LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Regierung weitet den Zollstreit mit Kanada aus und verhängt ein Einfuhrverbot unter anderem für bestimmte kanadische alkoholische Getränke, Motorräder und Milchprodukte. Zusätzlich kommen weitere Zölle von 50 Prozent auf weitere Produkte hinzu, während Kanada mit Abgaben auf US-Waren reagiert. Für Deutschland und die EU ist entscheidend, dass Washington nicht nur Strafzölle erhöht, sondern gezielt Marktzugänge verengt. Das könnte grenzüberschreitende Lieferketten neu ausrichten und auch andere Handelskonflikte politisch härter machen.

Die jüngste Eskalation im Handelskonflikt zwischen den USA und Kanada wirkt auf den ersten Blick wie ein Streit um konkrete Produktkategorien. Gleichzeitig macht die Art der Maßnahmen deutlich, dass es inzwischen weniger um reine Zollhöhen geht als um die politische Steuerung von Märkten. Das Weiße Haus teilte mit, dass die USA ein Einfuhrverbot unter anderem für bestimmte kanadische alkoholische Getränke, Motorräder und Milchprodukte verhängen. Die Maßnahme soll am 29. September in Kraft treten; parallel werden weitere Produkte mit zusätzlichen Zöllen von 50 Prozent belegt. Damit rückt ein Mechanismus in den Vordergrund, der für Unternehmen nicht nur Kosten bedeutet, sondern auch Planungsrisiken in der Beschaffung und im Vertrieb erhöht.
Technisch und wirtschaftlich relevant ist dabei weniger das Schlagwort „Zollstreit“, sondern die konkrete Kombination aus Importverbot und hohen Zusatzabgaben. In der Logik solcher Konflikte treffen zwei Ebenen aufeinander: Erstens werden bestimmte Warenströme regelrecht abgeschnitten, zweitens werden verbleibende Handelswege über Strafzölle verteuert. Genau diesen Wechsel beschreiben Gesprächspartner aus der Politik- und Wirtschaftsforschung mit Blick auf die Qualität der neuen Eskalationsstufe. Christian Lammert, Professor für Politikwissenschaft am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien (DGfA), bringt es auf den Punkt: „Aus meiner Sicht markieren die angekündigten US-Importverbote gegen ausgewählte kanadische Waren eine deutliche Eskalation des Konflikts.“ Aus seiner Sicht liegt die neue Qualität vor allem darin, dass die US-Regierung statt hoher Strafzölle gezielte Marktausschlüsse einsetzt.
Für Europa und Deutschland wächst daraus ein zweifacher Druck. Unmittelbar sind die Auswirkungen zwar begrenzt, solange europäische Produkte nicht direkt von den US-Maßnahmen erfasst werden. Mittelbar können sie jedoch erheblich sein, weil deutsche Unternehmen in Lieferketten eingebunden sind, die den nordamerikanischen Raum als zusammenhängenden Wirtschafts- und Produktionsknoten behandeln. Lammert beschreibt das Risiko konkret: Deutsche Unternehmen mit Produktionsstandorten, Zulieferern oder Absatzbeziehungen in Nordamerika müssten „mit höheren Kosten, Umleitungen von Handelsströmen und einer wachsenden Unsicherheit in grenzüberschreitenden Lieferketten rechnen.“ Das ist nicht nur ein theoretisches Handelsproblem, sondern betrifft in der Praxis auch Produktions- und Logistikketten, bei denen sich Vorlaufzeiten, Zollabwicklung und Vertragspartner kurzfristig ändern können.
Die Zeitachse ist dabei ein weiterer Faktor: Das US-Einfuhrverbot soll zum 29. September greifen, während Kanada auf frühere US-Zölle bereits Abgaben auf importierte US-Waren im Wert von 20 Milliarden US-Dollar eingeführt hat. Diese Form der Gegenmaßnahmen schafft ein Umfeld, in dem Unternehmen nicht darauf vertrauen können, dass sich die Lage auf eine „klassische“ Zollkorrektur reduziert. In der Unternehmensrealität bedeutet das: Schon geringfügige Änderungen bei Ursprungsregeln, Warentarifen oder Zulassungsstatus können darüber entscheiden, ob Lieferungen reibungslos durchlaufen oder als „nicht zollfrei“ neu bewertet werden müssen. Für Firmen, die Kanada als Produktions- oder Vorstufenstandort für den nordamerikanischen Markt nutzen, entsteht damit ein operatives Risiko, das sich nicht durch reine Preisverhandlungen wegorganisieren lässt.
Besonders deutlich wird die Betroffenheit in Branchen, in denen Wertschöpfung grenzüberschreitend organisiert ist. Thomas Jäger, Professor für Internationale Politik und Außenpolitik an der Universität zu Köln, verweist darauf, dass „deutsche und europäische Firmen davon erheblich betroffen [sind], wenn sie in Kanada produzieren“. In seiner Einordnung nennt er außerdem konkrete Wirkungsfelder: „In der Automobil-, Chemie- und Elektrobranche können erhebliche Wirkungen anfallen.“ Das lässt sich technisch erklären, weil in diesen Sektoren häufig spezialisierte Komponenten, Vorprodukte und Zulieferbeziehungen so miteinander verzahnt sind, dass eine Verschiebung von Lieferströmen zwar möglich, aber teuer und zeitintensiv ist. Wenn dann Zölle oder Importverbote einzelne Waregruppen treffen, verlagern sich Mengen und Einkaufsquellen oft nicht „linear“ über Nacht, sondern in Wellen, abhängig von Qualifizierung, Logistikfenstern und Vertragslaufzeiten.
Neben dem Kostendruck spielt auch die strategische Frage eine Rolle, wie Unternehmen ihre Produktionsanteile ausbalancieren. Jäger beschreibt als Option, dass Lieferketten „neu justiert“ werden könnten, um den Anteil an nordamerikanischer Produktion zu erhöhen, weil dann manche Produkte zollfrei sein könnten. Diese Perspektive ist für Entscheider besonders relevant, weil sie die Eskalation in die Nähe von Standort- und Investitionsentscheidungen rückt. Gleichzeitig bleibt aber unklar, wie lange die Situation anhält und ob sich der Konflikt weiter „vertikal“ ausdehnt – etwa auf weitere Warengruppen oder Regionen. Jäger warnt jedenfalls vor einer falschen Beruhigung: „Das muss noch nicht das Ende des Wirtschaftskriegs sein, den Trump gegen Kanada führt.“ Für die EU bedeutet das: Handels- und Industriepolitik geraten stärker in eine gemeinsame Abwägung aus Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und außenpolitischem Kalkül.
Trotz der Risiken gibt es laut Wirtschaftsvertretern auch Chancen – allerdings eher indirekt. Volker Treier, Außenwirtschaftschef der DIHK, argumentiert, dass der Zugang zum US-Markt für kanadische Unternehmen schwieriger werden könnte und dadurch das Interesse an alternativen Absatzmärkten steigt. Treier sagt: „Wenn der Zugang zum US-Markt für kanadische Unternehmen schwieriger wird, dürfte ihr Interesse an alternativen Absatzmärkten wachsen.“ Für die EU verweist er zudem auf das Handelsabkommen CETA als mögliche Grundlage. Seit dem vorläufigen Inkrafttreten 2017 sei der Warenhandel zwischen EU und Kanada um 76 Prozent gewachsen, allerdings sei „das Potenzial längst nicht ausgeschöpft“. Auch das stützt die Logik, dass zusätzliche Liefer- und Vertriebsrouten sich mittelfristig verfestigen können, selbst wenn der aktuelle Konflikt zuerst wie eine Belastung wirkt.
Ein weiterer Indikator kommt aus den Exportdaten: Laut Angaben von Statistics Canada seien kanadische Exporte in Länder außerhalb der USA im Juli den dritten Monat in Folge gestiegen und hätten mit 25,6 Milliarden kanadischen Dollar (etwa 15,9 Milliarden Euro) einen Rekordwert erreicht. Dirk Jandura, Präsident des Exportverbands BGA, interpretiert das als Signal, dass Kanada seine Exporte stärker auf Märkte außerhalb der USA ausrichtet, und führt aus: „Wir sehen tatsächlich bereits erste deutliche Anzeichen dafür, dass Kanada seine Exporte stärker auf Märkte außerhalb der USA ausrichtet.“ Wenn der Zoll- und Sanktionsdruck in den USA steigt, kann das Unternehmen und Lieferanten dazu zwingen, Marktportfolios schneller zu diversifizieren. Für deutsche Unternehmen heißt das nicht automatisch „Entwarnung“, aber es kann neue Handelsfenster eröffnen, etwa dort, wo europäische Nachfrage kurzfristig günstige Konditionen bietet oder wo Umstrukturierungen in kanadischen Lieferketten neue Kooperationsbedarfe erzeugen.
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