BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Zollkonflikt zwischen der US-Regierung und Kanada verschärft sich, mit angekündigten Einfuhrverboten für bestimmte Waren ab dem 29. September. Deutsche Wirtschaftsverbände erwarten dadurch eine stärkere Ausrichtung des kanadischen Handels Richtung Europa. Volker Treier von der DIHK sieht sogar einen „positiven Nebeneffekt“: Europa könne als verlässlicher Handelspartner gewinnen. Gleichzeitig verweist der BGA auf bereits spürbare Wachstumsimpulse durch CETA und auf weiteres Potenzial für Maschinen, Produkte und Technologien.

Der Zollstreit zwischen der Trump-Regierung und Kanada bekommt in der Praxis ein neues Gewicht: Die US-Seite kündigt Einfuhrverbote für ausgewählte Produkte aus dem Nachbarland an, während zuvor bereits Zölle auf kanadische Waren verhängt worden waren. Für Europa und speziell für deutsche Firmen mit Blick auf Nordamerika klingt das zunächst paradox. Genau hier setzen jedoch zwei zentrale Stimmen aus der deutschen Außenwirtschaft an: DIHK und BGA argumentieren, dass eine Verlagerung von Handelsströmen innerhalb kurzer Zeit neue Absatzchancen eröffnen kann. Volker Treier, Außenwirtschaftschef der DIHK, bringt es dabei auf einen klaren Nenner: „Aber jeder neue Zoll, den die USA gegen ihre Handelspartner verhängen, hat einen kleinen positiven Nebeneffekt: Solche Zolleskapaden machen Europa als verlässlichen Handelspartner attraktiver.“
Technisch ist der Zusammenhang keine Frage von „Umorientierung per Klick“, sondern von Lieferketten, Zertifizierungszyklen und Mindestmengen, die an bestehende Vertriebsschienen gekoppelt sind. Wenn der Zugang zum US-Markt für kanadische Anbieter schwieriger wird, steigt für diese Unternehmen der Druck, Alternativen zu erschließen. Treier erwartet daher, dass Kanada sein Interesse an anderen Absatzmärkten erhöht. „Wenn der Zugang zum US-Markt für kanadische Unternehmen schwieriger wird, dürfte ihr Interesse an alternativen Absatzmärkten wachsen“, sagte er. Das kann auch bedeuten, dass sich Einkaufsportfolios bei europäischen Importeuren schneller verändern als zuvor geplant – nicht nur bei Rohstoffen, sondern bei fertigeren Erzeugnissen, deren Preisstellung im Wettbewerb stärker über Zölle als über reine Produktionskosten gesteuert wird.
Konkreter wird die Perspektive beim Exportverband BGA. Dirk Jandura, Präsident des BGA, beschreibt den Mechanismus als eine Art Handelsgeometrie: „Wenn sich bei den Nachbarn eine Türe schließt, schaut Kanada zwangsläufig stärker über den Atlantik.“ Für Europa folgert er daraus: „Und Europa sollte diese Türe weit aufmachen.“ Wichtig ist dabei die Branchenlogik. Jandura argumentiert nicht im luftleeren Raum, sondern verweist darauf, dass sich die kanadische Wirtschaft bereits neu ausrichtet. Als belegbares Indiz nennt er Zahlen von Statistics Canada: Kanadische Exporte in Länder außerhalb der USA seien im Juli den dritten Monat in Folge gestiegen und hätten mit 25,6 Milliarden kanadischen Dollar einen Rekordwert erreicht; Deutschland sei dabei „zu den wichtigsten Zielländern“ gezählt. Für deutsche Unternehmen liest sich das wie eine mögliche Beschleunigung eines Trends, der sonst langsamer über Rahmenverträge und Ausschreibungen laufen würde.
Dass der Effekt für Deutschland nicht automatisch groß ausfällt, macht zugleich die aktuelle Ausgangslage deutlich. Kanada spielt im deutschen Außenhandel bislang eine eher untergeordnete Rolle: In der Rangfolge der wichtigsten Importländer steht Kanada nur auf Platz 31, weit hinter China, den Niederlanden und den USA; bei den Exporten deutscher Firmen liegt Kanada lediglich auf Platz 25 mit einem Volumen von 12,5 Milliarden Euro. Die Verbände sehen gerade darin das Potenzial: Wenn ein Marktanteil bislang klein ist, kann schon eine moderate Umleitung überdurchschnittlich wirken. Bereits 2025 seien die deutschen Warenimporte aus Kanada um knapp 28 Prozent auf rund 9,1 Milliarden Euro gestiegen, so die Darstellung im Kontext der Eskalation. Damit wird die Debatte auch zu einer Frage des Timing: Wer früh in neuen Beschaffungs- und Einkaufszyklen steht, kann Lieferbeziehungen etablieren, bevor sich neue Gleichgewichte einpendeln.
Breit historisch betrachtet liefert das Handelsabkommen CETA einen Teil der Erklärungsbasis dafür, warum Europa als Zielregion überhaupt zusätzliche Relevanz bekommen kann. Treier verweist darauf, dass die EU mit CETA bereits eine Grundlage geschaffen hat: Seit dem vorläufigen Inkrafttreten 2017 sei der Warenhandel zwischen der EU und Kanada um 76 Prozent gewachsen, dennoch sei das Potenzial „längst nicht ausgeschöpft“. Der BGA unterstreicht diesen Punkt mit einer zweiten Perspektive: Der Warenhandel zwischen EU und Kanada sei binnen acht Jahren von gut 46 auf 81,5 Milliarden Euro gestiegen. Gleichzeitig bleibt die Bedeutung im größeren EU-Kontext begrenzt – Kanada mache nur rund 1,8 Prozent des EU-Warenaußenhandels aus. Genau dieser Kontrast aus Wachstum und relativer Kleinheit macht die Chancenrechnung plausibel: Es gibt Bewegung, aber offenbar noch keinen Zustand, in dem Marktteilnehmer bereits „voll“ aufeinander eingestellt sind.
Die unmittelbare Eskalation liefert zugleich das kurzfristige Szenario, das die Verbände antreibt. Die USA haben nach Angaben aus den Dekreten des Präsidenten angekündigt, dass einige Molkereiprodukte, alkoholische Getränke und Motorräder ab 29. September nicht mehr in die Vereinigten Staaten eingeführt werden sollen. Darüber hinaus folgte unmittelbar zuvor eine Anordnung an US-Behörden, künftig keine kanadischen Produkte mehr zu beziehen. Gleichzeitig passte die US-Regierung Zölle für bestimmte Waren an, darunter Steinsalz und Zement mit geplanter Aufhebung zum 15. September sowie zusätzliche Positionen bei Geländefahrzeugen und weiteren Molkereiprodukten. Kanada wehrt sich derweil: Erst in der Nacht zum Dienstag seien kanadische Gegenzölle auf US-Importe in Kraft getreten, unter anderem auf Stahl und Aluminium, Haushaltsgeräte, landwirtschaftliche Ausrüstung, Papier und Elektronik. Solche Spiralen aus Zöllen und Gegenzöllen wirken selten linear; sie erzeugen vielmehr eine Kaskade aus Preisverhandlungen, Lieferantenwechseln und Vertragsanpassungen.
Für deutsche Verbraucher und Unternehmen ordnet Jandura die erwarteten Effekte vorsichtig ein. Eine massive Warenumleitung nach Europa würde er nicht erwarten. „Produkte ließen sich nicht beliebig von einem Markt auf den anderen umleiten“, sagte er. Die Richtung ist aber klar: Mehr Angebot bedeutet tendenziell mehr Wettbewerb. Jandura hält dagegen: „Kanadische Waren werden jetzt nicht plötzlich zum Schnäppchen im deutschen Supermarkt. Aber mehr Angebot bedeutet mehr Wettbewerb – und das ist grundsätzlich gut für Händler und Verbraucher.“ Entscheidend ist die praktische Umsetzung, etwa welche Produktspezifikationen, Logistikwege und Service-Level in Europa bereitstehen, wenn die Handelsströme sich verschieben. Unternehmen, die Maschinen, Komponenten oder technologieintensive Lösungen in kanadische Lieferketten oder deren europäische Ersatzmärkte hinein liefern, können daraus Wettbewerbsvorteile ableiten – vorausgesetzt, sie können kurzfristige Nachfrageverschiebungen in Vertrieb und Produktion organisatorisch abfangen.
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