle zwischen Januar 2023 und April 2025 über ein Callcenter gelaufen sein und es sollen dabei 418,6 Millionen US-Dollar tatsächlich ausgezahlt worden sein. Parallel dazu melden Sicherheitsforscher einen massiven Zuwachs bei mobilen Banking-Trojanern: Im ersten Quartal 2026 seien über 162.000 neue Varianten entdeckt worden, das entspreche mehr als einer Verdopplung gegenüber dem gesamten Jahr 2024. Für Organisationen heißt das: Neben dem Schutz des Portals selbst müssen Endgeräte, Hilfe- und Verifizierungsprozesse sowie Authentifizierungswege in eine gemeinsame Abwehrlogik eingebettet werden.

Als konkrete Stoßrichtung nennen Fachstimmen aus dem Gesundheitsumfeld unter anderem die Verschärfung von Verifizierungsprozessen an Helpdesks sowie die Prüfung hardwarebasierter Sicherheitsfaktoren wie FIDO2. Genau diese Kombination adressiert die Schwachstelle, die Phishing-Kampagnen typischerweise nutzen: Nutzerströme werden zwar durch Portale oder Kommunikationskanäle gelenkt, aber die sichere Entscheidung darf nicht ausschließlich am „vertrauenswürdigen Text“ hängen. Unternehmen können außerdem ihre internen Abläufe so ausrichten, dass Zahlungen nur über klar identifizierte, technisch geprüfte Pfade angestoßen werden; dazu gehören auch Prozesse, die verdächtige Portalmeldungen nicht nur „lesen“, sondern unmittelbar verifizieren. Im Ergebnis sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass aus einer gefälschten Nachricht eine echte Zahlungs- oder Identitätsaktion wird.


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